Im Spannungsfeld von ‘Deutscher Biologie', Lyssenkoismus und evolutions-ideologischer Axolotl-Forschung

Trofim D. Lyssenko [1] wurde Anfang der 1930er Jahre durch Forschungen zum Verfahren der Jarowisation (Kältebehandlung von angekeimten Samen) bekannt. Durch diese Vorbehandlung war es möglich, Wintergetreide prinzipiell erst im Frühjahr statt im Herbst auszusäen. Theoretisch konnte man damit eine Auswinterung vermeiden und die Anbaugebiete in den kalten Norden der Sowjetunion verlagern. Auf diesen Gedanken aufbauend, entwickelte Lyssenko in den darauffolgenden Jahrzehnten ein Ideengebäude, das in vollständigem Gegensatz zu allen gesicherten genetischen Erkenntnissen der damaligen Zeit stand (Hagemann 1985, S. 99). Seine antigenetischen Theorien wurden unter dem Namen Mitschurin-Biologie, später auch als Schöpferischer Darwinismus postuliert und bekannt. Bereits seit Mitte der 1930er Jahre genoß Lyssenko die Unterstützung Stalins, wurde 1938 zum Präsidenten der Lenin-Akademie für Landwirtschaftswissenschaften (VASKhNIL) ernannt und 1940 Direktor des Instituts für Genetik der Akademie der Wissenschaften. „Vor dem Hintergrund der politischen Moskauer Schauprozesse und wegen der Unterstützung Lyssenkos in der Partei scheuten die sowjetischen Genetiker 1936 und 1939 auf großen Tagungen in Moskau eine scharfe öffentliche Auseinandersetzung mit Lyssenkos Theorien" (Siemens 1997, S. 255). Nach der Konferenz der VASKhNIL vom 31. Juli bis zum 7. August 1948 (Lyssenko 1951a) wurde das Gedankengut der klassischen Genetik in der Sowjetunion schließlich völlig unterdrückt, es brachen wiederum Zeiten von Repressionen, Denunziationen etc. an. Der klassischen Genetik wurde ein großer, nicht wieder gutzumachender wissenschaftlicher Schaden zugefügt - zumal die sowjetische Genetik jener Jahre Weltniveau hatte (I. I. Agol, S. S. Tschetwerikow, T. Dobshanski, G. F. Gause, G. D. Karpetschenko, M. L. Lewin, S. G. Lewit, N. V. Timofeew-Ressowski usw.); die sowjetische und z.T. auch die DDR-Genetik gerieten ins internationale Hintertreffen (Hagemann 1985, Käding 1999).
Jahrzehnte später beschreibt Alexander Solschenizyn in seinem ersten Band des Archipel Gulag diese Zeitperiode mit den Worten: „Die Ideologie! Sie ist es, die der bösen Tat die gesuchte Rechtfertigung und dem Bösewicht die nötige zähe Härte gibt. Jene gesellschaftliche Theorie, die ihm hilft, seine Taten vor sich und vor den anderen reinzuwaschen, nicht Vorwürfe zu hören, nicht Verwünschungen, sondern Huldigungen und Lob. So stärkten sich die Inquisitoren am Christentum, die Eroberer an der Erhöhung der Heimat, die Kolonisatoren an der Zivilisation, die Nationalsozialisten an der Rasse, die Jakobiner […] an der Gleichheit, an der Brüderlichkeit und am Glück der künftigen Generation. Dank der Ideologie war es dem 20. Jahrhundert beschieden, die millionenfache Untat zu erleiden. Sie ist nicht zu leugnen, nicht zu umgehen, nicht zu verschweigen […]" (1974, S. 172; Hervorhebung im Orig.).
