Ausgabe 1/2000

    Wie sicher lebt und arbeitet man in Moskau?


    Erfahrungen und Urteile von Deutschen, die Antwort auf diese Frage geben sollen, sind in einer aktuellen Studie von SINUS München* dokumentiert.
    Im Auftrag des Verbandes der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation und der Friedrich-Ebert-Stiftung befragten die Mitarbeiter des SINUS-Instituts im Herbst 1999 Deutsche, die im Auftrag verschiedener Firmen und Institutionen in Rußlands Hauptstadt tätig sind. Anlaß zu diesem Projekt lieferten sich wiederholende dramatische und oft wenig differenzierte Berichte in den Medien zur Sicherheitslage in Moskau. Einige deutsche Firmen mit Niederlassungen in Moskau signalisierten, daß es für sie schwieriger geworden sei, genügend qualifizierte deutsche Mitarbeiter für eine Tätigkeit dort zu motivieren.
    Die Studie stützt sich auf qualitative Befunde - Explorationen und Intensiv-Interviews - sowie auf eine schriftliche Befragung (418 Fragebögen wurden ausgewertet) deutscher „Residents" in Moskau.
    Folgende Themen standen im Mittelpunkt der Befragung zu Sicherheitsempfinden und Kriminalität in Moskau:
    Wie sicher fühlt man sich als Deutscher in Moskau? Wie schätzt man die Sicherheit seiner Angehörigen, wie die der Firma/Arbeitsstelle ein? Was hält man von der Berichterstattung deutscher Medien zum Thema Sicherheit und Kriminalität in Moskau? Welche konkreten Erfahrungen mit Kriminalität hat man in Moskau bereits persönlich gemacht? Welche Vorfälle beeinträchtigen das subjektive Sicherheitsempfinden der Deutschen in Moskau in besonderem Maße? Wie denken und urteilen die Deutschen über Kriminalität in Moskau? Wo finden sie Unterstützung/Beratung in Sicherheitsfragen?
    Auch das Leben in der russischen Metropole allgemein sollte bewertet werden - Wie fühlen sich Deutsche in Moskau? Welche Lebensbereiche werden als zufriedenstellend erlebt, welche „nerven"? Welche Beschwernisse, Sorgen und Ängste werden artikuliert?

    Die wichtigsten Ergebnisse der Studie im Überblick

    Sicherheitsempfinden und Erfahrungen mit Kriminalität in Moskau
    Die Untersuchung von SINUS zeigt erstens: Die überwältigende Mehrheit der Deutschen in Moskau fühlt sich hier sicher - das gilt auch für die Firmen. Zweitens: Ober 80 % der Deutschen sind überzeugt, die Berichterstattung in den Medien über Kriminalität in Moskau sei „übertrieben", nur wenige glauben, es werde darüber „objektiv" berichtet. Diese Ansichten sind vor dem Hintergrund der Tatsache zu sehen, dass 45% der befragten Deutschen in Moskau selbst schon „Opfer" von Kriminalität wurden und dass fast 60% dieses von Freunden und Bekannten berichten. Freilich bedeutet „Erfahrungen mit Kriminalität" zumeist, dass man mit Delikten konfrontiert wurde, die zur „Kleinkriminalität" zu rechnen sind: Um die 50 % berichten von Straftaten, die mit dem Auto zusammenhängen (Autoeinbruch, Autodiebstahl), aber immerhin auch 40 % von Forderungen nach Bestechungsgeld. Einbrüche, Diebstähle, Betrugsdelikte und Sachbeschädigungen nehmen in der Häufigkeitsrangreihe .der Delikte die oberen Positionen ein. Nicht alle Erfahrungen mit Kriminalität in Moskau tangieren das persönliche Sicherheitsempfinden gleichermaßen. Was wirklich „unter die Haut geht" sind eher seltener registrierte Vorfälle wie polizeiliche Übergriffe, Denunzierungen durch Firmenmitarbeiter, Erpressungen, Schutzgeldforderungen und Raubüberfälle. Sie beeinträchtigen das persönliche Sicherheitsgefühl. Verglichen damit steckt man Einbrüche, Sachbeschädigungen. Betrugsdelikte. Autodiebstähle u. ä. relativ locker weg während umgekehrt nicht im eigentlichen Sinne kriminelle Vorfälle in hohem Maße geeignet sein können, das Sicherheitsempfinden nachhaltig zu beschädigen. Das gilt für den Straßenverkehr in Moskau, technisch unsichere Verkehrsmittel, vor allem aber sieht man sich durch Umweltbelastungen und Mängel in der medizinischen Versorgung gefährdet. Wo man solches selbst oder in seinem Umfeld erlebt hat. fühlt man sich sehr oft in Moskau „unsicher".
    Kriminalität in Moskau ist für die meisten Deutschen einzureihen in das Szenario „Metropolenkriminalität" in der heutigen Welt. Moskau ist da keine Ausnahme, weder im Guten noch im Bösen. 86 % der Befragten stimmen der Aussage zu: „Die Kriminalität in Moskau ist nicht schlimmer und nicht weniger schlimm als in anderen vergleichbaren Metropolen der Welt." Als die eigentlichen Opfer von Kriminalität in Moskau betrachtet man nicht seinesgleichen, sondern Russen und andere Bürger der GUS. Über 70 % der Deutschen erklären: „Opfer von Kriminalität in Moskau sind zumeist Russen oder Bürger aus anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion und nicht Ausländer wie wir." Vor allem aber: Die „gewöhnliche Kriminalität" in Moskau ist^nach Überzeugung nahezu aller Deutschen nicht das eigentliche Problem. Einhellige Meinung ist: „Das Arbeiten in Moskau wird vor allem durch Behördenwillkür, Bürokratie und Korruption erschwert."
    Unterstützung und Beratung in Sicherheitsfragen erwartet man als Deutscher in Moskau zunächst und vor allem von der Zentrale der eigenen Firma/ Institution, sodann vom Verband der Deutschen Wirtschaft in Moskau und von der Deutschen Botschaft. Deutlich häufiger werden russische als nicht-russische Sicherheitsunternehmen in Moskau konsultiert, aber kaum die Moskauer Miliz und andere russische staatliche Stellen.

