Zwei Laienforscher aus Brehms Heimat - dem östlichen Thüringen - vertieften sich bereits vor zwei Jahrzehnten in Dokumente der Sibirienreise von 1876. Der Kraftfahrzeugschlosser Edgar Wolf in Renthendorf (*1934) nutzte seine Dienstjahre als Leiter der Brehm-Gedenkstätte von 1976 bis 1982, die Gabelsberger Stenoschrift [48, 60] zu erlernen und Brehms Postkarten an Gattin Mathilde zu übertragen. Mit Ausnahme sporadischen Zitierens [11, 21, 40, 58] blieben diese Texte ungedruckt, geben aber Auskünfte, die keine andere Quelle erteilt. Der Schweißer Hans Tewes in Münchenbernsdorf (1935-1991) sammelte "zunächst planlos alle Brehmquellen, deren er habhaft werden konnte" (Nachruf, Mauritiana Altenburg 13, S. 133), bis er sich auf zwei Komplexe spezialisierte - auf Reinhold Brehm in Spanien und auf Alfred Brehm in Westsibirien. Dabei wurde Tewes unterstützt einerseits durch seine profunde Literaturkenntnis aufgrund des anfänglichen globalen Sammelns, andererseits durch einen ausgeprägten Instinkt, versteckte Quellen aufzuspüren. Wäre die Krankheit nicht stärker gewesen als der Sechsundfünfzigjährige, dann läge eine quellenkundliche Arbeit zum Thema wohl längst vor.
Die unveröffentlichten Studien der Genannten werden hier speziell berücksichtigt, während andere an sich zum Thema gehörige Quellenschichten, so die Bremer und die russischen, in vorliegender Publikation ihre eigene Behandlung erfahren. Auch die Archivalien zu den Verbindungen Brehm - Finsch im Naumann-Museum Köthen [61], durch dessen früheren Direktor Ludwig Baege (1932-1989) in Partnerarbeit mit mir 1984 erstmals beleuchtet (Abh. Mus. Natur Gotha 12), finden im Beitrag von Harro Strehlow im vorliegenden Heft ihren Ort.
Stark in den Vordergrund gerückt wird nachstehend der Materialfundus der Brehm-Gedenkstätte Renthendorf, die, geographisch etwas versteckt gelegen und noch um öffentliche Akzeptanz kämpfend, die bedeutendsten Autographen beherbergt [41, 45]. Seitdem im Jahr 1991 der Förderkreis Brehm e. V. gegründet wurde, tragen dessen Mitglieder zur Bestandserweiterung bei. So führten Karl Ziegan (Berlin) der Museumssammlung einen Reisekoffer Alfred Brehms, Harro Strehlow (Berlin) wichtige Pressetexte [13-18] und Andreas Schulze (München) Brehms sibirischen Reisepaß [64] zu. Weiteres dazu, aber auch zu Desideraten und Verlusten, wird in der folgenden Quellenmusterung ausgeführt.
Schriftenverzeichnisse
Mehr als zwei Jahrzehnte zurück liegt die Initiative von Ludwig Baege, die sekundäre Brehmliteratur zu erfassen und bibliographisch darzustellen. Mit der ersten Folge seiner Publikation 1980 [1] bewirkte er für den Forschungsfortgang zweierlei: Er regte private Sammler an, durch weitere Titelfunde an der Fortschreibung mitzuarbeiten, was sich in rasch erscheinenden Nachträgen niederschlug. Ferner aktivierte er Vorbereitungen zur analogen Dokumentierung der primären Brehm-Schriften. Hier war seit über einem Jahrhundert gar nichts mehr geschehen [2, 5].
[1] BAEGE, L. (1980, 1981, 1986): Verzeichnis der Schriften über die Naturforscherfamilie Brehm. - Blätter aus dem Naumann-Museum 3, 4, 10, Köthen [400 Titel 1829 bis 1985; Folge 2/1981 mit H.-D. HAEMMERLEIN].
[2] BLASIUS, R. (1895): Verzeichnis der Schriften von Alfred Brehm. - Die Enthüllung des Brehm-Schlegel-Denkmals zu Altenburg am 30. September 1894, S. 53-61, Altenburg [181 Schriften zuzüglich 17 Titel postum herausgegebener Vorträge].
[3] GROTTKER, U. (1989): Auswahlbibliographie der deutschsprachigen Tierleben-Ausgaben 1864-1986. - Brehm-Blätter 3, S. 58-74, Renthendorf.
[4] HAEMMERLEIN, H.-D. (1991): Brehm-Quellenschriften seit 1945 - Bestände und Befunde. - Ber. Naturhist. Ges. Hannover 131, S. 15-35.
