Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich freue mich, daß Sie in so großer Zahl den Weg in den Berliner Zoologischen Garten gefunden haben und heiße Sie zum Seminar der DAMU über die Sibirienreise Alfred Brehms herzlich willkommen.
Ich muß gestehen, daß ich kein Brehm-Spezialist bin, auch wenn ich mit dem "Tierleben" praktisch aufgewachsen bin. Das war schon nicht mehr die erste, sondern eine spätere, überarbeitete Auflage, die in ihrer Vollständigkeit jedoch alle anderen zoologischen Werke bei weitem übertraf. Der Titel "Tierleben" ist übrigens ganz wörtlich zu nehmen. Die zoologische Literatur hatte sich über die Jahrhunderte auf Schilderungen der Morphologie und Anatomie beschränkt. Durch Brehm aber erfuhr der Leser, wie sich ein Tier in seiner natürlichen Umwelt oder in Gefangenschaft verhält: gegenüber seinesgleichen, dem Menschen oder gegenüber seinen Feinden. Der Autor nahm schon ein wenig die Tierpsychologie vorweg, obgleich sich viele Leser an der teilweise vermenschlichenden Beobachtungsweise störten. In den bürgerlichen Haushalten war "der Brehm" ebenso selbstverständlich vertreten wie Meyers Konversationslexikon oder der Brockhaus, nur war Brehms "Tierleben" durch die vielen Reiseerlebnisse natürlich erheblich interessanter. Es hat ein dreiviertel Jahrhundert gedauert, bis der klassische Brehm in "Grzimeks Tierleben" seinen Nachfolger fand. Und als Junge hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich selbst für diesen Brehm-Nachfahren einige Kapitel liefern würde.
Als Nicht-Brehm-Spezialist werde ich davon absehen, Brehms Biographie vorzutragen oder über seine Forschungsreisen zu berichten; das bleibt den nachfolgend Vortragenden vorbehalten. Als Direktor des Berliner Zoos kann ich jedoch einiges Interessantes zu den Beziehungen zwischen Brehm und dem ältesten Zoo Deutschlands mitteilen.
Von 1847 bis 1852 gab es eine Afrika-Expedition des Baron von Müller, an der Alfred Brehm teilnahm. Besucht wurden dabei Ägypten, der Sudan, Kordofan, der Blaue Nil und der Sinai. Von dieser Expedition, aus Khartoum, brachte der 23jährige Brehm die Löwin "Bachida" mit, die er in Afrika liebevoll gepflegt hatte. Die Schilderung der Streiche, die die verspielte junge Löwin mit Tieren und Menschen anstellte, gehört zum Hübschesten der Tierliteratur, das ich kenne. Zoodirektor Lichtenstein schickte den Tierpfleger Hartstack nach Triest, wo er die Löwin zusammen mit anderen Tieren in Empfang nahm. In dem von Alfred Brehm betreuten Transport, den der preußische Konsul in Alexandria zusammengestellt hatte, befanden sich außerdem ein Leopard, ein Gepard, zwei Strauße, zwei Kronenkraniche, ein Adler, drei Pelikane und neun Affen. Solche Tiere waren damals große Kostbarkeiten, und der gesamte Wert der Sendung belief sich auf 1.800 Taler, eine für den Zoo fast unerschwingliche Summe.
