Die Lyssenkoschen Vorstellungen wurden schon sehr früh mit philosophischen, ideologischen und, darüber hinaus, aktuell-politischen Argumentationen verbunden. Es ist nicht Aufgabe dieses Berichtes, eine vollständige Dokumentation der "Evolution" dieser gesellschaftsbezogenen Vorstellungen Lyssenkos vorzulegen; der spätere Präsident der Landwirtschaftsakademie und Direktor des Instituts für Genetik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR trat ja zunächst in den frühen dreißiger Jahren als Agronom mit Berichten über die erfolgreiche Anwendung von Kälte-Behandlung des Getreides zur Frühjahrs-Aussaat von Wintergetreide (Jarowisation) an die lokale Öffentlichkeit. Unter dem starken Einfluß des Gesellschaftswissenschaftlers I.I. Present kam es dann ab 1935 in zunehmendem Maße zur Verknüpfung von biologischen Problemen mit pseudo-philosophischen und ideologischen Aussagen. Über den Entwicklungsweg von Present, den ich für den "spiritus rector" des frühen Lyssenkoismus halte, kann man Näheres bei Raissa L. Berg in ihrem Buch "Acquired traits" (1990) erfahren, wobei mir einige sachliche Unterschiede in der Darstellung der Geschehnisse im Vergleich mit der noch zu erwähnenden Monographie von Jorawsky aufgefallen sind. R. Berg ist eine bekannte russische Genetikerin, die zeitweilig in Leningrad mit Present zusammengearbeitet hat. Die Verbindung von umstrittenen einzelwissenschaftlichen Positionen, von Mißinterpretationen wissenschaftlicher Experimente und, in Einzelfällen, bewußten Fälschungen mit gesellschaftspolitischen und ideologischen Dogmen eskalierte nach einer kriegsbedingten Unterbrechung 1948 zur Verdammung des "reaktionären Weismannismus-Morganismus" mit den bekannten einschneidenden administrativen Maßnahmen. Eine instruktive Charakterisierung des Inhalts und auch des Stils dieser gesellschaftswissenschaftlich-bezogenen Auseinandersetzung vermittelt der 1950 erschienene Beitrag W.N. Stoletows "Die materialistische Lehre von der Entwicklung der lebenden Natur im Kampf gegen den reaktionären Weismannismus-Morganismus" (Stoletow 1950).
Wie reagierten nun die Vertreter der Gesellschaftswissenschaften in der SBZ (Sowjetische Besatzungszone, d. Red.) und später in der DDR auf diese Situation? Ich kann diese Frage nur auf der Grundlage meines zweifellos beschränkten Einblicks in die Situation auf diesem Wissenschaftsgebiet beantworten und bin mir auch der relativen Einseitigkeit der Sicht des Naturwissenschaftlers bewußt. Eine weitere Vorbemerkung ist für die Bewertung der inhaltlichen Aussagen und Stellungnahmen, insbesondere der Gesellschaftswissenschaftler, zur Lyssenko-Problematik wichtig: Der Höhepunkt der Auseinandersetzung fiel zusammen mit dem Übergang der Nachkriegsentwicklung in den "kalten Krieg", mit der Konfrontation der zwei Machtblöcke und deren dominierender Geisteshaltungen und Ideologien. Hier sei nur an die Rede des britischen Premierministers Winston Churchill am 5. März 1946 in Fulton erinnert, mit der unter starken Ausfällen gegen den ehemaligen Kriegsverbündeten UdSSR die politische Konstellation eingeläutet wurde, die den Namen "kalter Krieg" erhielt, obwohl auch einige "heiße Kriege" stattfanden (Korea, Vietnam u.a.). Es war auch die Zeit der in Bewegung gekommenen Rüstungsspirale mit dem Wettlauf um Kern- und Raketenwaffen und der an- und abschwellenden Proteste gegen diese Entwicklung, die mitunter echten Massencharakter trugen. Mindestens einige von uns haben diese Phase des im besten Sinne des Wortes politischen Engagements noch in lebhafter Erinnerung.
