Georg Schneider, ein Lyssenko-Protagonist an einem ostdeutschen Universitätsinstitut
Der Hallenser Genetiker Rudolf Hagemann hat 1985 hervorgehoben, daß es eine erfreuliche Besonderheit der historischen Entwicklung in der DDR gewesen ist, daß die Ideen des Lyssenkoismus nicht sehr tiefgreifend und folgenschwer verbreitet gewesen sind; obwohl zahlreiche Schullehrbücher in den 1950er Jahren dieses Gedankengut beinhaltet hatten und es an den biologischen Fachinstituten der Universitäten zu jener Zeit praktisch unmöglich war, genetische Vorlesungen abzuhalten. Siemens(1997) hat recherchieren können, daß seit 1952 in der Zeitschrift Biologie in der Schule eine wachsende Zahl von Artikeln über Mitschurin veröffentlicht worden waren, Lehrer nach einer Direktive des Ministeriums für das Schuljahr 1955/56 angewiesen wurden, mindestens sieben Stunden für die Mitschurin-Biologie zu veranschlagen usw. Andererseits aber wurden an den „Forschungsinstituten der Akademie der Wissenschaften (vor allem Gatersleben) sowie der Landwirtschaftswissenschaften (vor allem in Quedlinburg) […] eine exakte genetische Forschungsarbeit fortgeführt und wissenschaftlicher Nachwuchs auf diesem Gebiet entwickelt" (S. 101).
Nach der Entlassung des Zoomorphologen Victor Franz als Direktor des Ernst-Haeckel-Hauses 1945 und der kommissarischen Vertretung bis Ende 1946 durch den Zoologen Jürgen W. Harms, wurde mit Wirkung vom 1. Januar 1947 das Direktorat des Ernst-Haeckel-Hauses kommissarisch dem aus sowjetischer Emigration zurückgekehrten Marxisten und Lyssenko-Anhänger Georg Schneider übertragen.
Es war in Deutschland ein maßgebliches Verdienst des Genetikers Hans Stubbe und seiner Mitarbeiter, die Auffassungen des Lyssenkoismus wissenschaftlich widerlegt zu haben (Käding 1999). Sie konnten u.a. nachweisen, daß Lyssenko und seine Anhänger oftmals mit unsauberem Material gearbeitet, unkritische, leichtfertige und fahrlässige Versuchsdurchführungen verwendet, die Terminologie des dialektisch-historischen-Materialismus mißbräuchlich angewendet, bewußt Fälschungen von Versuchsergebnissen im Sinne der Auffassungen Lyssenkos durchgeführt sowie ihre wissenschaftlichen Gegner bewußt diskriminiert hatten (Hagemann 1985, S. 99-100): „Lysenkoismus war nicht nur in der Praxis, sondern auch in seinem Anspruch nach Wissenschaft und Staatsdoktrin. Anders ausgedrückt: Lysenkoismus ohne diktatorische Gewaltherrschaft existiert nicht. Dies war von Lysenko beabsichtigt und Repressalien gegen seine Kritiker programmiert. Darüber darf keine Analyse, auch keine dialektische [Levins & Lewontin 1985], […] hinwegsehen, wenn sie ihrem Gegenstand gerecht werden will. Nur bei Berücksichtigung dieser Tatsache läßt sich ein Verständnis für die Vorgänge in der UdSSR zur Zeit des Lysenkoismus entwickeln." (Rossmanith & Rieß 1997, S. 30).
Uwe Hoßfeld
* Teile dieses Aufsatzes wurden bereits an anderen Stellen publiziert, vgl. Hoßfeld (1999) sowie Krauße & Hoßfeld (1999).
[1] Vgl. weiterführend zu Leben und Werk von T. D. Lyssenko: Eichler (1992), Graham (1993), Höxtermann (1997), Jahn (1998), Joravsky (1970), Käding (1999), Popovskij (1977), Regelmann (1980), Rossmanith (1994), Rossmanith & Rieß (1997), Rossianov (1993), Sagdeev (1994), Siemens (1993, 1997) und Soyfer (1994).
[2] Vgl. auch das Wirken von Olga Borisowna Lepeschinskaja auf dem Gebiet der Medizin(Lyssenko 1952).
