5 Jahre Transform-Programm der Bundesregierung - Ergebnisse und Ausblick

I. Das Transformprogramm der Bundesregierung für Rußland

Eine Übersicht über das Transform-Beratungsprogramm findet sich im Anhang.

II. Zusammenfassung der Schwerpunkte, Erfahrungen und Ergebnisse

- Regierungs- und Parlamentsberatung, insbesondere Gesetzgebungsberatungen zum Zivil- und Handelsrecht, Bankenrecht und Bodengesetzgebung: erfolgreich in der Konzeption, nicht so sehr in der Durchsetzung.
- Aufbau eines privaten Sektors, insbesondere Beratung beim Aufbau kleiner und mittlerer Unternehmen: Teilerfolge, aber schlechte Rahmenbedingungen für KMU bei Steuern, Genehmigungen und Finanzierung.
- Finanzsektor, insbesondere Beratung beim Auf- und Ausbau marktwirtschaftlich orientierter Börsen- und Bankstrukturen: Börse Teilerfolge, Banken-Pleite (s.u.).
- Agrarsektor, insbesondere Beratung bei der Restrukturierung landwirtschaftlicher Großbetriebe: insg. erfolgreich, vor allem im Vergleich zu anderen Philosophien (USAiD, IFC).
- sozialer Sektor, insbesondere Arbeitsmarktpolitik und Sozialversicherungswesen: schöne Projekte, leider nur Insellösungen.
- Aus- und Weiterbildung von Fach- und Führungskräften in Wirtschaft und Verwaltung: mit das Beste, was man von außen tun kann unter Signifikanz- und Effizienzgesichtspunkten.
Zusammengefaßt folgende Differenzierung hinsichtlich Wirksamkeit der Beratung: Auf Mikro- und Mesoebene (Unternehmenssektor und lokale Verwaltung) ganz gute Absorptionsfähigkeit für die Beratungshilfe - allerdings bisher eher Insellösungen; was noch fehlt, sind Vernetzungen/Strukturen, die nachhaltig wirken.
Auf Makroebene (gesamtwirtschaftlicher Rahmen) eher enttäuschende Ergebnisse in Rußland (anders als in den Ländern Mittelosteuropas, die an der Schwelle zum EU-Beitritt stehen).
Eine Längsschnittevaluierung der Transformberatung für einzelne Länder gibt es noch nicht, also auch nicht für Rußland. Ergebnisse und Lessons Learnt werden aber im Rahmen von Transform in Querschnittsevaluierungen von Sektoren und Projekttypen ermittelt. Solche Querschnittsevaluierungen liegen bisher vor für
- Aus- und Weiterbildung
- Berufliche Bildung
- Kammerschaftspartnerschaften
- Technologie- und Gründerzentren
- Landwirtschaft (in Bearbeitung).
Darüber hinaus gehören inzwischen Projektplanungen, Fortschrittskontrollen und Abschlußkontrollen zu allen größeren Beratungsprojekten.

III. Die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise in Rußland - Was kann Transform zu ihrer Überwindung leisten?