Lyssenkos Ideen fanden Eingang in Schul- und Hochschullehrbücher und -pläne (auch in der DDR); man versuchte sogar, die Vorstellungen von Lyssenko auf die menschliche Entwicklung zu übertragen. Nach dem Tod von Stalin 1953 kam es zu einer vorübergehenden Schwächung Lyssenkos, dennoch konnten er und seine Anhänger sich mit Hilfe von Chruschtschow bis zu dessen Sturz am 14. Oktober 1964 behaupten (vgl. Fußnote 1).[2]
Nachfolgende Ausführungen thematisieren zwei Fallbeispiele, die hier nur exemplarisch für 30 Jahre Lyssenko-Ära ausgeführt sein können. Das erste stammt aus der Zeit der Lyssenko-Debatte, von 1943, spielte sich also während des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion ab; das zweite Beispiel betrifft die Zeit der Lyssenko-Affäre (nach 1948) und ein Institut der Universität Jena, das Ernst-Haeckel-Haus. Mit der zeitlichen Unterscheidung in die sog. Lyssenko-Debatte (bis 1948) und die Lyssenko-Affäre und der entsprechenden Einordnung der hier angeführten Beispiele lehne ich mich an die Ausführungen von Regelmann an (1980, S. 326). Er und neuere Autoren (vgl. Fußnote 1) haben gezeigt, daß die Lyssenko-Forschung nicht erst 1948 mit „einer Empörung über die Historische Augustsitzung [des VASKhNIL]" beginnt, „obwohl die Vielzahl von Publikationen des Zeitraums von 1948 bis 1950 dies annehmen lassen […] In beiden Epochen wurde Lyssenko-Forschung betrieben, polemisiert in ideologischer Ausrichtung jedoch nur in der Epoche der Lyssenko-Affäre" (Regelmann 1980).

Das botanische Sammelkommando der Waffen-SS in Rußland 1943

Trotz des Weltkrieges und trotz ideologischer Vorbehalte gegenüber dem Bolschewismus kannte und schätzte man von deutscher Seite die Verdienste der russischen Pflanzenzucht im weiteren Sinne (Nikolai I. Wawilow et al.) durchaus und wollte sie bei gegebener Zeit für sich (aus)nutzen (vgl. auch Käding 1999).[3] Lyssenko spielte deshalb, obwohl zu jener Zeit schon fast im Zenit seiner wissenschaftlichen Macht angekommen, in diesem konkreten Beispiel nur eine Nebenrolle in den Überlegungen der Strategen des nationalsozialistischen Deutschland. So erstaunt auch die Tatsache nicht, daß Lyssenko und seine Jünger zu Beginn der 1940er Jahre (trotz des Weltkrieges!) mehr personellen als materiellen Schaden in der „Sowjetwissenschaft" anrichteten; schließlich fanden die Mitglieder des SS-Sammelkommandos den Großteil der von ihnen aufgesuchten Wawilow-Institute und Sammlungen fast unbeschädigt und gut erhalten vor. Hatte Lyssenko einen solchen Mißbrauch der russischen Sammlungen während des Krieges nicht voraussehen können oder war es ihm, der ja im Gegensatz zu seinem Widersacher Wawilow eine andere „Genetik" propagierte, völlig egal, was mit den Sammlungen geschah? Es ist zu vermuten, daß diese konkrete „deutsche Expedition" nicht hätte stattfinden können, wenn Wawilow noch gelebt und gearbeitet hätte[4]; die Sorge um das Pflanzenmaterial hatte bei ihm stets oberste Priorität. Fragen und Vermutungen, die auch heute - 56 Jahre nach dem Pflanzenraub - noch nicht völlig geklärt werden können.
Es war das Verdienst des Wissenschaftlers Nikolai IwanowitschWawilow, der russischen Pflanzenzucht und der „bolschewistisch-russischen Regierung", frühzeitig die Wichtigkeit von Pflanzenzüchtungen erkannt und deshalb ein umfassendes Netz von Pflanzenzuchtstationen über ganz Rußland verteilt zu haben (Siemens 1993, Hoßfeld 1998, Käding 1999). Der russische Pflanzengeograph und Pflanzenzüchter hatte über 180 Sammelexpeditionen) unternommen (davon 40 ins Ausland und auf der Basis dieses Materials u. a. das „Gesetz der homologen Reihen" entdeckt und die „Theorie des Ursprungs der Kulturpflanzen in den Mannigfaltigkeitszonen" entwickelt. Im Jahr seiner Verhaftung (1940) verfügte die Genbank in Petersburg „über 250 000 Proben der verschiedenen Nutzpflanzen […], von denen mehr als 50 000 Varietäten der verschiedenen Kulturarten auf den unterschiedlichen Versuchsstationen charakterisiert worden waren" (Siemens 1993). Mit der Verhaftung und Internierung Wawilows wurde ein weltweit anerkannter Wissenschaftler ausgeschaltet und mundtot gemacht. Man hatte Wawilow u.a. in mehreren Artikeln der Sabotage bezichtigt, zumal I. I. Present alle Gegner Lyssenkos zuvor als „Volksfeinde" bezeichnet hatte (Rossmanith 1994, S. 199). Am 26. Januar 1943 verhungerte Wawilow in einem Gefängnis der Stalindiktatur in Saratow. Damit war auch die Entscheidung für Trofim D. Lyssenko und dessen „Biologie" gefallen.