[3] Vgl. ergänzend die Ausführungen des Tübinger Botanikers Ernst Lehmann: „In Rußland errichtete Regel im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts in den klimatisch verschiedenen Gegenden landwirtschaftlich-botanische Stationen. Getreidetypen wurden in großem Umfange gesammelt, morphologisch beschrieben und biologisch bearbeitet. 1911 sind bereits 6027 Probeparzellen mit 89 Reinkulturen an den verschiedenen Stationen in Beobachtung […] Mit elementarer Energie greift der >Weizenorganisator< Vavilov die alten Ideen wieder auf und trieb die Weizenzüchtung in Rußland zu bislang ungeahnter Höhe" (1933, S. 81).
[4] Deichmann (1992) ergänzte zum historischen Kontext, daß z. B. Wilhelm Rudorf, Direktor des Kaiser Wilhelm-Institutes für Züchtungsforschung und Fritz von Wettstein bereit waren, „den Angriffskrieg und die Eroberungen für die Wissenschaft zu nutzen und mit dem Reichsernährungsministerium und auch dem Rosenberg-Ministerium für die besetzten Ostgebiete zu kooperieren, um die Verfügungsgewalt über diese Institute [Vavilov`schen] zu erhalten: v. Wettstein hatte bereits einen Plan ausgearbeitet, in dem er ausführlich zur Bedeutung dieser Institute Stellung nahm." Dies. fahren fort: „Der Grund dafür, daß die SS schließlich doch ein eigenes Institut mit gleicher Zielsetzung errichtete, lag vermutlich in der Tatsache, daß die KWG (Kaiser Wilhelm-Gesellschaft - d. Red.) ihre Pläne, die Vavilov-Institute in dem von deutschen Truppen besetzten Teil der UdSSR unter ihre Kontrolle zu bekommen, wegen des Kriegsverlaufs nicht verwirklichen konnte, und die SS es dann schaffte, wertvolles Material dieser Institute durch ein eigenes Kommando zu rauben."
[5] Die Wortschöpfung „Deutsche Biologie" stammt von E. Lehmann (siehe Fußnote 3), der in der Fachwissenschaft Biologie die Grundlage der nationalsozialistischen Weltanschauung sah: „Der Biologische Wille steht auf. Es ist wahrhaft bewundernswert, was der biologische Wille seit jenem 30. Dezember 1933 hervorbrachte. (1934) […] Der Nationalsozialismus hat Ernst gemacht mit den lebensgesetzlichen Erkenntnissen. Vor den Deutschen erhebt sich somit heute […] die vordringlichste und größte Aufgabe, die Lebensgesetze scharf zu erfassen […] aus denen die nationalsozialistische Weltanschauung geboren ist (1937)" (Universitätsarchiv Tübingen 201/953, Bl. 148; vgl. ebenso Hoßfeld 1997, S. 10). Vgl. weiterführend Junker & Hoßfeld (2000) und Hoßfeld (2000).
[6] "Der >Generalplan-Ost< steht stellvertretend für die enge und spezifische Verbindung von akademischer Forschung und nationalsozialistischer Planung, von Wissenschaft und ihrer Anwendung, von neuen theoretischen Ansätzen und nationaler Vernichtungspolitik" (Rössler & Schleiermacher 1993, S. 10).
[7] So unternahm Brücher (!) 1958 z.B. mit dem russischen Botaniker P. M. Schukowski eine Reise, aus der Flitner (1995, S. 142, Fußnote 31) schließt, daß von Brüchers „früheren Raubzügen [niemand in der Sowjetunion etwas] wußte". Meine Recherchen bestätigen diese Vermutung, denn in der Zeit des Kalten Krieges hätte die sowjetische Seite in keiner Weise mit einem früheren Mitglied der NSDAP und SS eine wissenschaftliche Zusammenarbeit gesucht, geschweige denn, eine gemeinsame Expedition durchgeführt. Anders hatten sich hier die Offiziellen in der DDR verhalten, die eine Zusammenarbeit mit Brücher gesucht hatten (vgl. die Jenaer-Archivalien im Archiv des Herbarium Haussknecht).
[8] Vgl. Lyssenko (1951b).
