Das Vereinigte Institut für Kernforschung in Dubna - Zentrum der Elementarteilchenphysik des Ostens

Das Vereinigte Institut für Kernforschung (VIK) in Dubna bei Moskau ist eine internationale Forschungseinrichtung für fundamentale Probleme der Kern- und Elementarteilchenphysik. Sein Wirken in der Vergangenheit beruhte auf einem 1956 zwischen den ehemals sozialistischen Ländern geschlossenen Regierungsabkommen. Mitgliedsländer des VIK waren bis 1990 Bulgarien, Ungarn, Vietnam, Nordkorea, Kuba, Mongolei, Polen, Rumänien, UdSSR, SFR, zeitweilig China und bis zum 3. Oktober 1990 auch die DDR. Nach der Auflösung der UdSSR sind neben Rußland, das deren Nachfolge im VIK Dubna angetreten hat, folgende weitere Republiken Mitglieder geworden: Aserbaidshan, Armenien, Belorußland, Georgien, Kasachstan, Moldowa, Ukraine, Usbekistan. Ungarn ist als Mitglied des VIK ausgeschieden, unterhält jedoch einen Vertrag über die Zusammenarbeit auf ausgewählten Gebieten, für die es auch einen jährlichen Beitrag leistet.
Die Bundesrepublik Deutschland hat nach der Vereinigung die Mitgliedschaft der DDR nicht übernommen. Die Mitarbeit deutscher Wissenschaftler am VIK ist seitdem durch einen Vertrag zwischen dem Institut und dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) geregelt, der zunächst bis Ende 1993 galt und bereits zweimal (für jeweils drei Jahre) verlängert wurde. Er sieht die Zahlung eines jährlichen deutschen Beitrags zum Haushalt des Instituts vor. Verhandlungen der Direktion des VIK mit weiteren westlichen Staaten über eine Beteiligung am Institut befinden sich in unterschiedlichen Stadien. In letzter Zeit werden auch die Beziehungen zu China wieder aktiviert.

Rückblick
Der Entschluß, ein gemeinsames Forschungszentrum der sozialistischen Länder für die kernphysikalische Grundlagenforschung ähnlich dem westeuropäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf zu gründen, um die dafür erforderlichen hohen Kosten gemeinsam zu tragen, war 1956 in der Sowjetunion herangereift. Die Wahl des Standortes fiel auf Bolschaja Wolga bei Moskau, wo sich bereits zwei Akademie-Institute mit Teilchenbeschleunigern befanden, welche der neu gegründeten Einrichtung durch der UdSSR unentgeltlich eingegliedert wurden. Heute sind sie entsprechend als Laboratorium für Kernprobleme und Laboratorium für hohe Energien des VIK bekannt.

  Internationale Wissenschaftler am VIK in den 50er Jahren: Prof. Wan Gan-Chan (VR China), Prof. Horio Hulubei (VR Rumänien) und der erste Direktor des Institutes Prof. Dmitrij Blochinzev - 
v.l.n.r. 

Zum ersten Direktor des neuen Instituts wurde der sowjetische theoretische Physiker Dmitrij Blochincev ernannt, zu Vizedirektoren der Experimentator Maryan Danysch aus Polen und der tschechische theoretische Physiker Votruba gewählt. Die Mitarbeit international anerkannter Physiker wie Dzelepov, Mescerjakov, Pontecorvo, Pose, Votruba, Veksler, Wan Gan Chan, mit einer ganzen Plejade jüngerer Schüler, von denen sich im Laufe der Zeit viele einen Namen in der Kernphysik machten, bürgte von Anfang an für ein hohes wissenschaftliches Niveau des internationalen Instituts. Durch die Gründung weiterer Laboratorien mit neuen Arbeitsrichtungen konnten mit Nikolaj Bogoljubov, Georgij Flerov und Ilja Frank weitere namhafte Physiker gewonnen werden, die das wissenschaftliche Profil und Niveau in den kommenden Jahren entscheidend prägten.

Vertreter der DDR im Gelehrtenrat des VIK in den 50ger Jahren: Prof. Joseph Schintlmeister, Prof. Klaus Fuchs und Prof. Heinz Pose  