Von deutscher Seite schätzte man im Todesjahr Wawilows den Bestand an Stationen zwischen Minsk und Stalingrad auf mehr als 200. Angesichts der expansiven Eroberungspläne des faschistischen Deutschlands scheint es verständlich, daß die damalige deutsche Besatzungsmacht am Wendepunkt des Krieges auf dieses „Weltsortiment" zurückgreifen wollte: „Ein Rückgriff auf diese von Vavilov zusammengetragenen Primitiv-Herkünfte der Kulturpflanzen ist im jetzigen Stadium der Pflanzengenetik um so bedeutungsvoller, als eine Verbesserung der Widerstandsfähigkeit gegen Kälte, Dürre und Schädlinge und damit eine Sicherung der Erträge nur mehr durch eine Einkreuzung derjenigen Erbanlagen geschehen, kann, die schon unter den scharfen Selektionsbedingungen der freien Natur ausgelesen wurden" (Berlin Document Center, SS-Akte Brücher; Unterstreichung im Orig.). Dabei war die deutsche Vererbungswissenschaft nach Auffassung des Botanikers Heinz Brücher über viele Jahre ein Opfer ihrer eigenen Ideologie geworden, denn man hatte die russische Pflanzengenetik unterschätzt und geglaubt, sie wäre viel zu sehr in lamarckistischen und marxistischen Vorstellungen befangen: „Obwohl die bolschewistische Parteidoktrin den züchterischen Anschauungen eines Darwin, Haeckel und Mendel ablehnend gegenüber stand, bediente sich die russische Pflanzengenetik in der Praxis dennoch mit Erfolg der Vererbungswissenschaft und der Selektionslehre […] Man hat deutscherseits an der Leistungsfähigkeit der russischen Züchtungswissenschaft deswegen jahrelang gezweifelt […] Wie auf verschiedenen anderen Gebieten, ist man auch hier einer schwerwiegenden Täuschung zum Opfer gefallen" (ebd.). In der Zeit vom Herbst 1941 bis zum Herbst 1943, wo der Zugang zu einem Großteil der besetzten westrussischen Institute noch möglich war, „bestand daher die einzigartige Möglichkeit sich durch rasches Zupacken das von den Russen zusammengetragene Material zu sichern und für die deutsche Pflanzenzüchtung auszuwerten" (ebd.). Zudem hatte Brücher, selbst Teilnehmer am Rußlandfeldzug, 1943 in einer Publikation über „Die Wildrassen des Kaukasus und ihre Bedeutung für die deutsche Pflanzenzüchtung" die Bedeutung der im Krieg besetzten russischen Gebiete für die deutsche Pflanzenzüchtung nochmals mit den Worten charakterisiert: „Die Eroberung des Ostens hat uns in den Besitz derjenigen Gebiete gebracht, die für die Ernährung des deutschen Volkes in der Zukunft von ausschlaggebender Bedeutung sein werden. Die klimatischen Verhältnisse dieser Ostgebiete stellen jedoch an die Kulturpflanzen ganz besondere Anforderungen. Die extrem harten Winter, der kurze aber heiße Sommer und die Trockenzeit der südlichen Gebiete verlangen eine besondere Widerstandsfähigkeit. Beim Anbau unserer an das atlantisch-feuchte Klima angepaßten Kulturpflanzen in dem Kontinentalklima des Ostens, in den Steppen Südrußlands, würde man außerordentliche Fehlschläge erleiden" (S. 93).
Dieses Pflanzenmaterial bot also die Möglichkeit, die ab 1933 postulierte Notwendigkeit einer Selbstversorgung Deutschlands auf einfachem Wege durchzusetzen (Hoßfeld 1999). Im späten Frühjahr 1943 wurde daher mit Unterstützung höchster politischer Stellen die Zusammenstellung eines botanischen Sammelkommandos der SS geplant. Der dabei benutzte Begriff „Sammelkommando" ist irreführend, da dieses Kommando in erster Linie Pflanzenmaterial raubte und nicht sammelte. Auf Befehl des SS-Obergruppenführers Oswald Pohl vom 8. Mai 1943 sollten unter Leitung des jungen Botanikers Brücher im Bereich des Höheren SS- und Polizeiführers Rußland-Süd landwirtschaftliche und züchtungswissenschaftliche Forschungsstationen aufgesucht und dort das für die landwirtschaftliche Forschung wichtige Saat- und Pflanzenmaterial „geborgen" werden (Berlin Document Center, SS-Akte Brücher). Den Vorschlag, hierfür ein SS-Sammelkommando nach Rußland (Ostgebiete) zu entsenden, hatte Brücher mit Unterstützung des Tibetforschers SS-Sturmbannführer Ernst Schäfer ausgearbeitet. Am 16. Juni 1943 brach Brücher in Begleitung eines Dolmetschers und des Fachführers SS-Hauptsturmführer Konrad von Rauch mit zwei Kraftfahrzeugen der Waffen-SS nach Rußland auf (Deichmann 1992, Hoßfeld 1999, Käding 1999).