[9] Mittels Pfropfungen: „Dabei wurden wieder in der Hauptsache nur ganze Organe oder Organteile auf ein anderes Tier derselben oder einer anderen Art übertragen […] Als Material dienten schwarze und weiße Axolotl (Siredon pisciforme Shaw)" (Schneider 1947, S. 41).
[10] Vgl. dazu die im nächsten Jahr von Katja Schulze (Jena) erscheinende Magisterarbeit zu Leben und Werk Geoeg Schneiders.
So steht nachfolgendes Beispiel eines Lyssenko-Protagonisten an einem Universitätsinstitut der DDR zwar stellvertretend für den „wissenschaftsideologischen Zeitgeist" jener Jahre, dem auch in der DDR nicht wenige erlagen, ist aber durchaus auf dem Hintergrund einer gleichzeitig starken wissenschaftlichen Kritik durch andere ostdeutsche Wissenschaftler (s.u.) zu sehen.
Schneider hatte 1928-1931 in Jena studiert und hier 1931 das Staatsexamen als Lehrer abgelegt. Im Herbst 1931 emigrierte er in die Sowjetunion und arbeitete zunächst als Lehrer u.a. an der deutschen Schule „Karl Liebknecht" in Moskau. Von 1936 bis 1941 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Julius Schaxel am Institut für Evolutionsmorphologie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR in Moskau tätig. Während des Krieges arbeitete Schneider als Sanitätsinspekteur im Swerdlowsker Gebiet und am „Institut 99" in Moskau als Lehrer für Kriegsgefangene. Er gehörte zur Emigrantengruppe um Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck und Anton Ackermann und arbeitete nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion von Juli 1945 bis April 1946 in der Landesleitung der Thüringer KPD. So nahm er als Begleiter Walter Ulbrichts am Treffen einer Inspektionsgruppe der SMAD unter Leitung der deutschlandpolitischen Experten des sowjetischen Außenministeriums A. A. Smirnow und W. S. Semjonow teil, das am 5./6. Juli 1945 im Hotel „Ölmühle" in Jena zur Vorbereitung der Wiedereröffnung der Universität mit dem geschäftsführenden Rektor der Universität Jena, Friedrich Zucker, den Professoren Jussuf Ibrahim, Erich Preiser und Erich Gutenberg stattfand. Bereits am 9. Oktober 1945, d. h. sechs Tage vor der offiziellen Wiedereröffnung der Universität, wurde Schneider mit einer Arbeit über den „Einfluß des Nervensystems auf die Regeneration der Extremitäten beim Axolotl" (die Arbeit ist nicht nachweisbar) unter dem Dekanat des Anthropologen und Völkerkundlers Bernhard Struck an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät in Jena promoviert. Wenige Tage später (24.10.) eröffnete Schneider in seiner Funktion als KPD-Sekretär der Thüringer Landesleitung die „Demokratischen Kurse" an der Universität, die auf Anordnung der deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung für alle Studierenden zur kritischen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Ideologie abgehalten wurden. Sein Vortrag über die Potsdamer Beschlüsse führte auf Grund von Studentenprotesten zum Eklat und gefährdete so die Verhandlungen zur Genehmigung des Lehrbetriebs. Nach neunmonatiger Lehrtätigkeit an der Karl-Marx-Hochschule in Berlin bewarb sich Schneider um die Leitung des „Ernst-Haeckel-Archivs" (die Einrichtung trug jedoch eigentlich den Titel „Museum und Institut für Geschichte der Zoologie, insbesondere der Entwicklungslehre"). Auf Grund von Vorbehalten seitens der Fakultät bezüglich seiner biologiehistorischen Qualifikation für diese Stellung wurde ihm die Leitung des Ernst-Haeckel-Hauses vom Minister für Volksbildung zum 1. Januar 1947 zunächst nur kommissarisch übertragen. Auf Antrag des Senates erhielt er im Herbst 1947 vom Thüringer Ministerium einen Lehrauftrag innerhalb der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät für eine Vorlesungsreihe über die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung in der Sowjetunion für Hörer aller Fakultäten. Eine im gleichen Jahr eingereichte Habilitationsschrift zog Schneider auf Grund sehr konträrer, teilweise negativer Begutachtung selbst zurück. Die Berufungsangelegenheit wurde danach solange verzögert, bis die Entscheidung für die Zoologienachfolge (Manfred Gersch) getroffen war. Schneiders Ernennung zum Professor mit Lehrauftrag für das Fach Theoretische Biologie an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Jena durch Staatssekretär Gerhard Harig erfolgte daher erst am 6. April 1951.
