Ausgabe 1/2000
Tiervater Brehm in Westsibirien
"Welcher Alfred Brehm ist denn gemeint - etwa der Tiervater? War der denn in Sibirien?" - Solcher Reaktion auf die Erwähnung der West-Sibirien-Expedition des Jahres 1876 von Brehm, dem Ornithologen Otto Finsch und dem Botaniker Grafen Karl von Waldburg-Ziel begegnet man im Heimatlande eines der bekanntesten Zoologen des 19. Jahrhunderts nicht selten.
Dafür lassen sich zwei Gründe anführen. Der erste weist in die österreichisch-ungarische Monarchie der 80-er Jahre des vorigen Jahrhunderts: Der junge Kronprinz Rudolph, der sich für die Ornithologie interessierte, fühlte sich glücklich, Brehm, der gerade mit der Auswertung seiner Sibirienreise beschäftigt war, für die Teilnahme an zwei weiteren Expeditionen gewinnen zu können. Die kurz danach offenbar werdende „gefährliche liberale Gesinnung" des Kronprinzen (eine Einschätzung aus der Sicht der herrschenden Schicht) wurde in einflußreichen klerikalen Kreisen auf Umgang des Thronfolgers mit dem Darwinanhänger Brehm zurückgeführt. Weitere Kontakte mit dem Freisinnigen wurden dem jungen Kronprinzen untersagt, was auf den Ruf des Wissenschaftlers auch in Preußen nicht ohne Nachwirkung blieb.
Der andere Grund für die geringe Popularität der Expedition liegt wohl an ihrem Zielland. Erinnert sei nur daran, daß auch die Sibirienreise Alexander von Humboldts, welche der Wissenschaftler auf der Höhe seines Weltruhms unternommen hatte, bis heute relativ wenig bekannt blieb. Dies ist um so erstaunlicher, daß es zum Zeitpunkt der Humboldt-Reise bereits seit einem Jahrhundert eine Tradition wissenschaftlicher Expeditionen deutscher Gelehrter nach Sibirien existierte. Nicht zuletzt deren Beitrag für die Modernisierung wissenschaftlicher Methoden, sei es in der Historiographie, Geographie, Ethnologie, Archäographie oder auch in verschiedenen Bereichen der Naturforschungen, ist im 18. Jahrhundert mit den Namen von Messerschmitt, Müller, Gmelin, Steller, Pallas u. a. verbunden. (Bis heute bleiben die von ihnen angewandten Methoden gültig in den Bereichen der geschichtlichen Quellenkunde, der Ethnologie, der Archäologie.) Auf den Spuren dieser Gelehrten reiste sowohl Humboldt als auch 47 Jahre später die Brehm-Finsch-Expedition.
Der Vergleich dieser beiden Unternehmungen ist in vieler Hinsicht von Interesse. Für die Wissenschaftsge-schichte, die sich mit den Expeditionen befaßt, sind solche Aspekte wie die fachliche Vorbereitung und die spätere wissenschaftliche Auswertung sehr wichtig. Auf diese Fragen kann ich hier nicht eingehen. Ich möchte die Aufmerksamkeit des Lesers einerseits auf die Wahrnehmung der Zustände im Lande seitens der Reisenden lenken und zum anderen auf die Gründe für die unterschiedliche Resonanz, welche diese Expeditionen und ihre Empfehlungen in Rußland fanden.
Alexander von Humboldt bereiste im Auftrage des Zaren verschiedene asiatische Gouvernements Rußlands. Dabei ging es vor allem um die Modernisierung des Bergbaus in den Ural- und Altaigebieten. Humboldt machte Vorschläge zur Zweckmäßigkeit von Produktionserweiterungen, ausgehend von der Kapazität der Erzvorkommen und unterbreitete Vorschläge zur Verbesserung der Technologien und zu Möglichkeiten, den Arbeitskräftemangel zu beseitigen. Der Meinungsaustausch zu den letzten beiden Fragen ging über ein Jahrzehnt, wobei die Meinung der Fachleute von der Hauptverwaltung des Uralbergbaus stets gehört wurde. Deren ablehnende Einstellung zu Humboldts Ratschlägen wurde mit dem Argument begründet, daß die im Prinzip richtigen Hinweise des großen europäischen Fachmanns zu wenig die Besonderheiten vor Ort berücksichtigen würden. So brachte Humboldts Reise nur in den Bereichen Erfolge, wo Kenntnisse der örtlichen Zustände oder auch die Bereitschaft, diese zu berücksichtigen, nicht Maßstab der Bewertung waren.