Ein weiterer Berührungspunkt zwischen Alfred Brehm und unserer Berliner Einrichtung ergab sich als Folge seiner Tätigkeit in Hamburg, wo Brehm von 1863 bis 1866 den Zoo geleitet hatte. Nach einem Zerwürfnis mit seinen Vorgesetzten war er im Zorn abgereist und ließ sich in Berlin nieder. Hier bot sich ihm Gelegenheit, Unter den Linden/Ecke Schadowstraße ein Aquarium nach eigenen Vorstellungen zu bauen. Dem Zoologischen Garten, der sich damals in einer Umbruchphase befand, muß diese Aktivität anfangs nicht geheuer gewesen sein, zumal die Brehmsche Neuschöpfung viel mehr war als nur ein Haus für Fische. In grottenähnlichen Gewölben und Gängen, in Aquarien, Terrarien und Volieren wurde dem Besucher eine Fülle von Tierarten und -gruppen vorgestellt. Nur einige davon möchte ich erwähnen: Betrat man den Schlangengang, traf man auf Alligatoren, Krokodile, Pythons, Boas, eine Fülle kleinerer Eidechsen, eine große Zahl von Nattern und einige Giftschlangen. In der sogenannten geologischen Grotte befand sich eine Voliere mit Sittichen, Aras, Kakadus, Alpenkrähen, Alpendohlen, Eichelhähern und Rieseneisvögeln. Im Führer von 1878 ist auch der Carolina-Sittich erwähnt, eine nordamerikanische Papageienart, die vor knapp 100 Jahren ausgerottet wurde. Das große Vogelhaus beherbergte verschiedene europäische Drosseln, Möwen, Stare, Webervögel und Prachtfinken. An Säugetieren waren Faultiere zu sehen, Nachtaffen, Präriehunde, Meerkatzen, Mandrills und sogar Menschenaffen, denen aufgrund der weit verbreiteten Tuberkulose in der Regel nur eine kurze Lebensspanne beschieden war. Das Aquarium beherbergte einheimische und fremdländische Süßwasserfische, aber auch Vertreter der Fischfauna von Nordsee und Mittelmeer. Seerosen und Seenelken waren ebenso zu finden wie Seewalzen, Seeigel, Seesterne und Vertreter der Krebse. Kopffüßer, Muscheln, Tunikaten und Schwämme vervollständigten das Bild. Schon zur Eröffnung lag ein Aquariumsführer vor, dem in kurzer Folge neue Auflagen folgten. In der 18. Auflage vom Mai 1872 konnte Brehm 458 Tierarten aufzählen. Mit diesem Führer bestätigte Brehm seine Überzeugung, daß jede Tierhaltung der Volksbildung dienen müsse. Obgleich die Zahl der Besucher bei 210.000 im Jahr lag, empfand man im Zoo das Brehmsche Aquarium letztendlich nicht als Konkurrenz; auch war das Verhältnis zwischen Brehm und dem Zoodirektor Bodinus offenbar freundschaftlich. Als Brehm jedoch ein zweiter Direktor zur Seite gestellt wurde und dieser ihn zu kontrollieren versuchte, kam es - ähnlich wie in Hamburg - zum Zerwürfnis. Brehm kündigte nach nur fünf Jahren Amtszeit und schied im Zorn. Seine Wohnung behielt er in Berlin, aber die Sommermonate verbrachte er meistens in Renthendorf.
Mit dem Aufblühen des Zoos ab 1871 machte sich im Aquarium Unter den Linden zunehmend ein Besucherrückgang bemerkbar. 1910 mußte es aus wirtschaftlichen Gründen seine Pforten schließen und einem Neubau weichen. Drei Jahre später entstand als Nachfolger des Aquariums Unter den Linden das große Zoo-Aquarium an der Budapester Straße. Eine Gedenktafel, die an das Wirken von Alfred Brehm als Erbauer und erstem Direktor des alten Aquariums erinnert, wurde im vergangenen Jahr Unter den Linden angebracht.
Auch im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde gibt es eine Erinnerung an Alfred Brehm. Seit 1963 besteht das Alfred-Brehm-Haus, das in erster Linien der Zucht von Großkatzen dient, daneben aber auch eine große Freiflughalle für tropische Vögel und Flughunde beherbergt sowie kleinere Volieren für Vögel.
Mit der heutigen Pflanzung einer Brehm-Eiche wird auch im Zoologischen Garten Berlin ein Zeichen der Erinnerung an Alfred Edmund Brehm gesetzt, und ich bin denen, die auf diese Idee kamen, von Herzen dankbar dafür.