Obwohl, wie am Anfang dieses Beitrages zusammengestellt wurde, bis 1959 bereits die wesentlichen biologischen Arbeiten zur experimentellen Widerlegung der Lyssenkoschen Vorstellungen und Dogmen von Mitarbeitern der Akademie der Wissenschaften veröffentlicht worden waren, nahmen die Philosophen offensichtlich noch keine ausführliche und öffentliche Stellung zu diesen Fragen. R. Mocek, auf dessen Ausarbeitung "Anmerkungen zur Geschichte des Lyssenkoismus in der DDR", in der er versuchte "den philosophischen Begleittext für den Niedergang des Lyssenkoismus" nachzuvollziehen, ich hier noch einmal verweise, kommt zu der nüchternen Feststellung: "Für den relativ kurzen Zeitraum von 1952 bis 1959 sind mir keine philosophischen Stimmen, die den Lyssenkoismus in irgendeiner Form problematisieren, bekannt geworden." (Mocek 1994, S. 6). Eine Ausnahme bildet hier die Zeitschrift "Sowjetwissenschaft - Naturwissenschaftliche Beiträge". Sie veröffentlicht 1958 eine Reihe aus dem Russischen übersetzte Arbeiten, die von einem Leitartikel zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution mit besonderer Hervorhebung der durch Lyssenko vertieften "Mitschurinschen Genetik" eingeleitet werden. N.W. Turbin nimmt zu "Philosophischen Fragen der Genetik" Stellung, wobei er sich jedoch darauf beschränkt, die Veränderungen zu beschreiben, die durch die Fortschritte der biochemischen Genetik zu neuen Inhalten des Genbegriffs führten (Turbin 1958). Vom gleichen Autor veröffentlichte die "Sowjetwissenschaft" bereits 1957 die Arbeit Die moderne Genkonzeption" (Turbin 1957). Durch beide Publikationen bereitete sich offensichtlich der Autor selbst und vor allem die sowjetische Öffentlichkeit auf den inhaltlichen Wandel in den Biowissenschaften der UdSSR vor. Im gleichen Jahrgang der "Sowjetwissenschaft" ist der bekannte Philosoph I.T. Frolow mit zwei Beiträgen vertreten, wobei er bei der Diskussion über Probleme von "Determinismus und Teleologie" unter ausdrücklichem Bezug auf Lyssenko noch zu folgender Aussage kommt: "So kann nur die Mitschurinsche Richtung in der Biologie den Ursprung und die Existenz der Zweckmäßigkeit in der organischen Natur wissenschaftlich begründet erklären" (Frolow 1958, S. 932). Die Gesellschaftswissenschaftler der DDR enthielten sich jedoch in dem Zeitraum, den Mocek benennt, jeder offiziellen Stellungnahme zu dieser Problematik (für die Zeit nach 1963 s. a. Hörz und Wessel 1983, S. 63 - 71).
Lassen Sie mich bitte, diesen kurzen Bericht zusammenfassend, zu einem Resümee kommen:
Helmut Böhme
* Der ausführliche Diskussionsbeitrag von Helmut Böhme auf dem DAMU-Seminar am 5. November 1999 stützte sich auf einen Vortrag, den der Autor auf dem 2. Kolloquium der Leibniz-Societät zur Berliner Akademie-Geschichte hielt und der hier dokumentiert ist. Wir danken dem Autor und der Redaktion für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck des in den Sitzungsberichten der Leibniz-Societät (Bd. 29, Jg. 1999, Heft 2, trafo-Verlag, Berlin) veröffentlichten Referats.
Wenn auch die Hauptaufgabe dieses Berichtes darin besteht, einen Überblick über die Beiträge der Akademie zur wissenschaftspolitischen Situation der genetischen Forschung in den fünfziger und sechziger Jahren zu vermitteln, möchte ich bei der Behandlung der geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Aspekte den Kreis der zu betrachtenden Autoren etwas erweitern. Es scheint mir nicht uninteressant zu sein, in diesem Zusammenhang noch einmal kurz auch in Erinnerung zu rufen, wie neben den "östlichen" die "westlichen" Marxisten in diesen Jahren auf den Lyssenkoismus reagierten. Es kann sich dabei auch hier lediglich um die Diskussion einiger Beispiele handeln, auf keinen Fall um einen vollständigen Überblick.
Ein Standardwerk zu dem Problem "Lyssenko" aus "westlicher" Sicht ist das Buch "The Lyssenko Affair" von David Jorawsky, das 1970 bei Harvard University Press, Cambridge, Mass. erschien. Obwohl Jorawsky noch keinen Zugang zu den Archiven aus der Zeit der Existenz der UdSSR hatte, enthält sein Buch eine Fülle von Einzelheiten, die ein komplexes Bild, angefangen von Mitschurins Aktivitäten als Obstzüchter über den fachlichen Inhalt des Lyssenkoismus bis zu den wissenschaftspolitischen und administrativen Maßnahmen zur rigorosen Durchsetzung dieser folgenreichen und fatalen Pseudo-Lehre in der wissenschaftlichen, volkswirtschaftlichen und bildungspolitischen Praxis ergeben. Die bereits erwähnte Schrift von Sh. A. Medwedjew und das eben zitierte Buch von Jorawsky ergänzen sich nicht nur im Sinne der Interpretation der Entwicklung der Genetik in der UdSSR sondern auch als wichtiges Quellen-Material für die Vorgänge, die dieser Entwicklung zugrunde liegen.
