"...ein heißer Wunsch meiner Jugend, zugleich den Amazonen-Strom und den Irtysch gesehen zu haben."
... schreibt Alexander von Humboldt im Januar 1829 an Graf Georg von Cancrin. Er hat sich seine Wünsche erfüllt. Im April 1829 bricht Humboldt in Begleitung der jungen Berliner Professoren Christian Gottfried Ehrenberg (Biologe) und Gustav Rose (Mineraloge) zu seiner zweiten großen Reise auf. Sie führt ihn nach Rußland, in den Ural und das Altaigebirge. Entlang des Irtysch kehrte man zurück und besuchte noch den Südural, die Kaspisenke und die Wolgaregion.
Der Irtysch, der "gelbe Fluß", begleitete auch uns auf einer langen Strecke der vierten Expedition der DAMU "Auf den Spuren Alexander von Humboldts in Rußland" (13.-30. Mai 1999). Unsere Reiseroute folgte der Humboldtschen in entgegengesetzter Richtung und führte von Nowosibirsk nach Omsk, dann den Irtysch entlang nach Korjakowka und weiter über Jamyschewo bis Semey (bekannter unter dem ehemaligen russischen Namen Semipalatinsk, abgeleitet von einer frühen Ortsgründung aus "Sieben Zelten"). Von Semey ging es in Richtung Norden in den Altai hinein nach Smeinogorsk, zur berühmten Kolywaner Steinschleiferei und dem Kolywan-See, dessen Ufer von nicht minder berühmten Wollsackverwitterungen gesäumt sind. Endpunkt der diesjährigen Expedition war Barnaul, die Hauptstadt des Altai-Kreises. In einem kleinen Bus legten wir eine Strecke von rund 1200 km zurück, das entspricht der Entfernung zwischen Berlin und Kiew. Zur DAMU-Expeditionsgruppe 1999 gehörten Dr. Günter Arnold (Biologe) aus Weimar, Dr. Andreas Förster (Physiker) aus Berlin, Prof. Dr. Friedrich Naumann (Mineraloge) aus Chemnitz, Dipl.-Journ. Iwan F. Schipka (Journalist) aus Berlin, Dr. Anatoli W. Stepanow (Wirtschaftsgeograph) aus Jekaterinburg, Dr. Christian Suckow (Ethnograph und Germanist) aus Rangsdorf und Prof. Dr. Ludmila Thomas (Historikerin) aus Berlin.

Im Omsk, Semey, Barnaul und an anderen Punkten der Route haben wir - meist mit der Hilfe einheimischer Führer - die aus der Humboldt-Zeit stammenden und teils mit der Humboldt-Reise unmittelbar in Zusammenhang stehenden Gebäude und Plätze aufgesucht und fotografisch dokumentiert. In den Städten verlief unsere Arbeit stets in großer Hast: Erster Besuch im Archiv, Studium der Findbücher und Bestellung von Akten, Rundgang im landeskundlichen Museum, offizielle Begegnung mit dem Rektor, dem Dekan oder Museumsdirektor, zurück zum Archiv, einige Akten erweisen sich als Bücher von 20 cm Dicke, gemeinsames Studium der z. T. schwer lesbaren Handschriften (fast alle Dokumente wurden handschriftlich von Schreibern verfertigt), Bestellung von Kopien, Begegnung mit Heimatforschern, Suche nach "Humboldt-Orten" im Stadtbild. Darüber verliert Dr. G. Arnold endgültig die Geduld , weil die Untersuchung der Flora wieder einmal zu kurz kommt ("Mein Archiv ist der Botanische Garten!"), Prof. Naumann findet am Wegesrand eine Bohrkrone (niemand sonst hätte in dem verrosteten Stück Eisen eine Bohrkrone erkannt), wir fragen uns: hat Humboldt diese Bohrkrone gesehen? Außerhalb der großen Städte galt unsere Aufmerksamkeit typischen Landschafts- und Vegetationsformen sowie ethnographischen und ökonomischen Verhältnissen im Vergleich zur entsprechenden Humboldtschen Überlieferung. Wie schon 1997 auf der dritten Expedition spielte auch diesmal das Salz eine besondere Rolle. Aus dem Reisbericht von Gustav Rose (Berlin, 1842): "In der Nähe der beiden zuletzt genannten Orte, 6 Werste von Jamyschewskaja und 22 Werste von Koräkowskoi, liegen die beiden berühmten und nach diesen Orten benannten Salzseen, die von einer grossen Wichtigkeit sind, da sie den Salzbedarf für das ganze westliche Sibirien liefern. Nach Pallas, welcher beide besucht und beschrieben hat, liegen beide in einer hügligen, sandigen und gänzlich baumlosen Steppe; sie sind ganz flach und setzen im Sommer auf dem schlammigen Boden eine handbreite Salzrinde ab, die sich durch das Schneewasser im Frühling auflöst, doch schon im Mai sich wieder zu bilden anfängt. Die Salzrinde ist weiss und besteht aus