Da habe ich leider entschuldigt gefehlt; denn zur gleichen Zeit, da das Lyssenko-Seminar der DAMU stattfand, in dem Raum, der mir aus Humboldt-Uni-Zeiten so vertraut und noch heute mit Gesichtern meiner Studenten bevölkert ist, saß ich in Wologda mit Gouverneur Posgaljow im Gespräch zusammen, der manchen DAMU-Freunden von der Leibniz-Veranstaltung im Dezember 1998 bekannt ist. Wie gern hätte ich gehört, was Sie zu und über Lyssenko zu sagen hatten; wäre ich dabei gewesen, ich hätte mich gemeldet und etwa das gesagt:
Es gab nicht viele Bücher aus der Sowjetunion, die einen "ohn all Bemäntelung und Gleisnerei" über schlimmste stalinistische Züge dieser Zeit belehrten. Nicht zwischen den Zeilen war da zu lesen, sondern direkt und brutal sprang einen an, was schon damals, da man es las, schaudern machte, und auch verwundern darüber, daß es so nackt gedruckt worden war. Das eine solcher Bücher, Pflichtliteratur für mich als Jura-Studenten: Wyschinskis "Gerichtsreden", mit seiner infamen Rabulistik, die in Sätze seiner Anklage-Plädoyers mündete wie diesen: "Die tollwütigen Hunde müssen allesamt erschossen werden!" Welch Kontrast zu den herrlichen humanistischen Gerichtsreden Konis, die es bis heute leider nur in Russisch gibt. Dazu Wyschinskis "Theorie der gerichtlichen Beweise"- in der blauleinenen Toga seiner verzerrten Jurisprudenz der Dolch eines Begriffs strafrechtlicher Schuld, gewollt so vage gefaßt, daß die subjektive Seite ohne Beschwernis durch Sachbeweise lieber mit Geständniserpressung leichthin "bewiesen" werden konnte. Darauf, daß er ein Gelehrter wäre, legte er Wert. Ich habe einen guten russischen Freund, der als Student miterlebt hatte, wie ordinär dieser Wyschinski an der Juristischen Fakultät der Lomo-nossow-Universität mit ehrenwerten Juristen, seinen Kollegen, umgesprungen war, von denen einer aber den Mut hatte, ihn mit Würde abfahren zu lassen. Ich weiß nicht, was aus dem geworden ist.
Ehrenfried Stelzer
Ein anderes Buch aus diesem politischen Regal, für mich besonders fesselnd, weil ich ursprünglich Biologie, meine Jugendliebe, hatte studieren wollen, wofür aber an der Humboldt-Universität 1950 nicht immatrikuliert wurde, war der Protokollband "Die Situation in der biologischen Wissenschaft" von der Tagung der Lenin-Akademie für Agrarwissenschaften der Sowjetunion vom 31. Juli bis 7. August 1948, mit Lizenz der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) im Verlag Kultur und Fortschritt 1951 in 2. Auflage erschienen. Daß dieser stenographische Bericht wirklich, wie angegeben, ungekürzt ist, zeigen Diktion und Systematik des dicken Bandes. Er mutet an wie das Drehbuch zu einem Alptraum, ich las die Nacht hindurch, und lese ihn noch heute mit angehaltenem Atem. Seine Steigerungen sind wohlkomponiert und doch durch das persönliche Kolorit der Reden als lebensecht ausgewiesen. Die Gegner des furchtbaren Scharlatans Lyssenko kommen durchaus zu Wort, so, wie Bucharin noch zu Wort gekommen war, ehe ihn Stalin zurechtgewiesen hatte: "Gegen wen soll man denn den Klassenkampf in seiner schärfsten Form führen, wenn die Kapitalisten in Stadt und Land in das System der Diktatur des Proletariats hineinwachsen? ... Wenn aber die Kapitalisten in Stadt und Land, wenn der Kulak und der Konzessionär in den Sozialismus hineinwachsen, ist da überhaupt noch eine Diktatur des Proletariats nötig, und wenn sie nötig ist, dann zur Unterdrückung welcher Klasse?" - Bucharin: "Eben!" (Stalin, Fragen des Leninismus, Berlin 1951, S. 277). Dann hielt Wyschinski Abrechnung: "Unser Volk fordert das eine: Zertretet das verfluchte Otterngezücht!" (Gerichtsreden, Berlin 1952, S. 718), und Bucharin wurde erschossen, "wie ein räudiger Hund", mit vielen anderen, und, welcher Hohn, "unter gleichzeitiger Beschlagnahme des gesamten Privatvermögens" - das waren Bücher.
