Für die Erinnerung ist Vergangenheit nichts Unabänderliches. Nie hat sie ihren Zweck in sich selbst, immer dient sie gegenwärtigen Zwecken. Durch Vergessen, Verfälschen, Korrigieren, Deuten, Idealisieren paßt die Erinnerung vergangene Tatsachen der Gegenwart an. Mit Unehrlichkeit hat das nichts zu tun, nur mit veränderlichen Standpunkten. (Günter de Bruyn)
Am 6. März fand unsere inzwischen vierte Geschichtswerkstatt statt. Die chronologisch angelegte Gesprächsreihe von DDR-Absolventen sowjetischer Hochschulen ist inzwischen bei der Studentengeneration der 60er Jahre angelangt. Diese hatte die Ablösung Chruschtschows durch Breschnew in der Sowjetunion erlebt und die auf den Prager Frühling und seine Niederschlagung folgenden Diskussionen (oder auch Nichtdiskussionen). In unseren Gesprächen wollen wir Geschichte aus der Erinnerung direkt Beteiligter nachvollziehen, sie als Puzzle aus Alltagsgeschichten und Reflexionen vom gegenwärtigen Standpunkt aus zusammensetzen. Auch die vierte Runde war in dieser Beziehung ergiebig, wenn wir uns auch noch mehr Beteiligung der Absolventen von damals gewünscht hätten. Unzweifelhaft bereichert wurde die Diskussion durch Erinnerungen eines
ehemaligen Westberliner Zusatzstudenten, der seine Erfahrungen in der Sowjetunion auf dem Hintergrund der 68er Studenten-Bewegung schilderte. Russisch-deutsche Erinnerungen an
die Ära Chruschtschow
Ernst-Michael Kanow
Im folgenden lesen Sie Texte, die Elizaveta Kanova und Ernst-Michael Kanow im Nachklang zu dieser Veranstaltung aufschrieben.

Der 20. Parteitag der KPdSU und die Auseinandersetzung mit dem "Personenkult", wie die schlimmsten Auswüchse des Stalinismus damals genannt wurden, war für uns Oberschüler am Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster ein befreiendes Ereignis. Die schlimmen Dinge, welche man von "drüben" über Lager, Verfolgung und Machtkämpfe gehört hatte, erwiesen sich als wahr; aber die, wie uns schien, rückhaltlose Auseinandersetzung mit den Fehlern, hielten wir für die Grundlage einer neuen sowjetischen Politik und für diese stand für uns Nikita Sergejewitsch Chruschtschow.
Chruschtschow hat unser Erwachsenwerden begleitet, das politische Klima dieser Zeit, das Tauwetter, war bestimmend für unsere Weltsicht -"voller Hoffnung auf eine friedliche Welt mit wachsendem Einfluß des Kommunismus, geläutert von den bisherigen menschenfeindlichen Erscheinungen des Stalinismus. Eine besondere Rolle spielten hierbei die Reisen der sowjetischen Staatsführung in die führenden Länder des Westens, der Besuch bei der englischen Königin und die byzantinischen Gastgeschenke, der Besuch bei amerikanischen Farmern und die "Entdeckung des Maises", Treffen mit De Gaulle und die Wiederentdeckung der sowjetisch-französischen Waffenbrüderschaft im Kampf gegen Deutschland im Jagdfliegergeschwader „Normandie-Njemen". Es schien eine neue Ära angebrochen zu sein, gekennzeichnet von der Akzeptanz eines sozialistischen Weltsystems und auf der Grundlage der Überzeugung, durch Verhandlungen und Kompromisse alle strittigen Fragen lösen zu können. Das war für die Generation der Kriegskinder eine glückliche Perspektive, die wir in engem Zusammenhang mit der Person Chruschtschows sahen.
Reisen in die UdSSR machten uns bekannt mit den amerikanischen Ausstellungen über Kunst, Architektur, Elektronik, Sport und Erholung, mit beeindruckenden Katalogen, die für uns „legales" Material über die USA waren, welches in dieser Form in der DDR nicht zu haben war.
In die Ära Chruschtchow fielen jedoch auch Ereignisse wie die Aufstände in Polen und Ungarn, die schon wieder in stalinistischer Manier als Konterrevolution abqualifiziert und niedergeschlagen wurden, und der Bau der Berliner Mauer, der als Abwehr einer drohenden Aggression dargestellt wurde. Deprimierend war für uns der Bruch mit der Volksrepublik China, den die DDR-Führung in Nibelungentreue mitvollzog; unverständlich, daß man ausgerechnet mit seinen ideologischen Bundesgenossen keinen der vielgepriesenen Kompromisse schließen konnte.
Das Ende der Ära Chruschtschow ließ uns dann schon klarer erkennen, daß auch in dieser Zeit am stalinistischen Kommunismusmodell festgehalten wurde, nicht mehr mit den Auswüchsen der Vergangenheit, aber in seiner Struktur und Funktion unverändert. Der Beweis war der Staatsstreich gegen Chruschtschow, die Art und Weise, wie diese Ereignisse der Partei und der Öffentlichkeit vermittelt wurden. Ich erinnere mich, daß wir - empört über die Version des Rücktritts aus gesundheitlichen Gründen - an das ZK der SED geschrieben haben mit der Forderung, unserem Anspruch auf wahrheitsgemäße Information gerecht zu werden. Es gab dann einige Aufregung und bei einem Besuch im ZK, zu dem wir eingeladen wurden, teilte uns der Genosse Verner mit, daß auch die SED-Führung mit dieser Information unzufrieden ist, jedoch an die aus Moskau kommenden Nachrichten gebunden sei. Unsere Illusionen über eine wahren und ehrlichen Sozialismus hatten einen tiefen Riß bekommen.