[5] HAEMMERLEIN, H.-D. (1991): Bibliographie der Publikationen von Alfred Edmund Brehm. - Mauritiana 13, S. 87-137, Altenburg [310 Titel 1849 bis 1991, dazu unbeziffert Auswahlbibliographie von Nachdrucken 1852 bis 1984, Nachtrag Nr. 311-330 erscheint bei Naumann-Museum Köthen 2002].
[6] HAEMMERLEIN, H.-D. (1991): Verzeichnis der Schriften über die Naturforscherfamilie Brehm, Teil 4: Dritter Nachtrag und Fortsetzung bis 1991. - Blätter aus dem Naumann-Museum 12, S. 7-60, Köthen [302 Titel 1756 bis 1991, dazu Autoren-Gesamtregister für alle Teile].
Spezielle Register über Publikationen von der Sibirienreise enthalten die Werke des Reiseleiters Otto Finsch [9, 10].
Publikationen der Reisenden
Die Brehm-Gedenkstätte und ihre Sammlungspartner verfolgen, gemäß der im Namen gegebenen Spezialisierung, die möglichste Komplettierung der Schriften des Tiervaters, weniger der Arbeiten seiner Mitreisenden. Einige der letzteren werden hauptsächlich wegen hier und da notwendiger Querverweise genannt.
[7] CANSTATT, O. (1912): Die Sibirischen Forschungsreisen des Grafen Karl von Waldburg-Zeil. Nach seinen hinterlassenen Tagebüchern bearbeitet. - Stuttgart/Berlin.
[8] FINSCH, O. (1878): Bei Renthieren auf der Tundra. Erlebnisse aus der Bremer Forschungsreise nach Westsibirien, mitgetheilt vom früheren Chef derselben Dr. O. Finsch. - Gartenlaube 26, S. 184-187, Leipzig.
[9] FINSCH, O. (1879): Reise nach West-Sibirien im Jahre 1876. - Berlin.
[10] FINSCH, O. (1899): Systematische Übersicht der Ergebnisse seiner Reisen und schriftstellerischen Tätigkeit (1859-1899). - Berlin.
[11] Verein für die Deutsche Nordpolarfahrt in Bremen (Hrsg., 1876): Forschungsreise nach Westsibirien 1876 [Serie fortlaufend paginierter Hefte S. 408 ... 690 enthaltend viele hier erstmals gedruckte Aufzeichnungen und Briefauszüge der Reisenden. Ferner Sitzungsbericht "Neununddreißigste Versammlung am 4. März 1876" sowie Vortragstexte von Latkin (vgl. unten [49]) Schaffert, Sidoroff (vgl. unten [56])].
Im Hinblick auf Brehm ist oft beklagt worden, zuerst von seinem als Nachlaß-Herausgeber unmittelbar betroffenen Sohn Horst (1863-1917, [36]), daß der "Thierleben"-Autor kein Sibirienbuch publiziert hat, welches man seinen anderen Reisewerken gern zur Seite gestellt sähe. Wegen dieses Mangels einerseits, andererseits fasziniert vom asiatischen Stoff und seiner Darstellung, haben Horst Brehm und spätere Editoren sich an die nachgelassenen Vortragsmanuskripte [20, 38] gehalten. Deren unzählige Nachdrucke in überwiegend minderwertigen, aber massenwirksamen Heftchen erweckten den Eindruck, als seien Brehms Vorträge seine einzigen Arbeiten zu Sibirien. Das aber ist nicht richtig; schon FINSCH [9] nennt Presseartikel Brehms, die Harro Strehlow in neuerer Zeit gesucht und größtenteils gefunden hat. Ferner gibt es einzelne Berichte in längerlebigen Periodika:
[12] Correspondenzen. Aus Dr. BREHMīs Tagebuch. Altai Staniza, den 12. Juli 1876. - Zool. Garten 17 (1876), S. 339-340 [Niederschrift von mündlichen Auskünften vor Ort über Wildkamele].
[13] Am Fuße der Tarabakatai. Reiseskizze von A. E. BREHM, Mitgliede der Bremer wissenschaftlichen Expedition nach Westsibirien. - St. Petersburger Zeitung [deutsch] 150, Nr. 194/195, 24. Juli (5. August) / 25. Juli (6. August) 1876 [die eingeklammerten Daten nach dem gregorianischen Kalender Westeuropas]. - Gekürzter Nachdruck in Neue Freie Presse (Wien) Nr. 4391/4392, 14./15. 11. 1876.
[14] Durch den chinesischen Altai. Reiseskizze von A. E. BREHM, Mitglied der bremer Forschungsreise nach Westsibirien. - Kölnische Zeitung Nr. 314-317, 11. bis 14. 11. 1876.