Jorawsky geht in einem speziellen Kapitel (Academic Issues: Marxism) auf die Beziehungen der Lyssenko-Diskussion zu philosophischen Problemen und auf die Versuche ein, Probleme der Vererbung und Evolution philosophisch, in vielen Fällen pseudo-philosophisch, zu interpretieren. Er berührt dabei auch kurz verneinend die Frage, ob marxistische Theoretiker vor den dreißiger Jahren bereits die Annahme einer Vererbung erworbener Eigenschaften als bestimmendes Element ihrer Weltanschauung betrachtet hätten (S. 231). Ein stärkeres Interesse marxistischer russischer Philosophen an Problemen der Genetik konstatiert Jarowsky im Zusammenhang mit den Arbeiten des Biologischen Institutes der "Kommunistischen Akademie"; so zitiert er Diskussionen der bekannten Experi-mental-Genetiker Serebrowski, Agol und Lewit aus dem Jahr 1930 über den Widerspruch zwischen lamarckistischer Teleologie und marxistischer Philosophie und dazu im Gegensatz deren Auffassung von einer Übereinstimmung von mendelistischer Genetik und dialektischem Materialismus. Es ist übrigens interessant, daß zu diesem Kreis in jener Zeit offensichtlich auch der philosophisch tätige I.I. Present gehörte, der - wie bereits oben dargelegt - später zum Theoretiker Lyssenkos wurde. Die Rolle und das Schicksal der "Kommunistischen Akademie" im Zusammenhang mit den Vorgängen in Phyik und Biologie wird kurz von H. Sheehan in ihrem Buch "Marxism and the Philosophy of Science" erörtert (Sheehan 1993).
Jarowsky kommt in diesem Zusammenhang zu einer wichtigen Feststellung; er sieht bereits in den Aktivitäten der marxistisch orientierten Biologen der "Kommunistischen Akademie" die Grundlage für die Herausbildung einer "marxistischen Biologie", die sich drastisch von der "bourgeoiser" Gelehrter unterscheide. In diesen Zeiträumen wäre daher die Entstehung der "Theorie von den zwei Wissenschaften" (Lecourt 1976; Paul 1979) zu datieren. Diese grundsätzliche Position, die einen unmittelbaren, prägenden Einfluß von Ideologie auf die Naturwissenschaften und die Interpretation ihrer Ergebnisse sowie deren weltanschauliche Konsequenzen am Beispiel biologischer Forschungen einschloß, stellte nach Jarowsky auch eine "unbewußte Kooperation in der Richtung auf den Lyssenkoismus" dar (S. 237). Am Rande sei hier erwähnt, daß zu dieser Zeit im Biologischen Institut der "Kommunistischen Akademie" eine Gruppe um Olga Lepeschinskaja tätig war, die durch die "Theorie" der Entstehung von Zellen aus nicht-zellulär organisierter Materie Aufsehen und Berühmtheit im negativen Sinne auf sich zog (Lepeschinskaja 1952), jedoch anfänglich noch vom Direktor des Instituts B.R. Tokin kritisiert werden konnte.
Im "Verlag für das Studium der Arbeiterbewegung GmbH-VSA" erschien 1976 in der Reihe "Positionen" die deutsche Übersetzung der Arbeit von Dominique Lecourt "Proletarische Wissenschaft? Der Fall Lyssenko und der Lyssenkismus" mit einem Vorwort von Louis Althusser. 1977 und 1979 folgten zwei weitere interessante Abhandlungen zu diesem Thema: Fillipo Bellardelli (1977) von der Universität Rom veröffentlichte in "Scientia" "The Lysenko affair in the framework of the relations between Marxism and the natural sciences"; Diana B. Paul, die sich später (1992) mit dem Lebensweg von Timofeew-Ressowski beschäftigte, verfaßte den in "Marxist Perspectives" veröffentlichten, wichtigen Beitrag mit dem Titel "Marxism, Darwinism and the theory of the two sciences".