Das alles liegt nicht neben dem Thema Lyssenko, denn die Instrumente, die erst gezeigt, dann gebraucht wurden (das waren im mittelalterlichen Inquisitionsprozeß die territio verbalis und die territio realis, in dieser Abfolge...) kamen aus demselben Arsenal. Die zunächst zurückhaltend anlaufende, gepflegte "theoretische Diskussion" der ersten Tage dieser Augustwoche 1948 bekam bald schärfere Töne der Diffamierung: "Sie sind kein Fachmann!" und des Verhörs coram publico: "Wie haben Sie (Nemtschinow) Pawlowa auf der Timirjasewka zugesetzt?" oder Lyssenko: "Kann man dies voraussehen oder nicht?", nachdem Poljakow, von dem Generalinquisitor unterbrochen, gerade über eben die Unbestimmbarkeit von physiologischen Veränderungen (unter dem Einfluß äußerer Faktoren) gesprochen hatte. Eine Atmosphäre nicht einfach der Primitivität und der Unduldsamkeit, wie man sie ja von so manchen Kongressen, nicht nur jener Zeit, kennt, nicht nur der Ignoranz (Wassilenko: "Die Agronomie in den USA hat keine Verbindung zur Biologie. Dort gibt es keine Agrobiologie. Was die allgemeine Biologie betrifft, so ist diese Wissenschaft von den Interessen des Volkes völlig losgelöst. Diese ihrem Wesen nach reaktionäre Wissenschaft erwies dem Ackerbau nicht die geringste Hilfe und war dazu auch nicht in der Lage"), sondern des vorsätzlichen, brutalen "Fertigmachens", mit den szenischen Mitteln des Chores ("Gelächter", "Lärm im Saale", "Beifall", "Stürmischer, lange nicht abflauender Beifall, der in eine Ovation übergeht. Alle erheben sich") und der anonymen solistischen vox populi der Zwischenrufe: "Sie müssen Ihren Abschied nehmen!", "Schande, Cliquenwirtschaft!". Als Krönung der Regie die hymnische Koda der einstimmigen Adresse an Stalin, "Koryphäe der fortschrittlichen Wissenschaft". Man wird an die Inquisition erinnert. Galilei: Schauen Sie die Jupitermonde! - Da brauchen wir kein Rohr! - Hier Nemtschinow: "Man vermag diesen Mechanismus (der chromosomalen Vererbung) nicht nur zu sehen, sondern auch zu färben und zu bestimmen!" (Lärm im Saal, Zwischenruf: "Ja, dies sind Farben. Und Statistik"). Men-delismus-Weismannismus-Morga-nismus-Kosmopolitismus: der Exorzismus ist vollzogen, es folgen Peccavi oder Schweigen, Suizide, Lager und Tod sowjetischer Genetiker, die den Weltruf hatten, der ihnen zum Verderben ausgeschlagen ist. Und die Konferenz zog, wie geplant, Kreis um Kreise im ganzen Lande. Nicht nur Dekapitierung einer Wissenschaft und menschliches Leid waren die Folgen solchen kalten Wahns, sondern auch schwere Schäden für die sowjetische Agrikultur, die nun vom "nutzlosen Spiel mit der Drosophila" und dem Erbe Mendels befreit war.
Der Protokollband enthält auch Bekundungen großen Mutes und lange durchgehaltener Standhaftigkeit: Sawadowski: "Ich glaube, daß solch eine engstirnige, beschränkte und einseitige Verleumdung nicht nur der Methoden, sondern auch der Leute, die nicht nach dem geförderten Plane arbeiten, eine unzulässige Sache ist. Mit großem Bedauern habe ich hier die Diskussionsrede des Genossen Muromzew gehört, der meiner Meinung nach nur deshalb so redete, weil es ihm so vorkam, als ob dies die Umstände so erfordern." - ist das nicht zeitlos gut gesagt? -, oder Shukowski, der für die Bewahrung der wissenschaftlichen Schulen spricht: "Hütet die Schulen!" (Gelächter) und sagt: "Genossin Kostrjukowa lehnt das Gen ab, weil es noch niemand gesehen hat. Auch das Virus hat man lange Zeit nicht gesehen, und jetzt sieht man es" (gleich darauf wieder: Gelächter). "Ich muß die Tatsache konstatieren, daß unter Druck, unter großem Druck, vielleicht auch gerechtfertigtem, mächtigen Druck, der systematisch auf die Vertreter der anderen Richtung ausgeübt wird, die Sache so weit kommt, daß Vulkane erlöschen, und bald werden wir eine Reihe erloschener Vulkane sehen... (Perow: "Schlammvulkane!")..., wenn nicht die Möglichkeit der freien Diskussion gegeben wird, und eine Diskussion muß organisiert werden, aber nicht hier. Diese Diskussion muß an einem anderen Ort organisiert werden, und dann wollen wir die Klingen kreuzen (Gelächter)...", und mit kühnem Sarkasmus: "Trofim Denissowitsch (Lyssenko), beauftragen Sie Ihr Kollektiv mit der Herausgabe einer grundlegenden, fundamentalen Anleitung, wie Pflanzen erzogen und wie sie umgestaltet werden. Belehren Sie uns...". Beiseite: Auch Brecht bejubelte die "Erziehung der Hirse".