Wer war Heinz Brücher?

Brücher wurde am 14. Januar 1915 in Darmstadt geboren. Er besuchte die Volksschule in Erbach (Odenwald) und anschließend die Oberrealschule in Michelstadt. Bereits als Schüler hatte er starke naturwissenschaftliche Neigungen, besonders für Tierzuchten. Zum Sommersemester 1933 schrieb sich Brücher an der Universität Jena zum Studium der Naturwissenschaften, insbesondere Botanik, Zoologie, Vererbungslehre und Anthropologie ein. Zum Wintersemester 1935/36 wechselte er an die Universität Tübingen, wo er seine in Jena begonnenen vererbungswissenschaftlichen Arbeiten über das Problem der reziprok verschiedenen Art- und Rassenbastarde bei Epilobium (Weidenröschen) fortsetzte. Im Jahr 1938 wurde er promoviert, 1940 habilitierte er sich und zum 13. Januar 1941 berief man ihn zum Dozenten. Nach seiner Habilitation war er am Kaiser Wil-helm-Institut für Züchtungslehre in Müncheberg bei Berlin tätig. Auf Befehl des Reichsführers-SS wurde er zum 1. November 1943 als Leiter des neu errichteten Instituts für Pflanzengenetik, SS-Versuchsgut in Lannach bei Graz bestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte Brücher nach Argentinien aus und erhielt dort 1948 eine Professur für Genetik und Botanik an der Universität Tucuman, später dann in Caracas (Venezuela), Ascunion (Paraguay) sowie in Mendoza und Buenos Aires (Argentinien). Er war ebenso Direktor des Entwicklungsprojekts für tropische Saatzucht in Trinidad (Westindien) und als UNESCO-Berater für Biologie tätig. Wissenschaftlich bekannt wurde er u.a. durch seine Bücher Stammesgeschichte der Getreide (1950), Tropische Nutzpflanzen. Ursprung, Evolution und Domestikation (1977) und Useful plants of neotropical origin and their wild relatives (1989). Am 17. Dezember 1991 wurde er auf seiner Farm Condorhuasi im Distrikt Mendoza (Argentinien) Opfer eines Gewaltverbrechens.

Von den Teilnehmern des Sammelkommandos wurden insgesamt 18 Stationen und Institute aufgesucht und ausgeraubt: Alexandria bei Bjelaja Zerkow, Mironowka, das Landwirtschaftliche Institut Uman, die Forschungszentrale Ukraine-Süd bei Cherson, die Meeresbiologische Station Kawadak bei Feodosia, der Botanische Garten Dnjepropetrowsk, die Pflanzenzuchtstationen Taschlik-Kyptschak bei Dschankoi, Alexan-drowska bei Dnjepropetrowsk, Sinelnikowo, Charkow, Gorbanowka bei Poltawa, Jewanowka, Wesselje-Podol bei Chorol, das Pflanzenbauamt Poltawa, das Futterbauinstitut Poltawa, die Arzneipflanzenstation Beresototscha bei Lubny, die Pflanzenzuchtstation Drabow mit Außenstelle Palmira nordostwärts von Tscherkassy und die Pflanzenzuchtstation Batei-Berg in Kiew.
