Editorial

Dem Agrarbiologen Lyssenko als Exempel für die Ideologisierung der Wissenschaft war ein Seminar der Deutschen Assoziation der Absolventen und Freunde der Moskauer Lomonossow-Universität e. V. (DAMU) gewidmet, das im November 1999 an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfand. Es beschäftigte sich mit der Person Trofim Denissowitsch Lyssenkos und den Auswirkungen der wissenschaftlichen und vor allem politischen Strömung in der Wissenschaftsgeschichte der Sowjetunion, der er einen Namen gab - Lyssenkoismus. Vorträge und Diskussion waren auf die politischen Bedingungen gerichtet, die den Boden dafür bereiteten, daß diese Lehre eines mittelmäßigen Wissenschaftlers den weltweit akzeptierten Erkenntnisstand der Genetik und Evolutionslehre aus dem wissenschaftlichen Leben verdrängen und kaum wiedergutzumachenden Schaden in Forschung und Lehre ebenso wie in der landwirtschaftlichen Praxis anrichten konnte. In den Beiträgen der Seminarteilnehmer aus Rußland und Deutschland spielte auch das Wirken einzelner Wissenschaftlerpersönlichkeiten in den politischen Auseinandersetzungen jener Zeit keine geringe Rolle, so in Simon Schnols sehr persönlichen Erinnerungen an „Helden und Missetäter" und Eduard Koltschinskis Porträt des Ideologen des Lyssenkoismus I.I. Present. Deutscher Wissenschaftsgeschichte, die in verschiedener Hinsicht ebenso belastet von politischen Vorgaben ablief, war der Vortrag von Uwe Hoßfeld zu ‚Deutscher Biologie‘, Lyssenkoismus und evolutions-ideologischer Axolotl-Forschung gewidmet.

LOMONOSSOW publiziert in dieser Ausgabe die Texte der auf dem Seminar gehaltenen Vorträge und ergänzt sie durch die Dokumentation zweier Diskussionsbeiträge. Jeder Beitrag erscheint in seiner Originalsprache.

Das Seminar wurde vorbereitet von Dr. Gertraud Scharfschwerdt, die Moderation lag in den Händen von Dr. Gerd Kaiser. Die redaktionelle Bearbeitung der russischen Textbeiträge unterstützten Michail Arbaschalin, Irina Nasarenko und Margarita Thiel. Ihnen allen sei herzlich gedankt.
Für die finanzielle Förderung des Seminars sind wir der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin zu Dank verpflichtet.

Christine Titel

Berlin, im Oktober 1999

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