Die Beschäftigung mit der Persönlichkeit des ukrainischen Agrarbiologen Trofim Denissowitsch Lyssenko (1898-1976) und mit den Wirkungen seiner Ideen auf die Biowissenschaften nicht nur in der Sowjetunion ist Teil der „Aufarbeitung" politischer Einflüsse auf die Wissenschaften im Europa des 20. Jahrhunderts. Das erklärt die Aktualität des „Falles Lyssenko" und seiner über den lokalen Rahmen der Sowjetunion hinausgehenden Wirksamkeit.
Das wissenschaftliche Gedankengut des sowjetischen Pflanzenzüchters steht nicht isoliert in der Geschichte der Biologie. Es knüpft an Strömungen des „Neo-Lamarckismus" im 19. Jahrhundert an, die dem Einfluß der Umweltbedingungen auf die Entwicklung der Organismen ein größeres Gewicht beimaßen als der Selektionstheorie und die in Rußland eine lange Tradition hatten. Ihre Anhänger gerieten nach 1900 in allen Ländern Europas in Kontroverse zur aufblühenden Genetik als neuer biologischer Disziplin, die der Wiederentdeckung der Mendelschen Gesetze folgte. Demgegenüber behaupteten sich die Neo-Lamarckisten teilweise als Vertreter einer biologischen Richtung, die konsequent für die Evolutionstheorie eintrat. An der Synthese der widerstreitenden wissenschaftlichen Erkenntnisse über Vererbung und Evolution waren in der 20er Jahren sowjetische Biologen wie Tschetwerikow, Dobshanski und Timofeew-Ressowski durch ihre populationsbiologischen Forschungen maßgeblich beteiligt.
Vor dem Hintergrund der in den Kriegsjahren eskalierenden Vernichtungsmaßnahmen, die sich bis weit nach Osteuropa auswirkten und genetisch-rassistisch begründet worden waren, ist die radikale Ablehnung der „Mendel-Genetik" als „bürgerlich-reaktionäre Wissenschaft" in der Sowjetunion mit zu verstehen. Das war der politisch-ideologische Boden, auf dem sich die lamarckistischen Anschauungen von Lyssenko und seinen Anhängern ausbreiten und - durch den Philosophen Present mit marxistisch-materialistischer weltanschauung verknüpft - zur wissenschaftspolitischen Staatsdoktrin werden konnten. In den sozialistischen Nachbarländern verbreiteten sie sich ebenfalls im Zusammenhang mit der antifaschistischen „Aufarbeitung" und nach Beginn des „kalten Krieges" durch die Schaffung eines „Feindbildes" der westlichen Biologie, repräsentiert in der sogenannten „formalen Genetik", dem „reaktionären Mendelismus-Morganismus", dem der "progressive Lyssenkoismus" entgegengesetzt wurde.
Viele Einzelheiten dieser teils wissenschaftshistorischen, teils sozial- und politikwissenschaftlichen Prozesse bedürfen noch einer gründlichen Erforschung, welche z.T. erst jetzt möglich geworden ist. Die im vorliegenden Heft publizierten Referate russischer und deutscher Zeitzeugen und Biologiehistoriker bringen viele bisher unbekannte biografische und politische Einzelheiten zur Kenntnis, die uns das zum Schlagwort gewordene Phänomen „Lyssenkoismus" von verschiedenen Seiten her verständlich machen können. Die rege Diskussion auf dem Seminar, in der auch einstige Opfer der ideologischen Auseinandersetzung mit der „westlichen Biologie" zu Wort kamen, bezeugt das große Interesse an dieser Thematik.
Ilse Jahn
Als sich Ende der 30er Jahre diese neue "synthetische" Evolutionstheorie, die die Ergebnisse der Genetik anerkannte, allmählich in der Biologie durchzusetzen begann, hatten die vererbungswissenschaftlichen Erkenntnisse in den nationalsozialistisch beherrschten Ländern ideologischen Charakter bekommen und waren zur Richtschnur gesellschaftlicher Gestaltungen gemacht worden, die mit Hilfe des politischen Machtapparates ein wissenschaftlich verbrämtes Übergewicht in allen Bereichen der Landwirtschaft, Medizin, Pädagogik und Soziologie erhielten. Nicht nur die Organismen und der Einzelmensch wurden von ihrer genetischen Ausstattung her beurteilt, sondern auch die Völker und Nationen wurden genetisch-biologisch definiert, was zur nationalsozialistischen Züchtungs- und Ausrottungsideologie führte.
Möge das Heft eine weite Verbreitung finden, denn es erschließt nicht nur jüngeren Naturwissenschaftlern ein Verständnis für die Situation von Forschung und Lehre in den jüngst vergangenen Diktaturen, sondern auch denjenigen Biologen, die nur (lokale) Teilaspekte der Lyssenko-Periode in ihrer Wissenschaft miterlebten, die Gesamtheit aller Zusammenhänge jedoch damals nicht überschauen konnten. Manch älterem Kollegen mag es so gehen wie mir, die ich zwischen 1952 und 1959 nur die Auswirkungen an der Universität Jena als Zeitzeugin erlebte, als ich bei Georg Schneider „theoretische Biologie" studierte und in seinen Vorlesungen und Vorträgen über „schöpferischen Darwinismus" zu assistieren hatte. Sein Enthusiasmus für Lyssenko und dessen Lehre, für die „Vererbung erworbener Eigenschaften" und für die Experimente am Axolotl, die er zu deren Nachweis jahrelang durchführte, warben gleichzeitig für die Sowjetunion und ihre marxistische Philosophie als Alternative zur überwundenen nationalsozialistischen Ideologie. Das waren vordergründige Aspekte der viel tiefer liegenden wissenschaftshistorischen und politischen Zusammenhänge, über die Simon E. Schnol, Eduard I. Koltschinski und Uwe Hoßfeld in ihren spannenden Vorträgen und ebenso Helmut Böhme in einem instruktiven Diskussionsbeitrag, im vorliegenden Heft als Nachdruck eines früheren Referats ausführlich dokumentiert, aufklären konnten.