Lecourt stellt die Entwicklung des Lyssenkoismus in der UdSSR in den Jahren von 1927 bis 1948 in den allgemeinen Zusammenhang der wirtschaftlichen, besonders der landwirtschaftlichen Situation und behandelt dann die uns hier interessierende Frage in dem Abschnitt "Dialektischer Materialismus,‘Theorie der zwei Wissenschaften‘ und Staatsideologie". Lecourt wird in seiner Konzeption von Bellardelli unterstützt, der ebenfalls daran interessiert ist, die Lyssenko-Problematik nicht in erster Linie als fachlich-biologischen oder -züchterischen Diskus-sionsgegenstand zu behandeln, sondern die philosophischen und wissen-schaftspolitischen Konsequenzen zu erörtern. Bellardelli weist auch mit Nachdruck darauf hin, daß der Antagonismus zwischen "bourgeoiser und proletarischer Wissenschaft" bereits in den kulturpolitischen Debatten vor der Oktoberrevolution eine nicht unwesentliche Rolle spielte. Er bezieht sich dabei möglicherweise auf die Vorgänge um die etwa zu dieser Zeit in Rußland entstandene "Vereinigung der proletarischen Organisationen für kulturelle Aufklärung" (Proletkult) und den von A.A. Bogdanow organisierten Kongreß, der eine neue proletarische Kultur forderte, unter Einschluß einer proletarischen Wissenschaft (pers. Mitt von H. Hörz . unter Hinweis auf Sheehan 1985, S. 162 ff.). Auf dieses spezielle Problem werde ich hier jedoch nicht weiter eingehen.
Schließlich noch ein weiterer in der Bewertung zu berücksichtigender Aspekt. Trotz vieler bewußter und teils unbewußter, gefühlsmäßiger Vorbehalte angesichts des massiven "Personenkults" um Stalin, angesichts der Widersprüche zwischen antifaschi-stisch- demokratischer Ordnung und Diktatur des Proletariats, zwischen innerparteilicher Demokratie und "Partei neuen Typus", zwischen "Objektivismus" und Parteilichkeit, war doch bei zahlreichen politisch engagierten Intellektuellen die Überzeugung verbreitet, daß die Losung "von der Sowjet-Union lernen, heißt siegen lernen" und die extreme Fürnbergsche Liedtext-Formulierung: "... die Partei, die Partei, die hat immer recht ..." im übertragenen Sinne auch in der geistigen Auseinandersetzung über philosophie- bzw. ideologierelevante wissenschaftliche Probleme selbst in den Naturwissenschaften Gültigkeit haben sollte. Die Ausstrahlungs- und insbesondere Überzeugungskraft der nach unserem damaligen Verständnis sozialistischen Ideen wurde in der gleichen Zeit - die im Grunde nach gesellschaftlichen Veränderungen förmlich schrie - radikal reduziert durch den dogmatischen Charakter einer als Klassenkampf in der Ideologie apostrophierten diskursfeindlichen Geisteshaltung sowie durch die Monopolisierung und dadurch bedingte Einseitigkeit in der philosophischen Interpretation naturwissenschaftlich umstrittener Phänomene. Diese Situation prägte auch die Reaktion eines Teils der Gesellschafts-wissenschaften im Osten Deutschlands und dann in der DDR auf die Herausforderung durch die geistige Begegnung mit dem Lyssenkoismus, die in starkem Maße zunächst durch Veröffentlichung von Übersetzungen sowjetischer gesellschaftswissenschaftlicher Arbeiten, vorwiegend in der Zeitschrift "Sowjetwissenschaft", vermittelt wurde.
Eine erste Diskussion zu biologischen, speziell genetischen Problemen und ihren philosophischen bzw. weltan-schaulichen Konsequenzen, fand bereits in den Jahren 1947 bis 1949 in der "Einheit - Zeitschrift des wissenschaftlichen Sozialismus" statt. Sie begann also bereits vor der August-Sitzung der sowjetischen Landwirt-schaftsakademie und zunächst unabhängig von den in der UdSSR laufenden Diskussionen. Ausgangspunkt war ein Aufsatz von U. Schultze-Frentzel über "Deszendenztheorie und Marxismus" (Schultze-Frentzel 1947a), in dem er in populärer Form einige Kernsätze der Lamarckschen und Darwinschen Entwicklungslehren, der Haeckelschen Vorstellungen behandelte und eine kurze Kritik des Sozialdarwinismus gab. Als eines der wesentlichen Argumente gegen die Haeckelsche Auffassung von der Entwicklung führte er als schwerwiegend an, "... die Unmöglichkeit, die Vererbung erworbener Eigenschaften zu erweisen" (S. 445). Damit war ein zentrales Problem angesprochen, das schon lange Zeit Diskussionsgegenstand der Linken war und auch noch länger bleiben sollte. Mocek kommt übrigens in einer erst kürzlich veröffentlichten interessanten Arbeit zur sogenannten "Biologie der Befreiung" zu der folgenden, sehr weitgehenden Feststellung: "Durch die naturphilosophische Autorität von Engels wurde das Prinzip der Vererbung erworbener Eigenschaften philosophisch als gültig erklärt und gehörte fortan zum naturtheoretischen Grundbestandteil des Marxismus in dieser Zeit." (Mocek 1995, S. 147).