Seine Stellung als Direktor des Ernst-Haeckel-Hauses und als Professor für Theoretische Biologie nutzte Schneider bis zu seiner Berufung in den Diplomatischen Dienst 1959 überwiegend zur Propagierung des „Schöpferischen Darwinismus", d. h. der Mit-schurin-Biologie und der pseudowissenschaftlichen Theorien des sowjetischen Agronomen T. D. Lyssenko: „Mit der Arbeit an der Geschichte des Darwinismus war die Verbindung zur Biologie Mitschurins und Lyssenkos gegeben, die ja die konsequentesten modernen Darwinisten darstellen und den Darwinismus in der Sowjetunion zum schöpferischen Darwinismus weiterentwickelt haben" (Schneider 1952, S. 35). So hielt Schneider bereits im Sommersemester 1950 eine Vorlesung über Mitschurin (Schneider 1956/57) und führte Kolloquien zur „Geschichte der Evolutionslehre in Rußland" durch. Im Wintersemester 1951/52 folgten obligatorische Vorlesungen „Abstammungslehre und schöpferischer Darwinismus" mit Seminar und fakultative über „Moderne Probleme der Biologie" sowie in der landwirtschaftlichen Fakultät Seminare zur "Agrobiologie"[8]. Das 1950 im Deutschen Bauernverlag Berlin erschienene Buch Die Evolutionstheorie, das Grundproblem der modernen Biologie. Ein Abriß des Entwicklungsgedanken von Kaspar Friedrich Wolff über Darwin bis Lyssenko (3. Aufl. 1952) kennzeichnet typisch Schneiders doktrinäre lyssenkoistische Auffassungen und das Niveau seiner Argumentationen: „Das Wesentliche der Lehren Mitschurins und Lyssenkos besteht darin, daß ihre Theorien und Methoden kein Dogma, kein starres System darstellen, sondern im Gegenteil eine Weiterentwicklung geradezu fordern […] Sie stellen heute in der Biologie das Fortschrittlichste dar […] Somit ist die Lehre Mitschurins und Lyssenkos die Weiterentwicklung der naturwissenschaftlichen Seite des Marxismus […] Wenden wir also mutig die Theorien und Methoden Mitschurins und Lyssenkos an!" (ebd., S. 113-114).
Mit großem Engagement agierte Schneider vor allem außerhalb der Universität mit Vorträgen im Rahmen zahlreicher gesellschaftlicher Organisationen wie der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF), des Kulturbundes zu Demokratischen Erneuerung Deutschlands, der Vereinigung der Gegenseitigen Bauernhilfe (VdGB) und der Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse für die Popularisierung des „schöpferischen Darwinismus" und dessen praktischer Anwendung in der Landwirtschaft und erhielt dafür deren höchste Auszeichnungen. Auf seine Initiative hin wurde die von Julius Schaxel 1924 begründete, seit 1933 verbotene populärwissenschaftliche Zeitschrift Urania. Monatsschrift für Natur und Gesellschaft 1947 unter seiner Leitung weitergeführt.
In seiner wissenschaftlichen Arbeit (Schneider 1947b, 1947c), für die ihm sein politisches und gesellschaftliches Engagement allerdings kaum Zeit ließ, versuchte er sowohl theoretisch als auch praktisch an die entwicklungsphysiologischen Untersuchungen seines Moskauer Lehrers J. Schaxel zu Fragen der ontogenetischen Determination beim Axolotl anzuknüpfen (vgl. u.a. die Arbeiten von Schaxel & Schneider 1939; Schneider 1940). Zur praktischen Durchführung seiner Versuche, Erbanlagen durch Umwelteinflüsse gezielt zu verändern, nutzte er zunächst zwei Räume im Ernst-Haeckel-Haus, das für diese Zwecke jedoch völlig ungeeignet war. Später wurden ihm im Abbeanum, einem Gebäude der Physik, Zimmer und Mitarbeiter für ein „Labor für experimentelle Zoologie" für Parabiosestudien an Schwanzlurchen und parasitologische Untersuchungen an Lurchen (Schneider 1947a, 1948) zur Verfügung gestellt. Für „Agrobiologische Untersuchungen" diente das Universitätsgut in Remderoda, das in dieser Zeit ebenso wie ein „Laboratorium für Hydrobiologie einschließlich Fischereibiologie" unter Leitung von Theodor Schräder - dem Haeckel-Haus angeschlossen - Schneider unterstand. Das Gut Remderoda ging ab 1. Januar 1951 auf Anregung der Landesleitung der SED in den Besitz der Universität über, um für den „prominentesten Vertreter der Mitschurinbewegung in der DDR", Georg Schneider, „das ihm zustehende Experimentierfeld" zu schaffen (Krauße & Hoßfeld 1999). Es unterstand Schneiders wissenschaftlicher Leitung von 1951 bis zum Herbstsemester 1953 (dann wurde die Leitung Alexander Werner von der Landwirtschaftlichen Fakultät übertragen).
