Leibniz, der russische
Solon
Die DAMU bereitet gemeinsam mit der Vereinigung für
deutsch-russisches Wirtschaftsrecht e.V. Hamburg eine Veranstaltung vor,
die gegen Ende des Jahres in Berlin zum Thema "Reformen in Rußland
- Peter l. und Leibniz und der Transformationsprozeß der Gegenwart"
stattfinden soll. Das Programm sieht für den zweiten Teil Vorträge
eines russischen Gouverneurs und deutscher Wirtschaftspolitiker vor, zur
Rückbesinnung und zur Erörterung der Probleme, deren Brisanz
inzwischen auch für deutsche Beobachter zu Tage getreten ist. Man
wird wohl, denke ich, auch darüber zu sprechen haben, was für
Reformen es denn überhaupt sein müssen (und längst hätten
sein sollen), die Rußland wirklich braucht - auch im wohlverstandenen
Interesse Europas in seiner Gänze. Auf diese Frage könnte der
Veranstaltung erster Teil, getragen von deutschen und russischen Leibniz-Experten,
einstimmen, der nicht nur eines runden Jubiläums halber - vor 300
Jahren war Peters Große Gesandtschaft nach Westeuropa zu Ende gegangen
- berechtigt ist. Leibniz, dieser liebenswerte Mann, der scharfe Denker,
große Europäer und unermüdliche Hervorbringer von Theorien
- mathematischen, völkerrechtlichen, philosophischen, naturwissenschaftlichen,
theologischen, philologischen und vielen anderen - und von komplexen Projekten,
von technischen Lösungen - Bergwerksmaschinerie, Computervorläufer
(da er doch seine Rechenmaschine ursprünglich digital hatte arbeiten
lassen wollen), bis hinab zum Kleinsten, dem Dübel; Gestalter juristischer
Entwürfe - denn er war, der Ausbildung nach, mit Vergnügen und
oft zum Broterwerb, auch und nicht zuletzt Jurist - und was er nicht alles
noch war! dieser Leibniz fühlte menschlich-freundlich und dachte so,
daß man es heute sozial nennen würde: Postulat des Sittlichen
für politische Verfassungen. Aber nicht abstrakt konstruiert, sondern
historisch konkret, empirisch, psychologisch begründet und sehr praktisch,
wie er es immer mochte - "Denn es sind die Taten, die wir bezwecken, nicht
Spekulationen" - : Wohlergehen möglichst Vieler. Öffentliche
Sicherung der Gelegenheit zur Arbeit, Förderung eines vernünftigen
Versicherungswesens, sozial gemeinter Gesundheitsschutz, ein Bankwesen,
das es auch Rentnern gestattet, ihr Geld sicher anzulegen; Maßnahmen,
Müßiggänger und Arbeitslose in Arbeit zu setzen, arme Leute,
"deren Kunst nach brodte gehet..., im Lande zu erhalten, in arbeit zu stellen,
vom bettelstab zu praeservieren"; verarmten Erfindern, die "ihrer extravaganz
wegen sich ruiniret, auch durch Unglück verderbten Kaufleuten" auf
die Beine zu helfen; das eigene Land nicht völlig vom Auslande abhängig
werden lassen. Rohmaterialien sollten möglichst im Lande selbst verarbeitet,
fremde,
schlechte
Waren (der Rußlandreisende fand bis vor kurzem statt Kefir überalterte
Danone...) aus dem Lande ferngehalten werden; und vieles andere in dieser
Art. Auch seiner Theorie von der "besten aller Welten" - von Voltaire,
den freilich ein solches Motto reizen mußte, beißend, aber
ungerecht verspottet - lagen materialistische Einsicht, historische Rücksicht
und ethische Positionen mit zu Grunde - insofern, als, erstens, Leibnizens
Welt zunächst die der Natur war, und, zweitens, soziale und moralische
Zustände, historisch relativiert, als in Entwicklung begriffen und
der Fortentwicklung bedürftig dargestellt wurden. Dies hier gesagt
durchaus mit Bezug auf Leibnizens Rußlandbild und seine Rußland-Aktivitäten.
Zu Rußland hat Leibniz eine starke, wachsende Affinität
gezeigt. Nachdem er, trotz Bemühens, Zar Peter bei dessen Aufenthalt
in Coppenbrügge 1697 noch nicht treffen konnte, teils, weil er als
Nichtadliger wohl nicht zugelassen war, teils wegen des etwas konspirativen
Charakters des Besuchs, hatte er dann doch Begegnungen mit Peter, ihrer
drei: 1711, 1712 und 1716, doch niemals in Rußland. Bekannt sind
Leibnizens Arbeiten zum Magnetfeld im russischen Reich, noch mehr seine
wissenschaftsorganisatorischen Anregungen, ohne die die Petersburger Akademie
der Wissenschaften so, wie sie wurde, nicht zustandegekommen wäre.
Weniger bekannt hingegen sein Wirken als "russischer Solon", als der er
sich, zurecht, mit ironisierendem Stolz seiner geistigen Partnerin und
Vertrauten, Königin Sophie Charlotte, einmal bezeichnet hat. Grundlinien
eines Gesetzgebungswerks, auf einer, wie er irrend meinte, tabula rasa
zu errichten, Steuerprinzipien, daß einem noch heute das Herze lacht,
oder man doch schmunzelt, überhaupt ein durchdachtes Konzept zum Finanzsystem.
Peter machte ihn zum russischen Geheimen Justizrat (die originale Urkunde
liegt zu Hannover im Tresorraum, wo auch seine Rechenmaschine steht), für
1000 Taler jährlich, die er auch bekommen hat. Aber gehört hat
man dort wenig auf ihn (das ging ihm in Brandenburg und Hannover, wo er
zunehmend mißachtet, ja schikaniert wurde, oft nicht anders), weniger,
als man in Jelzins Rußland auf so manche Berater gehört hat.
Doch Leibnizens Ratschläge, Konzepte und Pläne waren klug, und
er fühlte sich, über die 1000 Taler weit hinaus, innerlich beteiligt.
Ehrenfried Stelzer
Das freundlich-wache Portrait-Initial im Textblock: Zeichnung
von Menzel; die gezeigte Büste (steht im Treppenhaus der Niedersächsischen
Landesbibliothek Hannover) von Johann Gottfried Schmidt, um 1788.Die beste
Einführung in den Kosmos Leibniz, die man sich wünschen kann,
gibt die rororo-Monographie Gottfried Wilhelm Leibniz von Reinhard Finster
und Gerd van den Heuvel. Reinbeck, 3.A. 1997. Siehe auch Sandvoss, Ernst
R., Gottfried Wilhelm Leibniz. Jurist -Naturwissenschaftler - Politiker
- Philosoph - Historiker - Theologe. Göttingen, Zürich, Frankfurt
1976; Wilhelm Totok und Carl Haase (Hg.), Leibniz. Sein Leben - sein Wirken
-seine Welt. Hannover 1966; Festgabe für Rudolf von jhering, Aalen
1979, und als klassisches Buch: Ger'e (Guerrier), VIadimir Ivanov, Leibniz
und seine Zeit. Bd 2: Leibniz' Beziehungen zu Rußland und Peter dem
Großen (russ.), StPeterburg, Golovin 1871; Sammlung von Briefen und
Memorialen Leibniz', Rußland und Peter den Großen betreffend
(russ.), StPeterburg 1873. Weitere Literaturangaben beim Verfasser.
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