Der Artikel von Schultze-Frentzel hatte nach Angaben der Redaktion ein starkes, auch kritisches Echo, auf das der gleiche Autor (Schultze-Frentzel 1947b) unter der Überschrift "Unsere Stellung zu Haeckel" einging. Er betonte noch einmal ausdrücklich, daß bezüglich des Problems der Vererbung erworbener Eigenschaften die "heutige Biologie auf Grund eingehender Beobachtungen und Versuche andere Auffassungen vertreten muß als Haeckel". Die für seine Argumentation angeführten experimentellen Beweise bzw. Erfahrungstatsachen sind allerdings unglücklich ausgewählt. Bereits im zweiten Heft der "Einheit" von 1948 antwortete Viktor Stern mit einem kurzen Beitrag "Über die Vererbung erworbener Eigenschaften" . Stern (1948) bringt zu diesem Zeitpunkt wohl als erster eine eindeutige politische Note in die in Deutschland geführte Diskussion, indem er dem "Dialektiker Schultze-Frentzel" die Verwendung metaphysischer Begriffe nachsagt, aufzeigt wie "unhaltbar der Standpunkt des Genossen Schultze-Frentzel ist" und den "bürgerlichen Biologen und Deutern biologischer Tatsachen" vorwirft, "daß sie retten wollen, was vom reaktionären Standpunkt aus sehr wertvoll ist, nämlich von der Vorstellung, die dazu benutzt wird, den Weg zu Gott oder zu einer Rassenmystik zu erleichtern." (S. 159). Ausführlich antwortet Schultze-Frentzel im Februar-Heft 1948 und zieht dabei die zu jener Zeit neuesten Ergebnisse internationaler, insbesondere cytogenetischer Untersuchungen für seine Argumentation heran (Schultze-Frentzel 1948). Er erwähnt zwar die in der UdSSR "unter der geistigen Führung von T.D. Lyssenko gegen den Mendelismus" ablaufenden Diskussionen, meint jedoch, die Ereignisse im August des gleichen Jahres nicht ahnend, daß diese "Neue Genetik" "ihren Höhepunkt bereits überschritten habe" und "im Abflauen" sei (S. 168). Nach diesem Schlagabtausch zwischen Schultze-Frentzel und Stern publiziert die "Einheit" dann ebenfalls 1948 zwei inhaltlich eingehendere Beiträge: R. Gottschalk: "Biologische Grundlagen der Lyssenko-Diskussion" (Gottschalk 1948) und H. Ley: "Zur philosophischen Bedeutung der Lyssenko-Debatte" (Ley 1948). Gottschalk referiert zunächst, ausgehend von Lyssenkos Kritik, die Auffassungen der Genetiker zur Mutationsproblematik, wobei er sich im wesentlichen auf die Zusammenfassung von Timoffeew-Ressowski und Zimmer (1947) stützt. Anschließend versucht er, allerdings nicht sehr überzeugend, mit Literatur-Belegen zu zeigen, daß einige Thesen Lyssenkos durch Ergebnisse deutscher Biologen, die bisher entweder anders interpretiert oder aber nicht beachtet wurden, Bestätigung finden.