Das höchste wissenschaftliche Gremium des Forschungszentrums, der Gelehrtenrat, der sich aus je drei Physikern eines jeden Teilnehmerlandes und einigen Vertretern des Instituts zusammensetzte, trat zweimal im Jahr unter dem Vorsitz des Direktors zusammen, um das Forschungsprogramm der Einrichtung festzulegen. Die hohen wissenschaftlichen und politischen Erwartungen, die an das Institut gestellt wurden brachten es mit sich, daß ein jedes Land seine exponiertesten Physiker für den Rat auswählte. So versammelten sich zu den ersten Sitzungen des Gelehrtenrates solche namhaften Wissenschaftler wie Infeld und Nevodnicansky aus Polen, Szalay und Janossy aus Ungarn, Hulubei und Titeika aus Rumänien, Hertz, Richter und Barwich aus der DDR, Nadszhakov aus Bulgarien u. a. Unter diesen günstigen Voraussetzungen konnte das Institut in relativ kurzer Zeit eine hohe internationale Anerkennung als Forschungseinrichtung erringen.
Dieses war jedoch nur eine, wenn auch wesentliche Seite des VIK. Im Statut des Instituts ist neben der Forschung im Institut selbst ebenso die Förderung der Kernforschung in den Mitgliedsländern, wie auch die ausschließliche Ausrichtung dieser Forschung auf eine friedliche Anwendung der Atomenergie festgeschrieben. Beide Aspekte haben neben den Forschungsergebnissen der Laboratorien des VIK erheblich zu seiner internationalen Bedeutung beigetragen. Zum Zeitpunkt der Gründung des VIK gab es weder in den entfernten Sowjetrepubliken noch in den Ländern der Volksdemokratien eine eigenständige Kernforschung auf internationalem Niveau. Das VIK wurde so zur Ausbildungsstätte der ersten Nachkriegsgeneration von Kernphysikern in den Mitgliedsländern. Die Laboratorien des VIK mit ihren experimentellen Basisanlagen und erfahrenen Mitarbeitern einerseits und die durch die ausschließlich friedliche Anwendung ermöglichte Öffnung [1] des Institutes andererseits bildeten dafür die Grundlage. Auch die im Statut verankerte Zusammenarbeit mit anderen nationalen und internationalen kernphysikalischen Forschungszentren wurde bald zu einem Wesensmerkmal des VIK und prägte eine für damalige Verhältnisse unübliche Weltoffenheit.
Unter diesen Aspekten und begleitet von einem täglich spürbaren wirtschaftlichen Wachstum der UdSSR in den 50-er Jahren, wurde die Arbeit am VIK zum Traum junger Physiker aus den Mitgliedsländern. Das betraf auch die Kernphysiker der DDR und als später die Kernforschung in der DDR wieder etwas zurückgenommen wurde, blieb das politische Argument der Beteiligung am VIK stets ein Garant für eine staatliche Unterstützung der Kernphysik und Hochenergiephysik an Instituten und Universitäten. Von der DDR, die auf Grund ihres Nationaleinkommens einen beachtlichen jährlichen Beitrag zum VIK leistete, wurde die Einrichtung auch zur kurz- oder längerfristigen Schulung und zur Bewährung von technischen Industriekadern unter anspruchsvollen wissenschaftlichen und politischen Bedingungen genutzt.

Gegenwärtige Situation
Die politischen Veränderungen in Osteuropa und vor allem die wirtschaftliche Rückentwicklung Rußlands in den letzten Jahren blieben natürlich nicht ohne folgen für das VIK. Zunächst ist jedoch festzustellen, daß das Dubnaer Forschungszentrum die einzige Einrichtung des ehemaligen RGW ist, die bisher überlebt hat. Das war nicht trivial. Mit der weltweiten politischen Öffnung mußte sich das Institut, das bis dahin eine unangefochten einzigartige Rolle im Ostblock gespielt hatte, einer weltweiten wissenschaftlichen Konkurrenz gegenüber behaupten. Dem Prinzip „Wettstreit und Ergänzung" folgend, wurden als erstes die beratenden wissenschaftlichen Gremien des Instituts neu zusammengesetzt. Statt der bislang üblichen Besetzung durch offizielle Vertreter der Mitgliedsländer wurden nunmehr international anerkannte Fachleute unabhängig von ihrer Nationalität und Arbeitsstätte berufen. Dementsprechend wurde auch zu Beginn der 90er Jahre Englisch als zweite offizielle Arbeitssprache am Institut (neben Russisch) eingeführt. Diese Politik hat wesentlich dazu beigetragen, daß die internationale Zusammenarbeit des VIK heute eine völlig andere Größenordnung angenommen hat als in der vergangenen Epoche. Wesentlich zu einem Demokratisierungsprozeß innerhalb der Einrichtung hat die Neuregelung der Besetzung der höheren Führungsebenen beigetragen. Bereits 1989 wurden Altersgrenzen für alle Leitungsebenen eingeführt. Die Funktionen des Institutsdirektors und der Labordirektoren sind seitdem laut Statut Wahlfunktionen. Eine Wahlperiode beträgt maximal 5 Jahre, die Position darf nicht mehr als zweimal nacheinander von ein und derselben Person besetzt werden. Auch die Stellvertreter der verschiedenen Direktoren werden nicht mehr nach Ländern ausgesucht, sondern vom gewählten Direktor als dessen Führungsmannschaft vorgeschlagen und vom Gelehrtenrat des Instituts bestätigt.
Das größte Problem des Instituts ist gegenwärtig die mangelhafte Finanzierung. Sind schon die jährlich geplanten Haushaltsmittel, die von den Mitgliedsländern aufzubringen sind, um eine Größenordnung geringer als die vergleichbarer Forschungszentren der westlichen Welt, so erschweren häufige Verzögerungen der Beitragszahlungen die Arbeit im Institut noch zusätzlich. Ein schwacher Versuch, diesem Problem entgegenzuwirken, ist eine drastische Reduzierung des Personalbestandes. Waren zum Ende der 80er Jahre ca. 7000 Mitarbeiter am VIK beschäftigt, so sind es gegenwärtig noch etwa 4000. Dieser Stellenabbau kann jedoch die fehlenden Investitionsmittel nicht einbringen, und so gerät die ursprünglich wichtigste Funktion des VIK - große unikale experimentelle Anlagen (Teilchenbeschleuniger, Reaktoren u. dgl. m.) zu entwickeln und zu betreiben - mehr und mehr in den Hintergrund. Daß es trotzdem noch gelingt, eigene Entwicklungen und Modernisierungen, z. B. an den Schwerionenbeschleunigern des Laboratoriums für Hohe Energien (Nuklotron) und des Flerov Laboratoriums für Kernreaktionen (Zyklotron), vorzunehmen, ist vor allem dem persönlichen Einsatz und dem nicht erlahmenden Enthusiasmus der Beteiligten zu verdanken. Einfacher ist es dagegen, sich mit Dubnaer wissenschaftlichem Know-How und methodischem Können (und entsprechender Werkstattkapazität) an den Experimenten anderer Institute im Ausland zu beteiligen. So gibt es heute kaum ein wichtiges Experiment in der Kern- und Elementarteilchenphysik, an dem nicht Wissenschaftler des VIK beteiligt sind. Unter diesen Bedingungen ist die Einrichtung und der Ausbau einer den Anforderungen moderner Forschungstechnologie entsprechenden informationstechnischen Infrastruktur im Institut, d. h. Rechentechnik, Kommunikation, wissenschaftliche Information, Datenverarbeitung, die in den Verantwortungsbereich des Autors fällt, ein unbedingt notwendiges, aber auch schwieriges Unterfangen. Ohne eine Beteiligung an einschlägigen staatlichen Förderprogrammen der Russischen Föderation für Forschung und Hochschulen, würde das VIK auf diesem Gebiet hoffnungslos zurückbleiben.

