Bereits seit einiger Zeit reift in der DAMU ein neues
Expeditionsprojekt, das den Spuren der deutschen Völkerkundler folgen
soll, welche zu Beginn des Jahrhunderts die Siedlungsgebiete der Uiguren
bereisten.
„Wir halten es für eine
nationale Ehrenpflicht ..."
Deutsche Expeditionen nach
Ostturkestan
Zum Andenken an meinen verstorbenen Vater
Um das Jahr 1900 herum wurden Berichte von Kaufleuten und
Reisenden über zahlreiche Höhlentempel und Stadtruinen in Zentralasien
bekannt; die über Jahrhunderte vergessene Kultur der Uiguren wurde
wiederentdeckt. Unter den Forschungsreisenden zahlreicher Nationen brach
ein regelrechter Wettstreit um die Erkundung dieses unbekannten Landes
aus, an dem sich auch deutsche Asienkundler beteiligten. Diese waren aber
längst nicht die ersten, die Expeditionen nach Ostturkestan (Nordwestchina,
heutige Provinz Xinjang) unternahmen. Zu den Pionieren gehörte
der Schwede Sven Hedin, der in den Jahren 1895-1897 zu den „verlorenen
Städten der Taklamakan" reiste. 1898 begab sich der russische Gelehrte
Dimitri Klementz im Auftrage der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg
nach Turfan und brachte von dort Handschriften und Fragmente von Wandmalereien
mit. In den Jahren 1900 und 1901 bereiste der Engländer Aurel Stein
Zentralasien. Er wurde vor allem durch die Erforschung von Khotan an der
südlichen Seidenstraße berühmt.
Der 12. Orientalistenkongreß in Rom 1899 und Gespräche
mit den russischen Gelehrten Radloff und Salemann in seinem Vorfeld bewegten
den Direktor des Berliner Museums für Völkerkunde, Professor
Albert Grünwedel (1856-1935), eigene Zentralasien-Expeditionen zu
organisieren. In einer im Februar 1904 erschienenen Notiz schreibt er dazu:
„Wir können mit Vergnügen darauf hinweisen, daß die Russen
uns im Gegensatz zu den Engländern hilfreich zur Seite stehen, aber
es ist nicht zu verkennen, daß auch hier nur eine günstige augenblickliche
Lage sich bietet. Solange Gelehrte wie Radloff und Oldenburg entscheidend
wirken können - sie können es als Akademiker - ist eine antideutsche
Bewegung nicht zu fürchten. Unter diesen Umständen ist Gefahr
im Verzug. Wir halten es für eine nationale Ehrenpflicht, daß
Deutschland nicht hinter anderen Ländern zurückbleibe und die
gebotene günstige Lage rechtzeitig und mit ausreichenden Mitteln ausnütze."
Mit den Deutschen konkurrierten Russen, Engländer, Japaner. Daß
diese Konkurrenz nicht angenehm war, davon zeugt der folgende Bericht des
berühmten Berliner Sanskristen Pischel vom 21. März 1905: „Nach
einem Brief des Herrn von Lecoq vom 11. Dez. 1904 ist Herr Dr. Kochanowski
einen Tag nach dem Eintreffen der deutschen Expedition nach Urumci dieser
nachgeeilt, hat sie überholt und in Turfan Papiere und dgl. aufzukaufen
gesucht. Er hat ferner in Begleitung eines deutschen Uhrmachers dort Ausgrabungen
gemacht, zweifellos in unwissenschaftlicher Weise, da Herr v. Lecoq alles
in trostlosem Zustand gefunden hat. Wir ersuchen daher das russische Comitee
im Interesse der Wissenschaft auf Herrn Kochanowski seinen ganzen Einfluß
dahin ausüben zu wollen, daß er seine Sammeltätigkeit in
dieser Gegend einstellt." Auch Grünwedel berichtet am 9. November
1902 an die Generalverwaltung der Königlichen Museen zu Berlin: "...
sehr unangenehm aber war für uns die Nachricht, daß eine japanische
Expedition auf dem Wege nach Turfan sei ...".
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Lecoq und Grünwedel (sitzend),
Bartus und Pohrt (alle mittlere Reihe von rechts nach
links)
während der dritten Ostturkestan-Expedition |
Die erste deutsche Turfan- Expedition (Dezember 1902-
April 1903) wurde von Albert Grünwedel geleitet, die zweite Unternehmung
zwischen November 1904 und August 1905 von A. Lecoq (1860-1930). Lecoq,
dessen Familie 1690 aus Metz nach Berlin kam, erhielt in den Jahren
1881-1887 eine kaufmännische Ausbildung in London und den USA, wobei
er nebenbei auch ein medizinisches Diplom ablegte. Nach seiner Rückkehr
wurde er Teilhaber der väterlichen Sämerei-Großhandlung
in Darmstadt. 1900 verkaufte er das Geschäft, um als Volontär
an das Museum für Völkerkunde nach Berlin zu gehen. Erste Expeditionen,
in deren Folge er kurdische Texte veröffentlichte, führten ihn
1901/02 nach Syrien. Auf seinem Grabstein in Berlin-Dahlem wird Lecoq als
„kühner Forscher" und „tiefer Denker im Reiche der Völkerkunde"
verehrt. Während einer dritten Expedition (Dezember 1904- April 1907)
vereinigten sich Grünwedel und sein Begleiter, Referendar Pohrt, mit
der zweiten. Arbeitsgebiete waren die Oase von Kutscha, Karaschahr, Turfan
und Komul. Eine vierte, von Lecoq geleitete Forschungsreise fand vom April
1913 bis zum Februar 1914 statt. Hier wurden die Oasen von Kutscha
und Maralbaschi untersucht.