1. Ausgangslage - Risiken und Chancen der Krise

Hauptereignis 1998 war der Crash vom 17. August: Erklärung der Aussetzung des Schuldendienstes Rußlands für die Auslandsschulden verbunden mit dem Zusammenbruch des Marktes für Staatsschuldverschreibungen.
Folgen im Ausland:
- tiefgreifender Vertrauensverlust der internationalen Gläubiger
- Aussetzung des IWF-Hilfspakets
- Enteignungsverfahren gegen russische Banken.
Folgen im Inland:
- Auslösung einer politischen Krise - Machtverlust des Präsidenten, des präsidentennahen Apparats und der sog. Oligarchen; neue tendenziell links-nationale Regierung unter PM Primakow; stärkerer Einfluß nationalpatriotischer und kommunistischer Kräfte
- Zusammenbruch des Bankensystems und somit keine Kreditvergabemöglichkeit
- faktische Einlagenkonfiszierung, d.h. Realeinkommensverluste großer Teile der Bevölkerung
- Verlust des Vertrauens der Einleger in das einheimische Bankensystem - keine neuen Einlagen; Emissionsfinanzierung/Notenpresse; Inflationsschub (1-10/98: +60%)
- Anstieg der Arbeitslosigkeit (allein in Moskau wurden im Zusammenhang mit der Krise 400.000 Menschen arbeitslos)
- Verteuerung der Importe, d.h. weitere Realeinkommensverluste
- weiterer Produktions- und Investitionsrückgang (BIP 1-10/98: -10%)
- Versorgungsprobleme
- Haushaltsplanung ohne IWF-Mittel mit erheblichen Risiken.
Nachdem - zumindest bis zur Asienkrise - das durch die Reformpolitik in Form einer Schocktherapie mit monetaristischer Makropolitik Erreichte überwiegend positiv bewertet und die Zukunft optimistisch gesehen wurde, sind durch den Crash die tiefgreifenden strukturellen Probleme des Landes in den Mittelpunkt der Einschätzungen gerückt. IWF, Weltbank und die anderen ausländischen Gläubiger und viele Berater mußten angesichts der russischen Besonderheiten vorerst ihre Hilfs- und Ratlosigkeit eingestehen.

Zu den strukturellen Problemen ein vertiefender Gedanke:
Die Ursachen der Krise liegen tief und zeitlich überwiegend auch vor 1992, als die Transformation zur Marktwirtschaft begann. Man kann sie nur im Zusammenhang mit der Geschichte und der eigenständigen Soziokultur Rußlands verstehen. So fehlte in Rußland die Vorstellung von der Priorität des Individuums und vom Vertragsverhältnis zwischen dem Staat und den Staatsbürgern, die einander gegenseitig Rechte und Pflichten schulden. Das Fehlen einer Vertragskultur gehört zu den tiefgreifenden Unterschieden der historischen Tradition in Rußland im Vergleich zum übrigen Europa. Der russische Herrscher schloß mit seinen Untertanen keine Verträge auf Gegenseitigkeit, sondern er nahm ihre Unterwerfung entgegen und belohnte sie mit Nutznießrechten und Privilegien. [1]

- Die Schocktherapie hat unter diesen Bedingungen zu einer Pseudo-Marktwirtschaft [2] geführt: Diese hat nur oberflächlich Kennzeichen einer Marktwirtschaft (z. B. Existenz privater Firmen, Banken, eines Aktienmarktes).
- Ein Beispiel einer geplatzten Illusion, die die Realität verdeckt: Die Banken. Sie sahen aus wie Banken und gaben vor, sich wie Banken zu verhalten. In Wirklichkeit üben sie nicht die Funktionen von Banken am Markt aus, wie z.B. die der Kreditfinanzierung von zustehenden Investitionen.
- Ein zweites Beispiel: Moskau und St. Petersburg: ...Schillernde Gebilde; Realität in der Provinz ist eine andere.
- Ein drittes Beispiel: die Oligarchen: Sie machen den Eindruck, mächtige Kapitalisten zu sein, wo sie ihre Vermögen und Macht doch hauptsächlich durch den Diebstahl von Staatsvermögen und durch die Nichteinlösung ihrer Verpflichtungen gegenüber Arbeitern, Zulieferern und den Staat erworben haben ...
In Abwesenheit von Rechts- und anderen Institutionen gab es einen Anstieg der Macht und des Einflusses der Mafia. Diese kontrollieren nun Sektoren und ganze Industrien. Einige der führenden Banken dienen der Mafia als Fassade. Andere Kriminelle, einschließlich der Eigentümer/ Manager jüngst privatisierter Unternehmen, betreiben das asset stripping, die Marktkontrolle und die Monopolisierung. Dazu gehören auch korrupte Offizielle aller Ebenen. Die Schocktherapie hat die Institutionen der sozialistischen Wirtschaft zerstört, aber beim Aufbau solcher der Marktwirtschaft versagt... . Die Kriminalisierung ist wie ein Krebsgeschwür, das sich in der Wirtschaft ausbreitet. Dies erfordert eine machtvolle und massive Intervention der legitimen Behörden über geeignete Gesetze und deren strikte Umsetzung; Hoffnungen liegen auf der neuen Regierung.
Die neue russische Regierung hat lange gebraucht, um eine Art Wirtschaftsprogramm zustande zu bringen. Sie hat auch wenig Spielraum. Bisher erkennbare Hauptrichtungen der Politik der Regierung Primakow:
- Stärkung des realen Sektors und Ankurbelung der Produktion - Steuerreformen für die Industrie; tarifäre und nichttarifäre Schutzmaßnahmen
- begrenzte Kapitalfluß- und Devisenkontrolle (Zwangsverkauf von Exporterlösen an die Zentralbank)
- mehr staatliche Kontrolle in Schlüsselbereichen (Häfen, Rüstungsexport unter Ausschaltung privater ‘oligarchenverbundener' gewerblicher Strukturen etc.)
- Orientierung auf die Lösung sozialer Probleme zur Vermeidung von Unruhen.
Es handelt sich nach unserer Einschätzung um kein konstantes Programm sondern mehr um ein Maßnahmenbündel.

