Ein Hort der deutschen Sprache im Nordosten Sibiriens

Als die Götter über die Erde flogen, um die Naturreichtümer zu verteilen, ließen sie hie und da ein paar Edelsteine fallen. Über Sacha-Jakutien froren ihnen die Hände und sie mußten den Sack mit der ganzen Fülle ihrer Schätze fallenlassen, denn es war Winter.
Eine jakutische Überlieferung trifft wohl sehr genau die Vorstellungen, die man im gemäßigten Klima Mitteleuropas von diesem fernen Land im Nordosten Sibiriens hat. Ich will es zugeben, auch meine Bilder im Kopf waren nicht sehr viel bunter, als mich der letzte Sommer in die Weite dieses riesigen Landes verschlug. Immerhin hatte es sich bis ins ferne Deutschland herumgesprochen, daß man sich auch hier für die deutsche Sprache und Kultur interessiert. So erwartete mich eine kleine Gruppe von Deutschlehrerinnen und –lehrern(!) in der Hauptstadt Jakutsk, um sich zwei Ferienwochen lang in das Abenteuer einer Fortbildung zu stürzen. Zunächst überrascht, über die guten Sprachkenntnisse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wurde mir bald ein großer Vorteil beim Erlernen der deutschen Sprache klar: Die Jakuten sind das am weitesten nördlich lebende Volk, das der türkischen Sprachfamilie angehört. Die Sprache wird sorgsam gepflegt. Etwa 90% der Jakuten sprechen Jakutisch als Hauptsprache. Ihre Märchen und Mythen wurden vor mehr als 150 Jahren ins Deutsche übertragen. Ein Deutscher, Otto Böthlingk, hat das Jakutische in den Rang einer Schriftsprache erhoben. Vielleicht rührt daher die überraschende Affinität der Jakuten für die deutsche Sprache und ihre Fähigkeit, sie mit sehr viel weniger Akzent zu sprechen, als es Russen im allgemeinen vermögen.
Doch nicht nur Deutschlehrer sollten mich überraschen, auch ihre Schüler, mit denen ich in der Sacha-Deutschen Sommerschule zusammentraf. Diese Schule, oder sollte man besser sagen dieses Sprachferienlager, besteht seit nun schon fünf Jahren. Es liegt in der Nähe der Siedlung Amga, ca. 200 km östlich von Jakutsk am gleichnamigen Fluß. Hier kommen in jedem Sommer für drei Wochen etwa 40 Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Land zusammen, die sich durch besonders gute Kenntnisse der deutschen Sprache auszeichnen und dies bei verschiedenen Wettbewerben und Olympiaden unter Beweis gestellt hatten oder einfach ein besonderes Interesse an Deutschland, seiner Sprache und Kultur haben. Dies ist schon erstaunlich, denn auch im hiesigen Alltag ist eine starke Amerikanisierung auf Schritt und Tritt spürbar. Besonderer Wert wird auf die Förderung von Schülern aus den entlegenen Landesteilen gelegt, denn allein die Hauptstadt bietet eine vielfältige Schullandschaft, in der es auch die Möglichkeit gibt, unter verschiedenen Fremdsprachenangeboten zu wählen.
Zum Angebot der Sommerschule gehören täglich mehrere Stunden Deutschunterricht, aber auch eine Vielzahl von Freizeitaktivitäten. Hier fand ich übrigens viele Ideen und Anregungen aus der Lehrerfortbildung wieder, für deren Umsetzung im Schulunterricht es offenbar an Zeit und Raum fehlt. Der nahe gelegene Fluß mit seiner ruhigen Strömung und seinem klaren Wasser lockt zum Bade, einem Vergnügen, dem man sich bei um die 40° C kaum entziehen kann.
In der Sacha-Deutschen Sommerschule arbeiten die besten Deutschlehrer der Republik unentgeltlich, sofern sie die Anreise bezahlen können. Sie beziehen aus der Arbeit hier einen Großteil ihrer beruflichen Motivation. Ich traf während meines Aufenthalts eine junge Kollegin aus Kolumbien, die hier Deutsch als Fremdsprache unterrichtet und sich selbst von den hiesigen klimatischen Extremen und Lebensbedingungen nicht abschrecken ließ, leider aber niemanden aus Deutschland. Allein für die letze Woche des Sprachlagers hatten sich Lehrer aus Deutschland angesagt, die zudem die An- und Abreise und den Aufenthalt hier selbst finanzieren mußten.
In das gesamte Unternehmen fließt kein Pfennig aus Deutschland und auch die bisherige Finanzierung durch das Bildungsministerium der Republik Sacha-Jakutien steht zur Disposition. Zwar ist das Land reich an Bodenschätzen, ihr Ausverkauf läuft auf vollen Touren, aber es ist zumindest fraglich, ob die von Moskau zugesagten 16% bis 20% der Gewinne auch tatsächlich in die Region zurückfließen. Hier glaubt niemand daran.
Die Sacha-Deutsche Sommerschule "Uuneejis" macht ihrem Namen alle Ehre. Hier gedeiht eine seltene Pflanze, so der Name der Schule auf Deutsch, die gepflegt sein will. Lager und Umgebung bieten vielfältige Möglichkeiten, die weit über den Rahmen des Deutschunterrichts hinausgehen könnten. Denkbar wären Projekte zur Botanik, zum Umweltschutz, wofür die traditionelle Naturverbundenheit der Jakuten gute Ansätze liefern könnte, oder aber auch die Eigenproduktion eines Videos durch die Kinder und Jugendliche. Für Angebote von Muttersprachlern ist die Organisatorin der Sommerschule, Olga Kytschkina, immer offen.

Hier die Kontaktadresse:     Olga Michailowna Kytschkina
                                           677 008 Jakutsk
                                           ul. Kalandaraschwili 40/6 kw. 23
 
                                           Telefon: 007-4112-25-02-76
                                           Fax: 007-4112-42-03-56

Susanne Bandau
 

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