Weshalb diese Zitate? Weil sie auch die psychologische Seite jener bedrückenden Jahre beleuchten. Was hat Lyssenko geritten? Bloßer Wahn, für etwas von ihm wirklich für wahr Gehaltenes zu streiten, zum Nutzen der Wissenschaft und des Landes? Hat er sich nur verrannt? Oder vielmehr persönliches Machtkalkül unter dem Schutz des erbarmungslosen Systems der obersten Koryphäe? Oder zunächst ein Gemenge? Und die Motive seiner Günstlinge und Adlaten? Und: wie schnell kann Massenhysterie erzeugt und aufgeheizt werden, und wer geifert mit, und weshalb? Und wer, hinwiederum, hat doch die Kraft gehabt, standzuhalten, tapferer und stärker als Galilei! Und dann, später: die Motive Chruschtschows (der auch üble Konferenzen veranstaltete und so manchen Wissenschaftler und Künstler schmähte) für den damals kaum für möglich gehaltenen Akt, den schon zurecht in der Versenkung Verschwundenen wieder zu präsentieren? Den Einflüsterungen perennierender Absenker oder dem Lamento Lyssenkos, oder dem ideologiefreien Charme seiner Torf-Komposte erlegen? Kur-tschatow hatte ihn eindringlich gewarnt, Tochter Rada zu ihm gesagt: "Du wirst es noch sehen, daß du dich dafür schämen wirst!". Er hat. Unbelehrbarer Voluntarismus zu Lasten der Landwirtschaft und auch der Wissenschaft! Freilich hat, meine ich, sein Schwiegersohn Adshubej in seinen "Fragmenten der Erinnerung" (in Snamja 1988/7) vereinfacht, als er meinte, mit der Unterstützung Lyssenkos habe Chruschtschow seine Übereinstimmung mit Stalin bekundet; doch wenn er die Ungeduld und Unbildung Chruschtschows ins Spiel bringt ("Wir brauchen Brot, und die züchten Fliegen!"), so trifft er des alten Kernes Schale - der Kern aber war die Selbstherrlichkeit des Machtgebrauchs. (Und doch habe ich mit meiner Frau an Chruschtschows frischem Grabe gestanden und an seinen großen Mut gedacht und an das Gute, das er für so viele Menschen bewirkt hat: für Rentner; für Bauern, die, da sie keine Ausweise hatten, ihre Kolchose nicht verlassen durften; für verzweifelt Wohnungssuchende; für die massenweise aus generalisierendem Mißtrauen ins Lager gebrachte Rückkehrer, ja Ausgebrochenen, aus deutscher Kriegsgefangenschaft, Einkesselung und Zwangsarbeit, und für Millionen rehabilitierter unschuldiger Opfer Stalins, darunter die vielen noch lebend Befreiten.)
In der DDR ist man mit Lyssenko in concreto nicht zu spät fertiggeworden. Aber ich muß, da Sie mir bisher nachgesehen haben, daß meine Bemerkungen etwas persönlich geraten sind - wie sollten sie nicht, wie könnte man lau über Niedertracht reden? - , auch daran denken und davon sprechen, wie in der 50er Jahren in der DDR Einstein geschmäht, wie hier zu Lande (Oh über den neuen Duden! - nicht zu Wasser?) die Kriminologie als bürgerlich verpönt war, so daß es trojanischer Pferde bedurfte, um sie zu etablieren; wie man bis in die 80er Jahre bestrebt war, sich in die Wissenschaft einzumischen, auch in die Rechtswissenschaft; wie bitter notwendige empirische Untersuchungen zu mißliebigen Themen (Skinheads; objektive Gründe und Motive für Ausreisewünsche; Wirtschaftskriminalität; Havarien und Katastrophen und ähnliche) behindert oder ihre Ergebnisse unterdrückt wurden; wie machtausübende Ignoranten (und auch Klügere, die nur deshalb so redeten, weil es ihnen so vorkam, als ob die Umstände es erforderten) die Entscheidung darüber sich anmaßten, daß meine weiland Wissenschaft, die Kriminalistik, bei Gott keine guten bürgerlichen Traditionen (und dito wissenschaftliche Nachbarn) haben und auch keine Naturwissenschaft sein dürfte, nicht mal, da sind wir wieder bei der Genetik, eine Wissenschaftshybride, obwohl man das Natürliche doch in jedem forensischen Labor sehen und hin und wieder riechen konnte. Und auch daran muß man sich zwingen zu denken, wie man selbst, un-mutig im doppelten Sinne, kompromißlerische oder ausweichende Formulierungen für diesen und jenen Lehrbuchband gefunden hat - da er doch gedruckt werden sollte! Oder einen ganzen Band, den zur Geschichte, lieber aufgeschoben hat. War das vor dem Gewissen - da wir über Wissenschaft, also auch über Moral, reden - zu vertreten? Und schließlich: brauchte es nur damals Mut?"