Wichtiger in unserem Zusammenhang ist der im gleichen Heft erschienene Aufsatz von Hermann Ley (Ley 1948). Ley, dem wir in der Folge die Heranbildung einer ganzen Schule kritischer marxistischer Philosophen verdanken (s. Laitko 1996), schließt sich zu dieser Zeit noch trotz erstaunlicher Einsicht in einzelwissenschaftliche Details, der von der Lyssenko-Gruppe vertretenen Kritik aus, wie er damals meinte, philosophischen Gründen an: "Die metaphysische Fixierung starrer und obendrein willkürlicher Grenzlinien ist gerade in der modernen Genetik als typischer Zug immer wieder festzustellen. Darin ist ihr idealistischer und (bestenfalls) mechanistischer Charakter begründet." (S. 1068). Ley hatte zweifellos eine Reihe von Schwachstellen in der Argumentation der Genetiker bei der Diskussion der Beziehungen Phänotyp - Genotyp - Umwelt erkannt, ließ sich jedoch zunächst von den populistischen Behauptungen Lyssenkos und seiner Anhänger blenden: "Die materialistische Dialektik hat sich mit Lyssenkos Arbeiten ein neues Feld erobert." (Ley 1948, S. 1077).
Einen noch wesentlich entschiedeneren Ton schlägt 1949 U. Nenninger an, die unter der Überschrift "Theorie und Wirklichkeit" entsprechend dem Untertitel ihrer Arbeit "Lehren aus der Lyssenko-Diskussion" ableitet. Für die Autorin sollten sich die Wissenschaftler, die sich zum dialektischen und historischen Materialismus bekennen, aus zwei Gründen auf den Boden der Mitschurinschen Biologie stellen: zum einen "wird für jeden Wissenschaftler die Stellung zur Lyssenko-Diskussion und die Anwendung der Mitschurin-Lyssenkoschen Theorie in seinem eigenen Fachgebiet zum Prüfstein für den Grad seines Bewußtseins von der führenden gesellschaftlichen Rolle der Sowjet-Union, von ihrem führenden fortschrittlichen Charakter." Zum anderen sei der dialektische Materialismus als Wissenschaft "für uns als Marxisten-Leninisten die Grundlage aller exakten wissenschaftlichen Spezialforschung." Nach Ansicht der Autorin drückt sich in der Theorie Mitschurins und Lyssenkos eine "neue tiefere Erkenntnis der biologischen Gesetze aus"; Nenninger kommt zu dem - in der "Einheit" ausgesprochenen - politisch bedeutungsvollen Schluß, daß durch die Mitarbeit an der Vertiefung und Erweiterung der Mitschurin-Lyssenkoschen Biologie "wir ideologisch und materiell der Festigung unserer antifaschistisch-demokratischen Ordnung" dienen. Damit war ein wichtiges Signal zur Herausführung der Genetik-Diskussion aus einer fachspezifischen Angelegenheit in einen wissenschaftspolitischen und darüberhinaus ideologischen und gesellschaftspolitischen Rahmen mit allen Konsequenzen gegeben. Nebenbei sei angemerkt, daß auch der Physiko-Chemiker Robert Havemann in seinem ausführlichen Essay "Dialektik der Natur", den er zum Erscheinen des gleichnamigen Werkes von Friedrich Engels in deutscher Sprache veröffentlichte, scharf die "morganistischen Genetiker" attackierte, "von deren "Theorien‘ ein direkter Weg zur faschistischen Rassentheorie führt". Im gleichen Text führt Havemann u.a. Lyssenko mit seiner "Agrobiologie" als überzeugendes Beispiel dafür an, wie Engels` "Dialektik der Natur" erheblich zur Entwicklung der Wissenschaft beigetragen habe (Havemann 1952). Die Fairneß gebietet es zu erwähnen, daß Havemann seine Ansicht einige Jahre später wesentlich korrigiert hat (Havemann 1964). Nebenbei sei hier erwähnt, daß die bereits sehr früh von Havemann angedeutete Verstrickung von Genetikern in die wissenschaftlich verbrämte Unterstützung der nationalsozialistischen Rassentheorie dann später von Müller-Hill ausführlich belegt wurde (Müller-Hill 1984, s. a. Böhme 1989).