[15] Jagden in der Steppe. Von BREHM. - Gartenlaube 25 (1877), S. 684-688, Leipzig [Semipalatinsk; Charakterisierung Poltoratzkys].
[16] Wildschafe in der Steppe. Von BREHM. - Gartenlaube 25 (1877), S. 754-757, Leipzig [Arkatberge; "Ovis Argali" = Ovis ammon].
[17] Wildpferde in den asiatischen Steppen. Von A. E. BREHM. - Nord und Süd, ed. P. LINDAU 2 (1877), S. 323-352, Berlin.
[18] Am Alakul in Turkestan. Tagebuchblätter von A. E. BREHM. - Ornithologisches Centralblatt 7 (1882), S. 97-100, Berlin.
In keiner Pressesammlung, weder in Deutschland noch in Polen, konnte bisher wiedergefunden werden:
[19] Vom Ob zum Karischen Meere. - Schlesische Presse 1., 8., 14. 11. 1876 [Breslau? Dort gab es zu jener Zeit sieben Tageszeitungen.].
Bei FINSCH [9] ist diese Serie dem Jahr 1877 zugeordnet. Das muß aber ein Irrtum oder ein Satzfehler sein, denn am 14. 11. 1876 bat Brehm seine Frau (Postkarte Nr. 93): "Sei doch so gut und schreib der 'Schlesischen Presse', daß sie für mich zwei Exemplare meines Artikels zurücklegt oder besser gleich an Dich schickt, weil ich Teile desselben für die Vorträge brauchen kann und will".
Von besonderem Gewicht und auch heute noch beschaffbar sind zwei Publikationen in Buchform. Sie erhielten zwar ihre Endgestalt nicht durch Brehm selbst, bieten aber seine Reiseberichte in authentischen Texten:
[20] BREHM, H. (Hrsg., 1890): Vom Nordpol zum Aequator. Populäre Vorträge von Dr. A. E. Brehm. - Stuttgart/Berlin/Leipzig [darin unter 17 Titeln acht zu Sibirien, siehe nächster Abschnitt].
[21] GENSICHEN, H.-P. (Hrsg., 1982): Alfred Edmund Brehm. Reise zu den Kirgisen. Aus dem Sibirientagebuch 1876. - Leipzig [Reclams UB 960].
Brehms Vorträge
Gerade nach Europa, aber noch nicht in die Heimat zurückgekehrt, hielt Brehm schon Vorträge über die Reise: am 2. 11. 1876 in Moskau, am 15. des gleichen Monats in St. Petersburg (Postkarten Nr. 82-94). In Deutschland folgte dem Abschluß des "Thierleben"-Manuskriptes zur 2. Auflage (1879) eine intensive Vortragstätigkeit, bei der Sibirienstoffe zwar nicht ausschließlich, aber bevorzugt dargeboten wurden. Die reichliche Hälfte der Vortragsthemen schöpfte Brehm aus lebenslangen Erfahrungen und Begegnungen mit Säugetieren (2), Vögeln (3), auf Reisen in Afrika (4) und auf der Donau (1). Aus der demgegenüber kurzen Reisezeit in Rußland und Sibirien wußte der Redner acht verschiedene Abendprogramme zu gestalten!
Daß wir über diese eindrucksvolle Bilanz Einzelheiten in seiner eigenen Darstellung wissen, ist einem unscheinbaren Zettel zu verdanken, den es in einer unbekannten Druckauflage gegeben haben muß, der aber wohl nur noch in einem einzigen Stück in Renthendorf vorhanden ist:
[22] Vorträge von Dr. Brehm. - Berlin (Gruner), 2 S. 8° [Angebotskatalog]
Dieses zum Sofortgebrauch bestimmte Blättchen spielte seine letzte aktuelle Rolle ab 18. 11. 1884, nach der Testamentseröffnung, als die Erbrechte an den handschriftlichen Vortragstexten festzulegen waren [38]. Anders als spätere Verzeichnisse enthält der Zettel - um Veranstalter vorab zu informieren - Inhaltsbeschreibungen der Vorträge von Alfred Brehm selbst. Seine Angaben zu den acht Sibirientiteln folgen hier im Wortlaut, weil sich darin Erträge der Reise widerspiegeln und auch wegen der vermutlichen Singularität des Exemplars. Die den Titeln vorangestellte Bezifferung stammt ebenfalls von Brehm.
[23] 2. Die Tundra und ihre Thierwelt. - Begriff der Tundra. Landschaftliches Gepräge. Ewig gefrorener Boden und seine Schätze. Thiere der Tundra und deren Sommerleben. Winternacht. Druck: Gartenlaube 34 (1886), S. 49-52, 71-74. - [20], S. 27-47.