Aus der neuen politischen und wirtschaftlichen Situation erwachsen neue Chancen und Risiken.

Chancen
- neue handlungsfähige Regierung installiert
- Schwächung des Einflusses der sog. Oligarchen in Politik und Wirtschaft und des Präsidentenapparats - Zurückdrängung von Einzelinteressen; mehr Transparenz der Entscheidungsprozesse und -wege nach außen; Chancen für ausländische Investoren
- Bereinigung des Bankensystems - unseriös arbeitende Banken verschwinden; neue Chancen für seriös arbeitende Auslandsbanken (darunter die in Rußland tätigen Töchter deutscher Banken)
- abwertungsbedingt Wettbewerbsvorteile für die inländische Produktion etwa in der Landwirtschaft, Nahrungsmittelverarbeitung, Leichtindustrie.

Risiken
- Verschlechterung der makroökonomischen Rahmendaten (Investitionen, Wachstum, Preisstabilität, Wechselkurs, Zahlungsbilanz; insbesondere Inflationsgefahr durch Anwerfen der Notenpresse)
- deutlich niedrigere Steuereinnahmen, fehlende IWF-Finanzierung verknappen Haushaltsmittel, erschweren Haushaltsplanung
- nachhaltiger Vertrauensverlust bei ausländischen Kapitalgebern und Investoren
- weitere Überalterung und Erodierung des Kapitalstocks wegen schrumpfender Investitionstätigkeit und verteuerte Technologieimporte.

2. Erfahrungen mit dem Transformprogramm 1998

Die deutsche Transform-Beratungshilfe läuft auch in der anhaltenden Finanzkrise auf Mikro- und Mesoebene - wo traditionell auch ihre Schwerpunkte liegen - weitgehend problemlos.
Aus diesen Bereichen (Unternehmenssektor, Institutionen der Wirtschafts-förderung und sonstige Administration) kommen auch weiterhin Anträge auf Fortführung von Projekten und Neuanfragen, die unsere voraussichtlich verfüg-baren Mittel allein ausschöpfen könnten. Als Auswirkung der Finanzkrise ist bei diesen Anträgen der Anteil der Eigenleistungen gegenüber früher kleiner. Grundsätzlich ist hier aber eine ausreichende Absorptionsfähigkeit für unsere Hilfe weiterhin gegeben. Es handelt sich beispielsweise im regionalen Schwerpunkt St. Petersburg/Leningrader Gebiet um Projekte, die
- dem realen Sektor der Wirtschaft zugute kommen
- der Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftskooperation dienen
- auf Technologietransfer ausgerichtet sind
- der Entwicklung und der Sicherung von europäischen Qualitätsstandards dienen
- Investitionskomponenten aufweisen.
Diese Projekte sind wirtschaftsnah und die aufgebauten Kontakte wirken sich insgesamt stabilisierend aus.
Auch die Managerausbildung durch Praktika in Deutschland ist nach Anlaufschwierigkeiten im befriedigenden Umfang angelaufen.
Im Bereich hochrangiger Regierungs- und Politikberatung ist das Bild infolge der Krise und der verzögerten Entwicklung eines Krisenprogramms durch die Regierung Primakows deutlich anders. Hier sollten wir auf die russische Seite mit Angeboten weiterhin zugehen.

