1766 mahnte der preußische König Friedrich II. seinen als Sonderbotschafter nach Rußland
entsandten Bruder Heinrich mit folgenden Worten: "Die Hauptaufgabe unseres Hauses sehe ich
darin, die gute Übereinstimmung mit Rußland zu bewahren und zu festigen. Wir brauchen sie,
und für unsere Nachwelt kann sie noch viel nötiger sein als für uns."
Manfred Stolpe
Schon damals, vor über 230 Jahren, war Preußen mit der Mark Brandenburg in seiner Mitte
ein mittelosteuropäischer Staat mit traditionell starken Bindungen in Richtung Rußland.
Denn bereits Kurfürst Friedrich Wilhelm machte im Bemühen um eine eigenständige Politik
in der Mitte Europas den Versuch, mit Moskau Gesandtschaften auszutauschen und weitere
Verbindungen aufzubauen. Ein 1656 abgeschlossener Freundschaftsvertrag zwischen dem Großen
Kurfürsten und Zar Alexej von Rußland verpflichtete beide Seiten zur Neutralität und
garantierte freien Handelsverkehr. Stabile politische Beziehungen zu Rußland kamen jedoch
erst nach der Öffnung des Landes zustande. Zar Peter der Große begab sich als erster
russischer Monarch 1697/98 auf Europareise, um neue politische und wirtschaftliche Kontakte
zu knüpfen. Brandenburg wurde für Rußland das sprichwörtlich gewordene Fenster zum Westen.
Insgesamt fünfmal besuchte Peter der Große Berlin und eine Reihe brandenburgischer Städte.
Inkognito, als einer von 35 Volontären der Großen Gesandtschaft, ließ er sich auf seinen
Reisen von Handwerkern, Architekten und Ärzten unterrichten. Zugleich verhandelte er mit
Staatsmännern und schloß wichtige Bündnisse. Im Jahr 1697 unterzeichneten er und der
brandenburgische Kurfürst Friedrich III., der sich vier Jahre später König Friedrich I.
in Preußen nennen konnte, in Königsberg ein weitreichendes Freundschaftsabkommen, den
"Vertrag über die immerwährende Freundschaft", der für Jahrzehnte die Grundlage einer
fruchtbaren Zusammenarbeit bildete und übrigens bis heute nicht gekündigt wurde. Im 18. und
19. Jahrhundert waren die staatspolitischen Verbindungen zwischen Rußland und Preußen jedoch
nicht immer stabil. Zuweilen prägten Machtinteressen die Beziehungen. Den Versicherungen
beständiger Freundschaft, so anläßlich des Treffens von Peter dem Großen und Friedrich
Wilhelm I. in Havelberg 1716, folgten Phasen des Mißtrauens und kriegerischer
Auseinandersetzung.
Dennoch verbanden von nun an Handelsleute, Gelehrte und Künstler beide Länder dauerhaft
und zu beiderseitigem Vorteil. Rußland wie Preußen waren bestrebt, Fremde ins Land zu holen,
die anregend in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur wirken konnten. Die Verbindung zwischen
Leibniz und Peter dem Großen, die freundschaftlichen Kontakte des russischen
Universalgelehrten Michail Lomonossow zu deutschen Kollegen, der in St. Petersburg und
Berlin tätige Mathematiker Leonhard Euler, der in Berlin lehrende Mitbegründer der
Slawistik Johann Leonhard Frisch oder der Naturforscher und Rußlandreisende Peter Simon
Pallas - all diese Beispiele stehen stellvertretend für den intensiven Austausch zwischen
Preußen und Rußland. Damals entstanden jene geistigen Brücken, die über alle Krisen,
Brüche, ja Katastrophen hinweg verbindend und tragfähig blieben.
Aus Brandenburg-Preußen ist 301 Jahre nach der Unterzeichnung des
russisch-brandenburgischen Freundschaftsvertrages ein Bundesland im vereinten Deutschland
geworden, aus dem Rußland der Zarenzeit eine demokratische Russische Föderation erwachsen.
Aber immer noch können wir aus den so weitsichtig gelegten Grundlagen unserer
freundschaftlichen Beziehungen schöpfen. Die Inhalte unserer Zusammenarbeit haben
zeitgemäße Formen angenommen: Uns geht es heute um Technologietransfers, wirtschaftliche
Zusammenarbeit, die Konversion militärischer Güter und Liegenschaften, um
Hochschulkooperation und Umweltfragen. Geblieben ist der Kerngedanke jenes Vertrages:
Wir wollen uns den Herausforderungen der Zeit gemeinsam stellen. Die Partnerschaften des
Landes Brandenburg mit dem Moskauer Oblast und dem Gebiet Kaliningrad wie das Engagement
Brandenburger Unternehmer beim Bau russischer Wohnungen sind Ausdruck unseres Wunsches,
diesen Kerngedanken umzusetzen.
Stärker noch als vor einigen Jahren fragen russische Gesprächspartner heute wieder nach
den neuen Bundesländern. Hier ist ein Potential vorhanden, das bisher noch viel zu wenig
genutzt wird: Menschen mit Sprachkenntnissen und mit dem, was man heute kulturelle
Kompetenz nennt, mit Erfahrungen im Umgang miteinander, mit Kenntnissen über
Wirtschaftspartner aus früheren Liefer- und Kooperationsbeziehungen. Die Ministerpräsidenten
der ostdeutschen Bundesländer haben deshalb in einem Beschluß vom 5. März dieses Jahres
ihren Willen bekundet, der Entwicklung wirtschaftlicher, aber auch
gesellschaftlich-kultureller Beziehungen zu den mittel- und osteuropäischen Staaten und
insbesondere zu Rußland besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Wir wollen die in unseren
Ländern historisch gewachsenen Verbindungen wirksam werden lassen und den deutsch-russischen
Beziehungen neue Impulse verleihen.
Für diese Ziele wirbt und wirkt auch dieses Colloquium. Nicht zuletzt die jüngsten
Entwicklungen in unseren Ländern, die kritische Finanz- und Wirtschaftssituation in
Rußland und der politische Wechsel in Deutschland fordern zu einem offenen
Meinungsaustausch auf. Ich danke den Organisatoren, den Mitgliedern und Förderern der
Deutschen Assoziation der Absolventen und Freunde der Moskauer Lomonossow Universität und
der Vereinigung für deutsch-russisches Wirtschaftsrecht in Hamburg für die engagierte
Vorbereitung der Veranstaltung. Im Sinne der Geschichte gutnachbarschaftlicher Beziehungen
und des freundschaftlichen Miteinanders von Deutschen und Russen in der Gegenwart wünsche
ich dem Colloquium einen erfolgreichen und ergebnisreichen Verlauf.