Als Beispiele für den „Erfolg der Aktion" seien hier zwei Notizen aus dem Abschlußbericht Brüchers angeführt. So heißt es über den Botanischen Garten Nikita (Jalta, Krim): „Dieser ehemals berühmte russische Garten machte einen wissenschaftlich verwahrlosten Eindruck. Daran war nicht allein die rumänische Besatzertruppe schuld. Gerade im Nikita-Garten, einem Glanzstück alter russischer Pflanzenakklimatisation, machte sich das Fehlen einer straffen deutschen Leitung besonders bemerkbar. Aus russischer Zeit befanden sich hier mehr als tausend verschiedene Rebsorten, über 500 Pfirsichrassen, 300 Feigensorten, zahlreiche Kultur- und Wildpflaumenarten, sowie einmalig gelungene Bastarde zwischen Pfirsichen und Mandeln, Quitten und Birnen. Ein reichhaltiges Sortiment an Heil- und Gewürzpflanzen gedieh in dem nahezu subtropischen Klima besonders günstig" (Berlin Document Center, SS-Akte Brücher; Unterstreichung im Orig.).
Zu Sinelnikowo notierte er: „In Sinelnikowo war ein Großteil des Vavilovschen Weltsortiments an Kulturgetreiden vereinigt: 2000 Sorten Sommerweizen, 1000 Sorten Winterweizen, etwa 2000 Sorten Gerste, rund 300 Sorten Hafer. Ausserdem befand sich hier eine umfassende Sammlung von Futterpflanzen, Gummipflanzen, Mais, Rizinus, Sonnenblumen und Hirsen…In Sinelnikowo als zentralem ukrainischen Züchtungsinstitut, hätte besonders die Züchtung kälte- und dürrefester Weizen und Gersten durchgeführt werden können. Statt dessen konnte nicht einmal eine Winterprüfung des Weltsortiments vorgenommen werden, weil infolge eines Aussaatfehlers im Jahre 1942/43 der gesamte Winterweizen abstarb. Die von den russischen Wissenschaftlern Sinelnikowos beabsichtigte Prüfung auf Dürrefestigkeit war unverständlicherweise überhaupt unterblieben. Der Mangel an genetischen Kenntnissen war bei dem verantwortlichen deutschen Zuchtringleiter Denkhaus so offensichtlich, dass ihm jegliche wissenschaftliche Autorität gegenüber den Russen fehlte. Eine deutsch-russische Zusammenarbeit wäre in Anbetracht der Tatsache, dass sich u.a. die namhaften Gelehrten Professor Bykownikow (Getreidezüchtung), Dozent Demidenko (Futtergräser) und Dozent Sokolow hier befanden, für die ukrainische Pflanzenzüchtung besonders wertvoll gewesen. Die sieben vorhandenen russischen Gelehrten waren dem deutschen Zuchtringleiter geistig weit überlegen […] Das Institut in Sinelnikowo ist ein bedauerliches Beispiel dafür, wie ursprünglich zur Mitarbeit bereite ukrainische Wissenschaftler infolge der Unfähigkeit des dorthin kommandierten deutschen Leiters zur Passivität und Interessenlosigkeit verleitet wurden" (ebd.).

Die Ziele des SS-Sammelkommandos standen im vollen Einklang mit den Interessen des Reichsführers-SS Heinrich Himmler sowie des Reichsmarschalls und Präsidenten des Reichsforschungsrates Hermann Göring. Die dabei verfolgte Zielstellung war nach deren Meinung sowohl von kriegsentscheidendem als auch von hohem bevölkerungspolitischen und wissenschaftlichen Interesse. Das Deutsche Reich sollte sozioökonomisch autark gemacht werden. Das botanische Sammelkommando ist ein spätes Beispiel für die "Deutsche Biologie" [5], für die Verwirklichung des "Generalplan-Ost" [6], wobei das Risiko der Aktion wohl allein nur den unmittelbaren Teilnehmern bewußt wurde, die sich ständig in unmittelbarer Nähe zur Front (Kiewer Raum) bewegten, diese Befehle ausführen mußten und später Stillschweigen[7] über das Unternehmen zu bewahren hatten. Andererseits verdeutlicht das Sammelkommando aber auch Brüchers persönlichen Widerspruch zwischen Sicherstellung und Bewahrung der Pflanzenzuchten vor mutwilliger Zerstörung (aus der Sicht des Botanikers) und dem Diebstahl im weiterführenden Sinne von „Beutegut" (als Mitglied der SS) - siehe dazu die heute aktuell geführten Debatten um Beutekunst in der russischen Duma.
Dieser in der Wissenschaftsgeschichte und Geschichte der Botanik brisante Vorgang gewinnt um so mehr an Bedeutung, da er sowohl in älteren wie neueren Werken zur Geschichte der russischen und deutschen Botanik, zu Lyssenko und Wawilow bisher unerwähnt blieb.

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Fussnoten siehe 2. Seite