Ausgabe 1/2000

    70 Jahre Fakultaet fuer Voelker des Hohen Nordens an der Paedagogischen Alexander von Herzen–Universitaet St. Petersburg


    Vom 21.bis zum 24. Juni 1999 beging die Fakultaet fuer Nordvoelker der Paedagogischen Alexander von Herzen-Universitaet ihr 70-jaehriges Bestehen. An dieser Einrichtung werden seit Ende der 1920er Jahre die Grundlagen der Sprache, Kultur und Entwicklung der kleinen Voelker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens Russlands gelehrt und erforscht. Sie ist in mehrfacher Hinsicht einmalig in Russland und in der Welt, u.a. werden hier 26 Sprachen der kleinen Voelker Russlands gelehrt – Uralische Sprachen (ненецкий, иганасанский, селькупский, энецкий, саамский, хантыйский, мансийский языки), Altaische Sprachen (долганский, эвенкийский, эвенский, нанайский, ульчский, удэгейский, орокский языки) und  Paleoasiatische Sprachen (чукотский, эскимоский, корякский, нивский, юкагирский, алеутский, кетский, ительменский языки).[1]
    Begonnen hatte man  zwischen etwa 1926 und 1941 mit der Verschriftung der Sprachen dieser Voelker, der Ausbildung von Lehrern und Paedagogen aus deren Reihen und der Schaffung von Schulen. Dies war eine der Voraussetzungen, um die wirtschaftliche und soziale Existenz der kleinen Voelker und ethnischen Minderheiten im Norden Russlands und Sibiriens zu sichern und ihre weitere Entwicklung zu foerdern. In der Gegenwart stehen Fragen der Auspraegung von Literatursprachen und die Foerderung einer eigenen Intelligenz fuer viele dieser kleinen Voelker im Mittelpunkt.  An der Fakultaet werden Spezialisten fuer Sprache, Kultur, Folklore, Literatur und Geschichte der Nordvoelker und in Naturwissenschaften ausgebildet. Die Einrichtung kann mittlerweile auf die stattliche Zahl von 40 Schriftstellern und 42 Wissenschaftlern unter ihren Absolventen verweisen.[2]

    Aus Anlass des Gruendungsjubilaeums richtete die Fakultaet der Nordvoelker eine wissenschaftlich-praktische Konferenz zu aktuellen Problemen der Ausbildung von Spezialisten fuer den Hohen Norden, fuer Sibirien und den Fernen Osten aus. Eine Vielzahl von Absolventen und Veteranen der Fakultaet und der Hochschule fuer Nordvoelker, die aus den verschiedenen Regionen Russlands angereist waren, zeugten vom dauerhaften Interesse an der Geschichte und Gegenwart dieser Einrichtung. Dabei wurden auch Probleme der zunehmenden Schwierigkeiten, Lehre und Forschung ausreichend finanzieren zu koennen, diskutiert. Neben aktuellen Fragen wurde der Geschichte der Forschungsdisziplinen breiter Raum gegeben. Dazu boten die Erinnerungen der Absolventen aller Jahrgaenge, die in einer Arbeitsgruppe vorgestellt und diskutiert wurden, interessante Informationen und sonst kaum erfahrbare Subjektivitaet individuellen Erlebens. Es ist heute schwer vorstellbar, welche aufwendige und kraeftezehrende Arbeit von den Wissenschaftlern-Pionieren der ersten Stunde bei der Ausarbeitung von Alphabeten und Grammatiken fuer diese Voelker geleistet wurde. Eine grosse Gruppe von Wissenschaftlern, Polar-und Nordforscher, beschaeftigte sich an der 1930 eigens dafuer gegruendeten Hochschule fuer Nordvoelker (Институт Народов Севера) unter Leitung von Ja. P. Koskin (Alkor) mit sprachwissenschaftlichen, ethnologischen, kulturellen und sozial-oekonomischen Entwicklungsfragen dieser Voelker. Der Hochschule war eine Forschungsassoziation beim CIK (Центральный Исполнительный Комитет) der UdSSR, nach dem Begruender des Komitees Hoher Norden (Комитет Севера), N.G. Smidovic benannt, angeschlossen. Hier wurden zeitweilig die wichtigsten Richtungen in Forschung und Lehre auf diesen Gebieten koordiniert. Ausgedehnte Expeditionsarbeit und Feldforschung ebenso wie die Lehrtaetigkeit mit Studenten, die auch die russische Sprache erst erlernen mussten, charakterisierten den Wissenschaftler-Alltag. Viele Studenten der Hochschule waren in diesen Prozess integriert: Sie lernten mit ihren Lehrern und diese mit ihnen und von ihnen.
    Anatolij Omelcuk hat den Studenten und dem Hochschullehrerkollektiv in einer Prosaerzaehlung („Die Ritter des Nordens“) [3] ein literarisches Denkmal gesetzt: Уникальный Институт. Пожалуй, такого не было во всей истории высшего образования: в институт принимали неграмотных. Мало того, они ехали в Ленинград и не знали русского языка. ... Добирались они долго, но добрались. Язык,  говорят, доводит до Киева. Их довело до Ленинграда желание учиться.
    Zu den ersten Wissenschaftlern der Institution gehoerten der bekannte Ethnograph V.G. Bogoraz-Tan, der sich mit der Sprache der Tschukschen befasste, S.N. Stebnickij - er beschaeftigte sich mit dem Korjakischen, V.A. Avrorin – mit dem  Nanaischen, Ja.P. Koskin(Alkor), V.I.Cincius, G. M. Vasiljevic – mit dem Ewenkischen, V.I. Cincius und L.D. Rises mit dem Ewenischen, Ju.A. Krejnovic – mit dem Nivchischen, E.D. Schnejder – mit dem Udegeischem, G.N. Prokofjev und E.D. Prokofjeva mit dem Nenzischen,  V.N. Cernecov und I.Ja Cernecova mit dem Mansischen, N.I. Karger, und (der deutsche Gelehrte) W. Steinitz [4] – mit dem Chantischen und Mansischen u.a. In der Fakultaetsbibliothek findet sich eine kleine Galerie mit in Oel gemalten Portraets dieser Pioniere auf ihrem Gebiet. Sie wurde von der Fakultaet und ihren Absolventen mit Unterstuetzung durch die verschiedenen Regionen, die mit viel Eigeninitiative die Arbeit der Fakultaet unterstuetzen und die finanziellen Mittel dafuer aufbrachten, hergerichtet und zeugt von der Achtung und Pflege dieses historischen Erbes.[5] Hier in dieser Galerie befindet sich auch ein Bild von Tatjana F. Petrova-Bytova (geb.1910), der Gruenderin des Ensembles „Северное Сияние“ (Nordlicht). Dieses Studenten-Ensemble ist international gut bekannt dank seiner spezifischen Tanz- und Folklorekultur der Nordvoelker. Es gastierte bereits in vielen Laendern der Erde wie Norwegen, Frankreich, Italien und auch in den USA. Die heutige kuenstlerische Leiterin Irina St. Davydova, die zugleich Musik an der Fakultaet unterrichtet, und einige ihrer Studenten brachten den Konferenzteilnehmern eine Kostprobe ihres Koennens dar. Vom lebendigen Interesse an der Geschichte der Fakultaet und ihrer Disziplinen zeugt ferner die Existenz eines historischen Kabinetts und des Fakultaetsmuseums.
    Die Diskussion waehrend der Tagung machte die vielfaeltigen historischen Beziehungen der Fakultaet faer Nordvoelker deutlich. Dennoch bleibt viel historische Detailarbeit zu leisten. Viele Luecken, die aus der Zeit des zweiten Weltkrieges herruehren, muessen geschlossen werden. So wurde wie viele andere Leningrader Einrichtungen auch die Hochschule fuer Nordvoelker 1941 evakuiert und mit ihr das Archiv (Expeditionsberichte, wissenschaftliche Aufzeichnungen, Personalunterlagen u.a.). Teile des Archivs sind dabei verlorengegangen. Eine Nachwuchswissenschaftlerin hat einen bedeutenden Teil der wissenschaftlichen Aufzeichnungen ueber die Kriegszeit hinuebergerettet  und sie spaeter dem Institut fuer Ethnographie der Russischen Akademie uebergeben. Dazu gehoeren auch einige vor allem russischsprachige Arbeiten aber auch originale Aufzeichnungen von W. Steinitz, ueber die ich auf der Konferenz berichten konnte.