Die Expedition, an der sich Brehm beteiligte, führte Jahrzehnte später in ein verändertes Rußland. Die Wirkung der inzwischen unter Alexander II. durchgeführten großen Reformen war, gemessen an den Erwartungen, zwar enttäuschend, jedoch war sie ausreichend, um auch an der Peripherie Kräfte freizusetzen, die sich an der Modernisierung des Landes aktiv beteiligten. Zu diesen gehörte der Goldbergbauunternehmer Alexander Sibirjakow. Er erkannte sehr früh, daß für die Industrialisierung Sibiriens die Schaffung neuer Verkehrswege und -mittel von erstrangiger Bedeutung sei. Die ersten Pläne zum Bau der Transsibirischen Eisenbahn hat es zu diesem Zeitpunkt bereits gegeben. Was jedoch Sibirjakow vorschwebte, war die Ausnutzung der mächtigen sibirischen Wasserströme. Sein Entschluß, eine deutsche Wissenschaftlerexpedition zu finanzieren, die die Mündung des Ob erforschen sollte, hing mit dieser Idee zusammen. (Warum er gerade die deutschen Forscher dazu eingeladen hat, kann hier nicht erläutert werden, ebenso wie die Frage, was die drei Spezialisten ganz anderer Fachgebiete dazu bewogen hat, sich zu dieser abenteuerlichen Reise zu entschließen.)
Die Wahl der an sich umständlichen Reiseroute, die im asiatischen Teil zuerst mit dem Pferdewagen den Irtysch entlang nach Süden bis zur chinesischen Grenze, dann zurück über den Altai nach Tomsk und von dort auf dem Schiff den Ob hinunter bis zu seiner Mündung führte, erklärt sich aus dem Bemühen, die eigenen Interessen der Wissenschaftler mit der Aufgabe zu verbinden, für welche Sibirjakow sie engagierte. Bezeichnenderweise gingen Brehm und seine Kollegen an diese Aufgabe ganz anders heran als ihr berühmter Vorgänger Humboldt. Ihre eigenen Erfahrungen mit Straßen und Verkehrsmitteln unterschiedlicher Art und Beschaffenheit spielen in den hinterlassenen Zeugnissen eine wichtige Rolle. Bei Brehm finden wir einen Brief, in dem er das Erlebnis eines Schneesturmes, der sie auf der Straße von Ekaterinburg nach Tjumen überraschte, festgehalten hat: das Gefühl des Verlorenseins, das sofort schwand, als mitten auf der Strecke, hunderte Kilometer vor dem Ziel, ein Mann - ein höherer Polizeibeamter - auftauchte, der den ehrwürdigen Gästen von Tjumen aus entgegenreiste, um mit ihnen zusammen zurückzufahren. Man würde diese Art der Reisebeschreibung als eine private Begleiterscheinung ignorieren können, wenn ihre Grundelemente nicht auch bei Anlässen auftauchten, die mit persönlich Erlebtem nichts zu tun haben. Ein Beispiel dafür ist die Erörterung der Funktionen der Goldkarawane im Altai, in welcher neben der Darstellung des Weges auch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aspekte dieser traditionsreichen Einrichtung beschrieben werden.
Am eigentlichen Ziel der Forschungsreise, der Ob-Mündung, angekommen, widmeten sich die Gelehrten nicht etwa ausschließlich der Untersuchung der Bodenbeschaffenheit. Auch Schiffs-reisen in der Umgebung standen, wegen ungünstiger Wetterverhältnisse und Schiffspannen, nicht im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Brehm und Finsch qualifizierten sich zu Ethnologen bzw. Anthropologen, die sich für die Wirkung des harten Klimas und der eigenartigen Lebensumstände auf körperliche, geistige Beschaffenheit und soziales Verhalten der Eingeborenen interessierten. Pläne zur Einrichtung neuer Wege, Kanäle oder Straßen wollten sie an Kenntnisse über Menschen, ihre Traditionen und Überlieferungen zum Umgang mit der Natur- und Tierwelt knüpfen. Dieser methodischer Ansatz ist in ihren Arbeiten nirgends ausformuliert, er entstand vermutlich nicht zuletzt durch das Übertragen neuer Grundsätze der Tierforschung (Feldbeobachtungen) auf den Menschen und auf die Bedingungen der Zivilisation, aber auch durch Auswertung eigener Erfahrungen in extremen Situationen. Man könnte darin eine Vorwegnahme der später als "postmodern" bezeichneten Forschungselemente erkennen.
Ludmila Thomas
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