Ich möchte hier eine kurze Bemerkung einfügen, die zwar eher in den Bereich der Literaturgeschichte als zur Wissenschaftsgeschichte gehört, aber doch ziemlich deutlich zeigt, wie auch falsche wissenschaftliche Behauptungen, populistisch verpackt, zu einer intellektuellen Verführung sonst sehr kritischer Geister werden können. Es handelt sich um Brechts Poem "Tschaganak Bersijew oder die Erziehung der Hirse" nach Gennadi Fischs "Der Mann, der das Unmögliche wahr gemacht hat". In 52 Strophen wird berichtet, wie die Kolchos-Bauern in "Kaskstan" zunächst unabhängig von der Wissenschaft und diese belehrend, dann nach der pflanzenbaulichen Bearbeitung der Hirse durch Lyssenko und nach seinen Hinweisen den Anbau dieser Pflanze so verbesserten, daß unerwartet hohe Erträge erzielt wurden. Fischs Text hatte einen ernsten Hintergrund, denn Hirse war in den Kriegsjahren eines der Grundnahrungsmittel der Roten Armee. Brecht gestaltete seine Fassung des Poems offensichtlich nach einem Kapitel der Reportage von Fisch "Die Volksakademie", die im Verlag für fremdsprachige Literatur in Moskau 1949 erschienen war. Das Gedicht wurde zuerst 1950 in der Zeitschrift "Sinn und Form" veröffentlicht, von Paul Dessau vertont und im Oktober 1954 in Halle als Poem uraufgeführt (Werner Mittenzwei danke ich für den Hinweis auf den Kommentar in Brecht 1953, Bd. XV, S. 449-452). Es ist offensichtlich, daß sich Brecht hier natürlich nicht für die Lyssenkosche Theorie interessierte, sondern für die Darstellung eines schöpferischen Vorgangs (Mittenzwei). Ein weiteres Beispiel für das etwas leichtfertige "sich Verlassen" auf eine für solide gehaltene Wissenschaft, auf das ich hier nur kurz hinweisen möchte, lieferte G. Lukacs. In seinen "Vorbemerkungen zur Geschichte des Irrationalismus" spricht Lukacs, der sich ja mehrfach mit Problemen des Sozialdarwinismus befaßte, von einer "Mitschurin-Lyssenkoschen Weiterentwicklung des Darwinismus" (S. 82); diese Weiterentwicklung sei als "Aussprechen einer rein wissenschaftlichen Wahrheit ohne jede weltanschauliche Verallgemeinerung" in den Mittelpunkt der ideologischen Klassenkämpfe geraten. Es entbehrt schon nicht einer gewissen Tragik, wenn man dann im Zusammenhang mit seiner positiven Bewertung des dialektischen Materialismus und speziell bezogen auf unser Thema den Satz liest: "Darum entfachen die Entdeckungen und Errungenschaften der Sowjetunion eine derart erbitterte Abwehr in der reaktionär bürgerlichen Wissenschaft und Philosophie (Lyssen-ko-Debatten)." (Lukacs 1988, S. 670; Original 1955).
Die Situation änderte sich dann Anfang der sechziger Jahre. Unter der Leitung von R. Rochhausen hatte sich in Leipzig ein Arbeitskreis "Philosophie - Biologie" gebildet, der sich zunehmend mit Fragen der Genetik befaßte und in dem auch Naturwissenschaftler mitwirkten. Themen, wie "Kausalität und Determinismus" oder "Struktur und Funktion in der modernen Genetik" führten Gesellschaftswissenschaftler und philosophisch interessierte Biologen zusammen (s. a. Ludwig und Mocek 1963). In dem Seminar zu "Struktur und Funktion" sprach Rochhausen zum Thema "Einige philosophische Probleme der modernen Genetik" (Rochhausen und Ludwig 1963). Nachdem die Autoren die elementaren Bausteine der klassischen Genetik, wie Mendelsche Regeln, Chromosomentheorie der Vererbung, sowie Morgansche Gentheorie dargelegt und anschließend gewissermaßen gleichwertig die Hauptsätze der Lyssenkoschen Vorstellungen unterbreitet hatten, kamen sie zu folgender Schlußfolgerung: "Wir sind der Meinung, daß sowohl von der Gentheorie der Vererbung als auch von der Mitschurinschen Genetik her eine Annäherung erfolgen muß und auch wirklich erfolgt." (S. 182). Das Paradoxe der wissenschaftlichen Situation konnte kaum eindrucksvoller charakterisiert werden: während im Juni in Leipzig philosophisch über Mitschurinsche und Morganistische Genetik diskutiert wird, versammeln sich auf Einladung des Instituts für Kulturpflanzenforschung der Deutschen Akademie der Wissenschaften und organisiert von H. Stubbe und H. Böhme vom 25. bis 29. August zu den 3. Erwin-Baur-Gedächtnisvorlesungen in Gatersleben einige der damals in West und Ost führenden Genetiker zu Diskussionen unter dem Thema "Struktur und Funktion des genetischen Materials". Um nur einige Namen zu nennen: es sprechen W. Szybalski (Madison) zu DNA-Struktur-Modifikationen, B. Strauss (Chicago) zur chemischen Mutagenese, G. Ivanovics und L. Alföldi (Szeged) zur bakteriellen Mutagenese, M. Demerec (Cold Spring Harbor) zur Organisation des genetischen Materials, R. Pakula (Warschau) zur bakteriellen Transformation, G. Stent (Berkeley) zur Regulation der RNA-Synthese, J. Beckwith (Boston) zur Regulation der Operon-Aktivität, und weiter u.a. D. Bonner (Berkeley), D. Schwartz (Oak Ridge), S. Bressler (Leningrad), A. Spirin (Moskau) sowie A. Gierer, H. Zachau, H.G. Wittmann, P. Starlinger, W. Beermann und F. Kaudewitz aus Westdeutschland neben Wissenschaftlern aus der CSSR, Polen und der DDR. Ich führe diese Auswahl von Namen hier vor allem an, um zu zeigen, wie die Akademie und ihre wissenschaftlichen Repräsentanten zu jener Zeit bemüht waren, einen echten wechselseitigen wissenschaftlichen Informationsaustausch zu organisieren und zu fördern.