    Rose-Luise Winkler



    [1] Педагогические Вести. Газета ученого совета РГПУ им. А.И.Герцена. 26.03.1997: 1.
    [2] A.A. Petrov. Fakultet Narodov Krajnego Severa. Chanty-Mansijsk. 1999:6.
    [3] А. Омельчук. Рыцари Севера, Свердловск 1982.
    [4] Die 1925 im Zusammenhang mit der 200-Jahrfeier der Russischen Akademie zwischen den wissenschaftlichen Einrichtungen der Sowjetunion und Deutschlands aufgenommenen Kontakte erstreckten sich auch  auf  die  Sprachwissenschaften. Probleme der Schaffung von Schriftsprachen wurden in der Gesellschaft der Freunde des neuen Russland diskutiert (Albert Einstein, A.E. Fersman, N.Jakovlev)  und 1926 wurde in Berlin eine Ausstellung zur Entwicklung des Nationalschrifttums der Voelker des Orients gezeigt.( N. Jakovlev. Die Entwicklung des Nationalschrifttums der Voelker des Orients in der Sowjetunion. (Vortrag vom 28. April 1926)  Osteuropa 1925/1926: 473-491) W. Steinitz studierte zu dieser Zeit finnisch-ugrische Sprachkunde an der Berliner Universitaet und erhielt so 1926  ueber eine Einladung von  S.F. Oldenburg die Moeglichkeit, am 1925 gegruendeten Lehrstuhl fuer Finnougristik an der Leningrader Universitaet einen Studienaufenthalt durchzufuehren. 1927  wurde er Mitglied der Leningrader Gesellschaft fuer Finnisch-ugrische Forschungen (ЛОИКФУН). 1933 emigrierte W.Steinitz aus Deutschland. Er konnte seine fachliche Taetigkeit an der Hochschule fuer Nordvoelker fortsetzen und sich damit international auf diesem Gebiet profilieren.
    [5] So wurde zum Jubilaeum der Fakultaet von der Administration des Autonomen Nationalkreises Chanty-Mansijsk ein Prospekt zur Geschichte und Gegenwart der Fakultaet uebergeben. Российский Государственный Педагогический Университет им. А.И. Герцена, Факультет Народов Крайнего Севера.Ханты-Мансийск. 1999.

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