Ausgabe 1/2000
Vergessene Pfade neu erschlossen
U istokov formirovanija sociologii nauki (Rossija i Sovetskij Sojuz – pervaja tret' XX v.). Chrestomatija. Sostavitel': Rose-Luise Winkler. Izdatel'stvo Tjumenskogo gosudarstvennogo universiteta 1998. 260 str.
Die von Rose-Luise Winkler besorgte und kenntnisreich eingeleitete Edition präsentiert Texte sowjetischer Autoren – vor allem aus den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts -, die als originäre Beiträge zur Herausbildung der Wissenschaftssoziologie betrachtet werden müssen und die vor dieser Veröffentlichung zum größeren Teil, zumal für Leser in Deutschland, kaum zugänglich waren. Die Publikation ist die vervollkommnete Fassung eines Bandes, den die Herausgeberin bereits 1992 vorgelegt hatte; die Quellentexte sind in beiden Ausgaben größtenteils identisch, in der schwierigen Erkundung der Lebensumstände und Wirkungszusammenhänge ihrer Autoren, von denen einige (Bucharin, Gessen, Megrelidze) dem Stalinschen Terror zum Opfer fielen, bedeutet das 1998 erschienene Buch einen großen Schritt voran.
Der im späten 19.Jahrhundert in den entwickelten Industrieländern einsetzende Übergang von der „little science" zur „big science" (Price) lenkte die Aufmerksamkeit der Sozialforschung, wenn auch zögernd, zunehmend auf Probleme der Erfassung und Messung wissenschaftlicher Ressourcen, auf Kooperations- und Konkurrenzbeziehungen zwischen Wissenschaftlern und ihre institutionelle Ausformung, auf Prozesse der Selektion und Sozialisation wissenschaftlicher Talente, auf Austauschvorgänge und wechselseitige Einflüsse zwischen Wissenschaft und außerwissenschaftlichen Sphären der Gesellschaft und ähnliche Fragen, die der Sache nach, unabhängig von der zu ihrer Beschreibung gewählten Terminologie, soziologischen Charakter tragen. In der frühen Sowjetunion, in der man mit gutem Grund in der Förderung der Wissenschaft ein entscheidendes Modernisierungspotential für das Land erblickte, bildete das Pathos des gesellschaftlichen Neubeginns ein starkes zusätzliches Motiv für das Nachdenken über wissenschaftssoziologische Themen, das hier zwangsläufig in einem weiten Sinn des Wortes ökonomisch konnotiert war, weil explizit oder implizit immer die Forderung mitschwang, die bescheidenen wissenschaftlichen Ressourcen möglichst effizient einzusetzen und zugleich mit möglichst geringem Aufwand schnell zu erweitern.
Dem größten Teil der Texte, die unter diesem Blickwinkel geschrieben wurden, ist jegliche Auswirkung auf den internationalen Mainstream des wissenschaftssoziologischen Denkens versagt geblieben. Das lag keineswegs an etwaigen Defiziten der wissenschaftlichen Qualität, sondern ist in erster Linie der kommunikativen Isolierung der Milieus, in denen sie zirkulierten, von der Weltwissenschaft zuzuschreiben – einer Isolierung, die wesentlich sprachliche und politische Gründe hatte. Insofern ist die vorliegende Edition für die Texte und ihre Verfasser eine späte wissenschaftliche Ehrenrettung – und eventuell ist sie noch mehr als das, denn obwohl die Soziologie im ganzen heute eine Familie zahlreicher Spezialdisziplinen mit einem hohen methodischen Standard darstellt, verfügt die Wissenschaftssoziologie als ein für eine „Wissenschaftsgesellschaft" besonders wichtiges soziologisches Teilgebiet in den meisten Ländern noch immer nicht über einen gesicherten disziplinären Status mit stabilen Institutionen; eine sorgfältige Beschäftigung mit diesen alten Texten bestätigt jedenfalls, dass sie gedanklich und methodisch durchaus auf der Höhe ihrer Zeit standen und in einigen Fällen geradezu avantgardistisch waren, vielleicht aber leistet sie noch mehr und entnimmt ihnen Anregungen, die bis heute nicht abgegolten sind, für die aktuelle wissenschaftssoziologische Forschung.
Den vorgestellten Texten merkt man ihren Pioniercharakter an, sie sind durchgehend eher grob behauen als fein ziseliert. Ihre Stärke ist die des ersten Zugriffs. Was in ihnen stecken könnte, bezeugt exemplarisch der einzige dieser Aufsätze, dem dank einer historischen Zufallskonstellation eine nachgerade spektakuläre Wirkung beschieden war die berühmte Arbeit von B.M. Gessen über die sozialen und ökonomischen Wurzeln der „Principia" Isaac Newtons. Sie ist die ausführliche Fassung seines auf dem II. Internationalen Kongreß für Wissenschaftsgeschichte in London 1931 gehaltenen Vortrages, die im Westen rezipiert wurde, weil sich die von N.I. Bucharin geleitete sowjetische Kongreßdelegation entschieden hatte, an Ort und Stelle eine englische Fassung aller ihrer Beiträge herauszubringen („Science at the Crossroads") – eine mit heißer Nadel gefertigte Übersetzung, die zahlreiche Ungenauigkeiten enthielt, aber dennoch ihre Wirkung nicht verfehlte. Gessens Text, der im vorliegenden Buch in der Originalfassung enthalt , war Anregung und Stein des Anstoßes zugleich: Die daran anschließenden Debatten inspirierten die Arbeiten zur sozialen Funktion der Wissenschaft unter linksorientierten englischen Wissenschaftlern, aus denen J.D. Bernals Idee einer „science of science" geboren wurde, an sie knüpfte D.J. de Solla Price an, von dessen Schriften die moderne quantitative Wissenschaftsforschung (Scientometrie) ihren Ausgang nahm, und von ihnen wurde R.K. Merton, der als Vater der modernen Wissenschaftssoziologie gilt, zu einem großartigen Gegenentwurf angeregt. Winkler konnte darüber hinaus nachweisen, daß Merton, der über seinen aus Rußland emigrierten Lehrer P. Sorokin in größerem Ausmaß an wissenschaftlichen Entwicklungen in der Sowjetunion interessiert war, auch Texte von Bucharin kannte.
Ähnliche Entdeckungen, wenn auch großenteils in einer gemäßigteren Dimension, erlauben dem Leser die vorgestellten Arbeiten von I.A. Boricevskij, N.I. Bucharin, Ju.A. Filipcenko, K.R. Megrelidze, S.F. Ol'denburg, T.I. Rajnov, I.S. Samochvalov, S.G. Strumilin, I.S. Tajclin und V.I. Vernadskij. Auch in der Sowjetunion waren diese Texte, verursacht durch das doppelte Unheil der stalinistischen Diktatur, die das geistige Leben lähmte, und der hitlerfaschistischen Aggression überwiegend in Vergessenheit geraten. Erst in den 70er und 80er Jahren setzte eine gewisse Rückbesin-nung auf die Vorkämpfer der Wissenschaftssoziologie im eigenen Land ein, doch sie blieb fragmentarisch. Daher ist eine Quellenedition von Zuschnitt der hier besprochenen auch für den russischen Leser neuartig. Eine gediegene deutsche Übersetzung wäre ihr sehr zu wünschen.
Hubert Laitko
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