Beratung des Verbindungausschusses VIK-BMBF zu Beginn der 90er - auf der rechten Seite die Vertreter des Ministeriums, links und in der Mitte das Direktorium des VIK  

Trotz aller Schwierigkeiten ist das VIK auch heute noch eine Akkumulationsstätte hoher geistiger Potentiale, Kultur und humanistischer Weltanschauung in einem Umfeld, dessen Zivilisationsniveau in vieler Hinsicht weit unter dem der entwickelten Industriestaaten liegt. Durch ständige wissenschaftliche Kontakte - Austausch von Wissenschaftlern, Praktika für Studenten, Diplom- und Doktorarbeiten, die Veranstaltung von Seminaren und Konferenzen in den Mitgliedsländern - übt dieses Zentrum einen merklichen Einfluß auf das geistige Leben der Republiken der GUS aus. Unter den politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahre nahm diese spezifische Rolle des VIK nicht nur erheblich zu, sondern gerade sie wurde häufig ausschlaggebend für die Entscheidung der neuen Teilnehmerländer, sich auch weiterhin am VIK zu beteiligen. Sie zahlt sich für diese Länder dadurch aus, daß deren dünne Intelligenzschicht gefördert und geistig regeneriert wird. Diese kann, dadurch gestärkt, wiederum einen wohltuenden Einfluß auf die Entwicklung ihrer Staaten ausüben.
Das allein genügt jedoch nicht, um dem Institut ein weiteres Überleben und Stabilität zu sichern. Waren die Ideen der geistigen Väter des VIK so tragend, daß das Institut die großen politischen Umwälzungen in Europa überstehen konnte, so bedarf es heute neuer Ideen, um dessen geistiges Potential und methodisches Können unter den in Rußland waltenden wirtschaftlichen Bedingungen zu erhalten. Offensichtlich besteht die einzige Chance darin, das VIK derart in die internationale physikalische Gemeinschaft einzubinden, daß es zu deren notwendigem und festem Bestand wird und entsprechende Unterstützung erhält. Das ist eine der dringendsten Aufgaben der Direktoren des Instituts und ihrer internationalen beratenden Gremien. Hoffen wir, daß ihre Bemühungen von einem ähnlichen Erfolg gekrönt werden, wie die unserer Lehrer vor über 40 Jahren.

Rudolf Pose

[1] Zur damaligen Zeit unterlagen nicht nur in der UdSSR Arbeiten zur Kernphysik einer strengen Geheimhaltung mit allen Konsequenzen.

Anmerkungen der Redaktion:

Autor der abgebildeten Fotografien ist Yu. Tumanov (Dubna).

Einen interessanten Überblick über die Entwicklung der Hochenergiephysik in der DDR, Gründung von CERN im Westen und VIK im Osten auf dem Hintergrund der politischen Nachkriegskonstellationen in Europa gibt der Artikel „Hochenergiephysik im Kalten Krieg" von Thomas Stange (Deutschland Archiv, 1/1999, S. 46-55, Verlag Leske + Budrich, Opladen).

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