    Moskau im Vergleich
    Fast 90 % der Deutschen in Moskau kennen noch andere Städte und Regionen Rußlands. In der Regel finden sie Moskau genauso sicher oder unsicher wie diese anderen Städte.

    Leben in Moskau
    Weniger als 10 % der Deutschen in Moskau sind „moskaumüde", mehr als die Hälfte erklärt ausdrücklich, sie lebten gerne in dieser Stadt. Man schätzt in Moskau das Kulturangebot, die Atmosphäre der Stadt, das Schulangebot, die Wohnsituation, das Verhalten der Moskauer zu Ausländern und anderes mehr. Was stört und „nervt" ist die Moskauer/russische Bürokratie, was Sorgen macht sind die Umweltbela-stungen. Aber die Deutschen haben offensichtlich gelernt, sich auch mit Beschwernissen des Lebens in Moskau zu arrangieren. Man ärgert sich zwar oft darüber, aber sie sind kaum Anlässe für wirkliche Ängste oder Abwanderungspläne.

    Ausblick
    Nicht die Moskauer Kriminalität ist das eigentliche Problem für die Deutschen in dieser Stadt. Viel eher sind es ungelöste politische Probleme im heutigen Rußland. Vor allem aber beklagt man gravierende Mängel des Wirtschafts- und Rechtssystems der Russischen Föderation, welche die Entwicklung und den wünschenswerten Ausbau von Kooperationsbeziehungen zu russischen Partnern behindern. Über 80% stimmen der Aussage zu: „Die Zusammenarbeit mit russischen Banken und besonders der Geldüberweisungsverkehr sind schwerwiegende Hindernisse für den Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Rußland." Und sogar mehr als 90% der Deutschen erklären: „Ohne eine nachhaltige Verbesserung der Rechtssicherheit für ausländische Firmen und Institutionen wird sich die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Rußland nicht in wünschenswerter Weise entwickeln." Über die Zukunftsaussichten der Föderation sind die Meinungen der Deutschen zweigeteilt. Jeweils gleich viele lehnen die Aussage ab oder stimmen ihr zu: „Die Entwicklung von Staat und Gesellschaft in Rußland in den letzten Jahren gibt trotz mancher Rückschläge Anlas zu Optimismus."

    Deutsche in Moskau
    Weniger als ein Drittel sind Frauen. Das Durchschnittsalter der Deutschen liegt bei 44 Jahren. 80 % haben ein abgeschlossenes Studium. Die Männer sind alle berufstätig. Die meisten sind in Angestelltenpositionen beschäftigt, jede(r) Zehnte ist selbständig tätig. Die größte Gruppe der Arbeitgeber sind Niederlassungen/ Repräsentanzen deutscher Firmen in Moskau. Die deutschen Männer leben seit durchschnittlich 6 Jahren in Moskau, die Frauen seit 4 Jahren. Weitere 2 1/2 Jahre Aufenthalt sind geplant Die Hälfte der Deutschen verfügt über (sehr) gute Russischkenntnisse. Bevorzugte Wohngegend ist der Südwesten Moskaus. Bemerkenswert: Drei von fünf der Deutschen wohnen in Häusern, die auch von Russen bewohnt werden. Private nachbarschaftliche Kontakte zu Russen unterhalten um die 90 %. Etwa zwei Drittel der Deutschen leben mit einem (Ehe-)Partner in Moskau zusammen, ein Drittel hat Kinder bei sich.

    Zusammengestellt von Christine Titel



    * SINUS Gesellschaft für Sozialforschung und Marktforschung mbH, Dessauerstr. 6, 80992 München

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