Das trifft auch für einen anderen wichtigen gesellschaftlichen Bereich zu, in dem der Einfluß der Lyssenko-Ideologie seit etwa 1950 besonders stark war: die Volksbildung. In der Forschung tätige Mitarbeiter aus Akademie-Instituten, insbesondere aus Gatersleben, aber auch aus einigen anderen wissenschaftlichen Einrichtungen beteiligten sich in der zweiten Hälfte der fünfziger und in den sechziger Jahren an entsprechenden Aktivitäten. Vor dem Hintergrund der eigenen experimentellen Erfahrungen wurden zahlreiche Vorträge im Rahmen der Lehrer-Weiterbildung gehalten und durch Veröffentlichung von Beiträgen in der Zeitschrift "Biologie in der Schule" an der Verbreitung und Interpretation von Ergebnissen der internationalen genetischen Forschung spezifisch für die Bedürfnisse der Pädagogen mitgearbeitet (s. z. B. die Zusammenstellung bei Siemens 1994). In diesem Zusammenhang muß auch die Aktivität einiger Gesellschaftswissenschaftler hervorgehoben werden, wie R. Löther, der ab 1962 zahlreiche Arbeiten zu dieser Thematik in "Biologie in der Schule" publizierte und die Redaktion im damaligen Verlag "Volk und Wissen" beratend unterstützte.
Die Aktivitäten der Akademie der Wissenschaften im Zusammenhang mit den inhaltlichen und wissenschaftspolitischen Problemen in den Biowissenschaften erfolgten also in einigen Instituten und wurden von einzelnen Akademie-Mitgliedern und -Mitarbeitern getragen. Öffentliche Stellungnahmen der wissenschaftlichen Gremien der Akademie, wie Sektionen, Klassen bzw. Plenum oder Präsidium wurden, soweit mir bekannt, nicht abgegeben.
- Die von Lyssenko und seinen Anhängern seit den dreißiger Jahren entwickelten und seit 1948 in der UdSSR und anderen Ländern mit staatlichen Maßnahmen durchgesetzten irrigen Vorstellungen zu Grundfragen der Biologie wurden experimentell widerlegt und zurückgewiesen. Arbeiten aus Einrichtungen der Akademie hatten dabei einen bestimmenden Anteil.
- Die Lyssenkoschen Irrlehren - fälschlicherweise als Mitschurinsche Biologie bezeichnet - und ihre dogmatische Verbreitung besonders im Schulwesen, aber auch in der Forschung, richteten in der UdSSR und auch in anderen Ländern hohe personelle und materielle Schäden an. Das Zurückbleiben in der Forschung und in der Anwendung moderner biotechnischer Verfahren ist u.a. auf diese Situation zurückzuführen.
- Die Bezeichnung „Mitschurinsche Biologie" für die Lyssenkosche Richtung ist irreführend. Die geistige Verwandtschaft der mit dem Namen Lyssenko auch mitunter in der philosophischen und wissenschaftstheoretischen Literatur verbundenen Auffassungen besteht eher zu Bestrebungen, einen „marxistisch" fundierten Lamarckismus zu konstruieren.
- Die grundsätzliche Ablehnung der von Lyssenko und seinen Anhängern vertretenen theoretischen Positionen und deren praktischer Verwirklichung ist nicht mit einer widerspruchsfreien Akzeptanz aller aus der modernen Genetik abgeleiteten Vorstellungen, z. B. zur Beantwortung humangenetischer Fragen oder zur Lösung von Problemen der Evolutionstheorie, gleichzusetzen.