"Reformen für Rußland - Leibniz und Peter I. und der Transformationsprozeß
der Gegenwart" war das Thema eines Colloquiums der Deutschen Assoziation der
Absolventen und Freunde der Moskauer Lomonossow-Universität e.V. (DAMU)
und der Vereinigung für deutsch-russisches Wirtschaftsrecht e.V. (VDRWR) im
Dezember 1998 in Berlin. Unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten des
Landes Brandenburg Manfred Stolpe verfolgten rund 100 Interessierte aus
Wirtschaft, Wissenschaft und Politik die Vorträge im Haus Pariser Platz 1 und
beteiligten sich an einer regen Diskussion.
LOMONOSSOW publiziert in dieser Ausgabe die Texte der auf dem Colloquium
gehaltenen Vorträge und ergänzt sie im redaktionellen Anhang durch inhaltlich
relevante Dokumente. Jeder Beitrag erscheint in seiner Originalsprache.
Reformen für Rußland werden seit Jahrhunderten im Westen erdacht und
vorgeschlagen und ebenso lange geht Rußland seinen eigenen Weg. Welche
Reformen braucht Rußland und braucht es den Westen dabei? Wie passen die
Reformangebote des Westens zur russischen Wirklichkeit? Das waren
Schlüsselfragen des Colloquiums, welches eine Brücke schlug vom
Gedankenaustausch zwischen Gottfried Wilhelm Leibniz und Peter dem Großen
und Leibniz' Plänen zu Reformen des Russischen Reiches zum aktuellen
Transformprogramm der deutschen Bundesregierung für die Russische Föderation.
Das 300. Jubiläum der als Große Gesandtschaft bezeichneten Westeuropareise des
jungen Zaren Peter I., mit der sich Rußland nach dem Westen öffnete, gab
unserem Colloquium den historischen Anlaß.
Die euphorische Annäherung zwischen Rußland und Westeuropa nach dem Ende
des kalten Krieges ist der Ernüchterung und einem wachsenden Unverständnis
gewichen. Um so mehr bedarf es der Rückschau auf die Geschichte der
jahrhundertealten Beziehungen und des offenen Dialogs über den gegenwärtigen
Zustand. In den historischen Exkursen von Manfred von Boetticher (Hannover)
und Jewgeni Anissimow (Sankt Petersburg) zeigen sich manche Parallelen
zwischen der Petrinischen Zeit und der Gegenwart. Da sind nicht nur die naiven
Leibnizschen Ideen von Rußland als einer Tabula rasa, einem frisch zu
bestellenden Feld, sondern auch die traditionell unterschiedlichen Vorstellungen
von der Verbindlichkeit des geschriebenen Wortes und der von Verträgen. Über die
Erwartungen des modernen Rußland und die besondere Rolle der Regionen heute
äußert sich der Gouverneur des nordrussischen Gebiets Wologda Wjatscheslaw
Posgaljow. Seinen Vorschlag einer neuen Nationalisierung einzelner Betriebe
möchte er nicht verstanden wissen als eine gegen die Marktwirtschaft gerichtete
These. Die Ansätze des Transformprogramms der deutschen Bundesregierung für
die Russische Föderation und die praktischen Erfahrungen bei dessen Umsetzung
in den 90er Jahren können den Notizen von Josef Stadlbauer (Moskau)
entnommen werden. Das bekannteste Instrument der staatlichen deutschen
Unterstützung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und
Rußland sind die Hermes-Ausfuhrgewährleistungen des Bundes. Die
Widerspieglung der Umwandlungsprozesse in Rußland seit der Perestroika in der
Geschichte der Hermes-Deckungen ist der Gegenstand des abschließenden
Beitrages von Hans Janus (Hamburg).
Die Vorbereitung des Colloquiums lag in den Händen von Andreas Förster
(DAMU), Angelika Klein-Beber (VDRWR und DAMU) und Ehrenfried Stelzer
(VDRWR). Es wurde finanziell unterstützt von der Stiftung West-Östliche
Begegnungen, der Commerzbank AG und der Bayrischen Motoren Werke AG.
Allen, die das Colloquium und diesen Band ermöglicht haben, sei hiermit gedankt.
Andreas Förster
Berlin, im Oktober 1999