lose aneinander gereihten Würfeln von Kochsalz, die leicht auseinanderfallen und desshalb mit leichter Mühe aus den Seen ausgeschaufelt werden. Mehrere kleine Flüsse fliessen den Seen zu, die aber grösstentheils nur süsses, oder nur höchst schwach gesalzenes Wasser haben. Von einigen, die sich in den Koräkowskischen See ergiessen, riecht das Wasser nach Schwefelwasserstoff, bei den andern setzt sich ein rother Bodensatz ab." Der ganze Boden am Irtysch ist salzhaltig. Der Besucher kann es schon am ortstypischen Mineralwasser schmecken: salzig bis sehr salzig. Der Boden in der Steppe ist teilweise mit weißen Salzauswitterungen überdeckt, die uns an winterlichen Rauhreif erinnerten. Dazwischen Salzkräuter. Am Korjakowker Salzsee machten wir einen längeren Halt und jeder ging seiner Wege. Das flache und breite Ufer des Sees ist heute weit verstreut übersät mit Relikten des einstmaligen industriellen Salzabbaus: Eisenbahnschwellen und Loren, Betonruinen, verrostete Maschinenteile. Eine eigenwillige Akropolis erzählt von einer versunkenen Zivilisation. Dazwischen weiden Schafe. Ein kasachischer Junge auf einem Fahrrad hat mich eingeholt und begleitet mich am Ufer. Ihn konnte ich nach den Lebensbedingungen der Bewohner des kleinen kasachischen Dorfs am Korjakowker See befragen. Sie leben immer noch vom Salz. Im Sommer wird es wie zu Humboldts Zeiten mit Schaufeln aufgeschichtet und zum Verkauf gebracht. Eine einträgliche Erwerbsquelle sind auch Altmetalle und Baustoffe: alles, was sich bewegen läßt, wird in die Stadt befördert und in bare Münze verwandelt. Später in Semey kommt die Rede noch einmal auf diese Erwerbsquelle. Dort hören wir die Geschichte der drei jungen Männer, die auf der Suche nach Altmetall die stillgelegten Schächte für unterirdische Kernversuche auf dem Atomtestgelände bei Semipalatinsk inspiziert haben und an der starken radioaktiven Strahlung gestorben sind. Vor den Spuren des "Polygon" bei Semipalatinsk verblassen die Spuren Humboldts.
Was sind eigentlich "Humboldts Spuren", denen man heute, mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach seiner Rußlandreise, nachgehen kann? Drei Beispiele:
- Im Staatlichen Archiv des Omsker Gebiets fanden wir Dokumente, die weiteren Aufschluß über die Umstände der Begegnung zwischen Humboldt und dem Dekabristen S. M. Semjonow geben. Humboldt hatte sich später beim Zaren Nikolai I. für die Freilassung Semjonows verwendet.
- In Barnaul befindet sich das nach unseren bisherigen Beobachtungen älteste Magnetische Häuschen auf russischen Territorium, heute ein Wohnheim für Angehörige des Hydrometeorologischen Dienstes Rußlands. Diese Station wurde um 1830 auf Humboldts unmittelbare Anregung errichtet, um in einem weltweiten "Magnetischen Verein" der Struktur und den Veränderungen des Erdmagnetfeldes systematisch auf die Spur zu kommen. Dem heutigen Direktor war die Geschichte des "Wohnheims" unbekannt; sehr interessiert hat er sich von uns die einschlägigen Dokumente im Staatlichen Archiv des Altai-Kreises in Barnaul zeigen lassen.
- Im Gästebuch des Barnauler Landeskundlichen Museums, des ältesten Museums Sibiriens, findet sich eine eigenhändige Eintragung Humboldts " ... zum schwachen Beweise der Dankbarkeit für die angenehmen und lehrreichen Stunden geistreichen Umgangs ...". Der Anblick der vertrauten Handschrift läßt das Herz jedes Humboldt-Forschers höher schlagen.
Die wissenschaftlichen Resultate, die "Spuren", welche die Reise von Ehrenberg, Humboldt und Rose in der Wissenschaftsgeschichte hinterließ, sind reich und vielfältig. Da sind beispielsweise die wissenschaftlichen Sammlungen zur Mineralogie, Botanik und Zoologie, die im Verlaufe der Reise angelegt wurden, die neu entdeckten Mineralien, die erstmals beschriebene Art Felis irbis des Schneeleoparden. Nach der Reise verbindet Humboldt lebenslang ein verzweigter Briefwechsel mit in Rußland lebenden Wissenschaftlern und mit dem russischen Minister Cancrin. 1843 erscheint Humboldts zweibändiges Werk "Asie centrale", in welchem er dem Ural und dem Altai umfangreichen Platz einräumt.