3. Schwerpunkte des Transformprogramms 1999

Das neue Transformprogramm sollte die bewährten sektoralen Schwerpunkte (Förderung der Privatwirtschaft bzw. Unternehmensumstrukturierung, KMU, Privatisierung, Finanzsektor, Aus- und Weiterbildung, Landwirtschaft und Umwelt) fortführen. Hier liegen die Ansatzpunkte hauptsächlich auf der Unternehmensebene und öffentlichen Institutionen der Regional- und Lokal-verwaltung (Mikro- und Mesoebene). Hinzukommen sollte als deutscher Beitrag zur Krisenbewältigung eine hochrangige Regierungsberatung auf der Makroebene sowie systematische Politik und Verwaltungsberatung auf regionaler Ebene.
Im Bereich hochrangiger Regierungsberatung wurde die Beratung zur Bankenrestrukturierung als Initiative der deutschen Geschäftsbanken gestartet. Parallel dazu wird das Bankenrestrukturierungsgesetz beraten. Das deutsche Maßnahmenbündel sollte in ein Konzept integriert werden, das von IWF, Weltbank und EBRD mitgetragen wird.
Als Ergebnis des Bundeskanzlerbesuchs vom November 1998 will die Bundesregierung Rußland bei der Ausgestaltung eines Wirtschaftsprogramms unterstützen, das baldige IWF- und Weltbankfinanzierung ermöglicht (Haushalt, Steuern, Zoll).

IV. Zusammenfassung

Akzeptanz bei Partnern
Deutsche Beratung wird in Rußland geschätzt und ausdrücklich gewünscht. Verbesserungen sind noch zu erzielen durch sektorale Konzentration. Nach dem Scheitern des amerikanischen bzw. amerikanisch dominierten IWF/WB-Beratungsansatzes in Rußland sind wir umso mehr gefragt. Das gilt vor allem auch in den Regionen. Auf zentraler Ebene besteht bei hochrangiger Politikberatung großer Bedarf. Deutsche Angebote sollten hier hochrangig vorgebracht werden.Transform kann im Vergleich zu anderen Instrumenten sehr schnell und flexibel reagieren. Dies hat sich gerade in der Krise gezeigt.

Unser Interesse an Rußland, Rolle von Transform
Aufgrund seines Wirtschaftspotentials (Rohstofflieferant, potentieller Abnehmer deutscher Investitions- und Konsumgüter, möglicher Partner für High-Tech-Kooperation) und der Nachbarschaft im Haus Europa ist Rußland für Deutschland von ganz besonderer Bedeutung. Ziel der deutschen Rußlandpolitik ist es, in der gegenwärtigen schwierigen Krise gerade auch aus nationalem deutschen Interesse einen Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilisierung und damit einhergehend auch Stärkung der werdenden Demokratie zu leisten. Teil der deutschen strategischen Interessen gegenüber Rußland ist ebenso die Fortführung des Prozesses der immer stärkeren Einbeziehung Rußlands in europäische und Weltwirtschaftsstrukturen. Ein eigenständiges bilaterales Transformprogramm kann dazu einen wirksamen Beitrag leisten.

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[1] Welchen Raum läßt die Geschichte für die Modernisierung Rußlands?, Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien, Köln 19/1998.

[2] s. hierzu: Michael D. Intriligator, Lessons of the Collapse, Paper presented to the World Bank, September 4, 1998.

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