Sowohl die Struktur des Instituts als auch das Forschungsprofil des Ernst-Haeckel-Hauses waren in dieser Zeit verändert. Schneider unterschied drei Abteilungen innerhalb des Instituts: eine Abteilung für Geschichte der Biologie (die auch die Betreuung des Museums und des Archivs umfaßte), eine Abteilung für experimentelle Biologie sowie eine Abteilung für Agrobiologie und Hydrobiologie. Der Schwerpunkt der Forschungen wurde auf praxisbezogene experimentelle Arbeiten und die Einführung sowjetischer Methoden in der Landwirtschaft gelegt und der Personalbestand für diese Abteilungen bedeutend erweitert. Im Jahresbericht 1952 wird demzufolge das Ernst-Haeckel-Haus als „Institut für Geschichte der Entwicklungslehre, experimentelle Biologie, Hydrobiologie und Agrobiologie" ausgewiesen.
Die Untersuchungen der „Abteilung Experimentelle Biologie" dienten der Beweisführung Mitschurinscher Biologie durch Parabioseversuche an Schwanzlurchen[9], die der Agrobiologischen Abteilung der Ertragssteigerung bei Milchkühen durch Akupunktur und gleichzeitiger Gabe von Digitalispräparaten sowie dem Einfluß von Embryotransplantationen auf die Merkmalsbildung bei Gramineen. Auf hydrobiologischem Gebiet galten die Forschungen insbesondere der Limnologie der Saaletalsperren[10].
Es ist das konkrete Verdienst von Georg Uschmann, ab 1951 mit fakultativen, klassischen biologiehistorischen Vorlesungen begonnen zu haben, so u.a. über „Lamarck, Leben und Werk im Rahmen der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Situation seiner Zeit" (Wintersemester 1951/52) und „Haeckel und die Biologie in Jena" (ab Herbstsemester 1952). Schneider hingegen hatte eher positivistisch ausgerichtete Lehrveranstaltungen angeboten, deren Inhalte oftmals in doktrinären marxistischen Positionen wurzelten. Bis zur Abberufung Schneiders 1959 bestanden beide völlig konträren Richtungen nebeneinander (Krauße & Hoßfeld 1999).
Da mit dem Tod Stalins die Lyssenko-Doktrin in ihrer Macht deutlich geschwächt war und auch in der DDR die wissenschaftliche Diskussion der Mitschurin-Biologie beendet wurde, waren die darauf basierenden, wenig erfolgreichen „agrobiologischen" Bemühungen Schneiders ebenfalls nicht mehr von Interesse. Am 15. August 1959 wurde er als Botschaftsrat für Kultur in die Botschaft der DDR nach Moskau berufen. Nach seiner Rückkehr aus Moskau 1962 arbeitete Schneider bis zu seinem Unfalltod 1970 als Professor mit Lehrauftrag für experimentelle Biologie.
Es bleibt der heutigen und zukünftigen Wissenschaftlergenerationen vorbehalten, dieses unrühmliche und dunkle Kapitel von Wissenschaftsgeschichte aufzuhellen sowie solide, objektiv und gründlich weiter aufzuarbeiten (vgl. Jaroschewski 1994, Koltchinsky 1999, Hoßfeld & Brömer 2000); zumal die ideologisch-politischen Ressentiments auf beiden Seiten gefallen sind. Eine Chance, die genutzt werden sollte!