Welchen Beitrag können wir als kurzzeitige Gäste im Land zur Erforschung der Humboldtschen Spuren leisten? Der Barnauler Historiker Dr. A. S. Sergejew äußerte in einem Radiointerview während unseres Aufenthalts, daß ortsansässige Heimatkundler und Historiker viel nachhaltiger die Geschichte ihres Landes erforschen, als das durchreisende Ausländer je tun könnten. Die russischen und kasachischen Heimatkundler, mit denen wir an vielen Orten zusammentrafen, kannten tatsächlich jedes Detail ihrer Ortsgeschichte und konnten uns selbst an viele, durch Überbauungen verschwundene Schauplätze der Vergangenheit führen. Wir haben jedoch auch die Beobachtung gemacht, daß einige über die Grenze ihres Winkels nicht hinausschauen. Dem Reisenden, der über viele hunderte, ja tausende Kilometer Vergleiche ziehen kann, erschließt sich zuweilen ein anderes Bild. Durch die seit 1994 regelmäßig stattfindenden Expeditionen der DAMU konnten viele bislang der Humboldt-Forschung unbekannte Archiv-Dokumente ans Tageslicht gebracht werden und wertvolles Material zu Personen, Örtlichkeiten und Umständen, die mit Humboldts Reise und ihren Nachwirkungen im Zusammenhang stehen, zusammengetragen werden.

Während der Expedition stellten die Teilnehmer auf drei deutsch-russischen wissenschaftlichen Tagungen Ergebnisse ihrer Forschung vor. Kaum ein anderer Gegenstand als das Wirken deutscher Forscher im Sibirien des vorigen Jahrhunderts wäre besser geeignet, die deutsche Kultur und die gemeinsamen deutsch-russischen wissenschaftlichen Traditionen zu vermitteln. Am 15. Mai fand im Haus der Wissenschaftler in Akademgorodok/Nowosibirsk das Seminar "Die Rolle deutscher Wissenschaftler in der Erforschung Sibiriens im XVIII. und XIX. Jahrhundert" statt. Am 19. Mai folgte in der Omsker Staatlichen Pädagogischen Universität das Seminar "Alexander von Humboldt und Rußland". Den wissenschaftlichen Höhepunkt unserer Reise bildete in Barnaul die zweitägige Konferenz "Alexander von Humboldt und die russische Geographie". Mit diesen drei Veranstaltungen und einer Ausstellung der Expeditionsfotos aus dem Ural und dem Altai von Jürgen Strauss beteiligte sich die DAMU am offiziellen Programm der "Kulturtage der Bundesrepublik Deutschland in Sibirien" im Mai 1999. Alle deutschen Teilnehmer hielten ihre Vorträge in Russisch - eine beachtenswerte Leistung! Der Auftritt unserer Expeditionsgruppe (wir sprachen scherzhaft vom Wanderzirkus) war sicher ein herausragendes Ereignis im Alltag des akademischen Lebens. Im übrigen für beide Seiten: Dr. Ch. Suckow - der einzige unter uns, der an allen vier DAMU-Expeditionen teilgenommen hat - äußerte in einem Toast in Barnaul, daß er erst durch die drei Tagungen das Gefühl bekommen habe, in einen wahren Gedankenaustausch mit den russischen Wissenschaftlern getreten zu sein.
Eine ausführlichere Darstellung des Verlaufs und der Resultate der Reise sowie des Programms der wissenschaftlichen Tagungen in Nowosibirsk, Omsk und Barnaul wird dem Expeditionsbericht zu entnehmen sein. Interessenten wenden sich bitte an den Autor. Verwiesen sei auch auf die ausgewählten Presseberichte am Schluß dieses Heftes.
Die Expedition wurde über den Deutschen Akademischen Austauschdienst mit Mitten des Auswärtigen Amtes und von unserem langjährigen Fördermitglied, der Humboldt-Universität zu Berlin finanziell unterstützt. Der Russische Kulturfond war unser Partner bei der Präsentation der Fotoausstellung. Wir bedanken uns bei unseren Sponsoren.
Ohne die Mitwirkung unserer russischen Kollegen wäre die Vorbereitung der Expedition und der drei wissenschaftlichen Veranstaltungen nicht möglich gewesen. Die DAMU bedankt sich bei Dr. Aleksandr Ch. Elert und Prof. Dr. Boris S. Jelepow (Nowosibirsk), Anna A. Metzler und Dr. Sergej A. Solowjow (Omsk), Dr. Otan K. Karibschanow (Semey) sowie bei Juri P. Purgin, Dr. Irina N. Rotanowa und Prof. Dr. Wiktor W. Rudski (Barnaul). Besonderer Dank gebührt unserem Mitglied in Jekaterinburg Dr. Anatoli W. Stepanow für die äußerst zuverlässige und kreative Lösung zahlloser technischer Fragen.
Inzwischen reifen Pläne für eine fünfte Expedition im Jahre 2001. Die Reiseroute könnte von Moskau über Nischny Nowgorod und Kazan zu den Ruinen von Bulgar und weiter über Perm nach Jekaterinburg führen. Humboldts Spuren in Rußland sind unerschöpflich.
Andreas Förster