Natürlich war auch damals eine der wichtigsten Fragen
die nach der Finanzierung so umfangreicher Forschungsvorhaben. Die Akten
berichten von den unendlichen Mühen Grünwedels, seine Pläne
zu verwirklichen. So schreibt er an seine Frau am 21. November 1905: „Unser
Geld ist durchaus unzureichend und wenn nicht auf ausgiebige Reserve, zunächst
mindestens 10 Tausend Mark zu rechnen ist, müßte ich im März
sofort umkehren. Die Reise macht mir keine besondere Freude, aber ich mache
sie als Pflichtsache ...". Das benötigte Geld kam aus verschiedenen
Quellen - dem Budget des Berliner Völkerkundemuseums, der Kasse Wilhelm
II., von einem Ethnologischen Hilfskomitee in Berlin und nicht zuletzt
gingen große Beträge von Privatpersonen ein. Dazu schreibt Lecoq:
„Die beiden genannten Personen (gemeint sind Krupp und Simon) haben mir
schon wieder größere Summen zum Ankauf einer prächtigen
Gandhara-Skulpturen-Sammlung zur Verfügung gestellt."
Die Expeditionen arbeiteten sehr erfolgreich, sie konnten
eine große Anzahl zum Teil verschütteter, in Berghänge
eingegrabener Höhlen finden und freilegen. Die technisch schwierige
Arbeit mußte oft unter Lebensgefahr und unter primitivsten Verhältnissen
sowie mit Hilfe unerfahrener einheimischer Arbeiter durchgeführt werden.
Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren schlecht. Der Arbeitstag begann
mit Sonnenaufgang, oftmals schon vor 4 Uhr morgens, und dauerte mindestens
bis 19 Uhr. Nach der Arbeit wurden die Helfer bezahlt, die Funde registriert
und verpackt, die Ausgaben eingetragen, Briefe geschrieben und das einfache
Abendbrot eingenommen. Die Forscher lebten eine Zeitlang von Tee, Brot,
Palao (in Hammelfett gedämpfter Reis) und Früchten. "Aber mit
zunehmender Hitze, - schreibt Lecoq, - wurde das Hammelfett schnell ranzig
und damit mußten wir auf den Genuß dieses Hauptgerichts verzichten."
Und "ohne Brot und Tee wären wir sicherlich zugrunde gegangen, denn
der übermäßige Fruchtgenuß, besonders der der Aprikosen
und Pfirsiche, bringt leicht Magen-und Darmverstimmungen hervor, die bei
der großen Hitze schwer zu beseitigen sind." Grünwedel und besonders
Lecoq gelang es, enge Kontakte zu den Einheimischen zu schaffen, so daß
diese sogar bereit waren, ihre Töchter den Männern der Expeditionen
zur Frau zu geben. In einem Brief an Lecoq schreibt Grünwedel am 3.
Januar 1905: "Ich bin neugierig zu erfahren, wer von unseren Freunden Mirab,
Xantipe etc. noch lebt." Den Techniker Bartus, der alle vier Expeditionen
begleitet hat, haben die Uiguren gar Batur genannt, was etwa Held bedeutet.
Lecoq berichtet in seinen Büchern ("Auf Hellas Spuren in Ostturkestan"
und "Von Land und Leuten in Ostturkestan") über seine Heilpraktiker-
Tätigkeit für Einheimische. Trotz des langen Arbeitstages betreute
er noch Kranke, die auch von weit entfernten Orten zu ihm kamen. "Es waren
meist Rheuma und Malariafälle, die sich uns darboten, und da Chinin
und Salicyl geradezu Wunder taten wurde der Zulauf allmählich außerordentlich
störend. Traurig war es, unheilbar Kranke zu treffen. Sie wurden mit
harmlosen Medizinen immerhin getröstet entlassen." Während des
Fastenmonats Ramadan in Kutschma waren die Leute erschöpft. Lecoq
bot auch hier eine moralische Unterstützung. Abends las er den Einheimischen
uigurische Märchen und Erzählungen vor und freute sich, wenn
er sah, wie sich ihre Gesichter von der Müdigkeit befreiten und einige
sogar zu lachen begannen. Hinter Lecoq liefen auch die Kinder hinterher,
weil er mit ihnen spielte, Märchen erzählte, sie mit Süßigkeiten
verwöhnte.
Wie bereits erwähnt, konnten die deutschen Orientforscher
eine nicht unbedeutende Zahl von Höhlen aufspüren und freilegen.
An deren Wänden fanden sich buddhistische Fresken, in den Räumen
Lehmplastiken, Tausende von Handschriften, Reste von Papier- und Seidenmalereien,
Geweben. In Kisten wurden die Fundstücke nach Deutschland verschickt,
von der ersten Expedition allein 46, von der zweiten ihrer 103. Die Funde
sind unter der Bezeichnung "Turfansammlung" bekannt geworden und zum großen
Teil im Berliner Museum für Völkerkunde bewahrt. Textfunde wurden
der Berliner Akademie der Wissenschaften zur Aufbewahrung und Bearbeitung
übergeben. Allein die Auswertung der Handschriften erbrachte Texte
in 17 verschiedenen, oft unbekannten Sprachen und 24 Schriftarten.Die Bedeutung
der deutschen Expeditionen nach Ostturkestan besteht aber ohne Zweifel
nicht nur in der großen Menge materieller Funde, sondern in den menschlichen
Kontakten, die die Teilnehmer dort knüpften und die z.T. bis in die
heutige Zeit fortleben.
Nurnisam Ismailowa
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