[24] 3. Thierleben der Steppe Asiens. - Kennzeichnung und Schilderung der Steppe. Die Jahreszeiten. Schneestürme. Frühlingspracht. Thierleben im allgemeinen, hervorragende Charakterthiere im besonderen. Druck: [20], S. 48-74.
[25] 4. Wild, Wald und Weidwerk in Sibirien. - Nordische Urwälder, ihr Vergehen und Neuentstehen, ihre Charakterpflanzen und Jagdthiere. Sibirisches Weidwerk und sibirische Weidgesellen. Jagdzüge im Sommer und im Winter. Jagdschilderungen und Jagderzählungen. Druck: [20], S. 75-116.
[26] 14. Eine Reise in Sibirien (Reiserzählung). - Zu Schlitten und zu Wagen durch Rußland. Empfang in Sibirien. Erwachen des Frühlings. Omsk. Semipalatinsk. Unter kirgisischen Jägern. Kirgisensteppe, Alatau und Tarabagatai. Tschugutschak. Zug durch das Gebirge und das Kronland Altai. Tomsk. Reise auf Ob- und Hechtfluß. Fußwanderung durch die Tundra. Noth und Gefahr. Heimkehr. Botschaft der Götter.Druck: Gartenlaube 36 (1888), S. 394-396, 418-420, 447, 449. - [20], S. 318-341.
[27] 15. Die heidnischen Ostjaken. - Abstammung, Gestalt, Kleidung und Behausung der Ostjaken. Renthier und Hund. Lebensweise der ostjakischen Renthierhirten, Fischer und Jäger. Ostjaken auf dem Jahrmarkte zu Obdorsk. Hochzeit. Erziehung der Kinder. Begräbniß. Schamanenthum und Religion. Druck: Gartenlaube 38 (1890), S. 602-604, 616, 618, 763-764. - [20], S. 342-372.
[28] 16. Wanderhirten und Wanderherden der asiatischen Steppe. - Die Kirgisen als wichtigster Stamm aller Wanderhirten. Abstammung, Gestalt, Kleidung, Behausung und Besitzthum der Kirgisen. Pferd, Schaf und Ziege, Rind und Kamel. Ausnutzen der Herden. Hirten und Herden auf ihrer Wanderung durch die Steppe. Druck: [20], S. 373-396.
[29] 17. Volks- und Familienleben der Kirgisen. - Reiten und Wettrennen. Ringkämpfe. Jagd mit Falken oder Adlern und Windhunden. Leibliche und geistige Arbeit. Barden und Heldendichter. Unterricht. Charakter der Kirgisen. Gegenseitige Begrüßungen und Besuche. Brautwerbung und Hochzeit. Erste und letzte Tage der Kirgisen. Begräbniß und Todtenklage. Druck: Gartenlaube 37 (1889), S. 360, 362-364, 378-380. - [20], S. 397-422.
[30] 18. Ansiedler und Verbannte in Sibirien. - Landläufige Anschauungen und eigene Erfahrungen über Sibirien. Freie Ansiedler im Krongute Altai; Geschichte ihrer Befreiung; ihr Reichthum, und ihre Ungenügsamkeit. Leichtigkeit des Erwerbes der Bedürfnisse geistig bedürfnißloser Bauern. Reise der Verbannten bis zum Bestimmungsorte. Verbrecher in den Bergwerken und ihr Schicksal. Entflohene Verbrecher auf der Wanderung. Reuige und gebesserte Verbannte. Wohltätigkeitsanstalten und praktisches Christenthum. Druck: [20], S. 423-448.
[Abschließender Hinweis von Brehm:] Jeder Vortrag währt etwa anderthalb Stunden. Vortrag 2 und 15, 16 und 17 lassen sich verschmelzen und beanspruchen dann je etwa zwei Stunden Zeit.
Wann und wo fanden die Vorträge statt? Welche Veranstalter bevorzugten welches der angebotenen Themen? Wie war die Resonanz bei Publikum und Presse? Antworten zu finden, ist möglich, aber mühselig: Die Brehm-Gedenkstätte verfügt über eine stattliche Anzahl Steno-Postkarten, die der Redner von seinen Einsatzorten nach Hause sandte. Orte und Daten lassen sich noch leicht zusammenstellen; weitergehende Untersuchungen gehören zu den Komplexen, die auf einen Bearbeiter warten.
Ein Vergleich zwischen den von Brehm angebotenen Vorträgen und ihren fast durchweg postumen Drucklegungen (Ausnahme: "Unsere Zugvögel unterwegs und in der Fremde", bei der Nachlaßaufnahme vermißt [38], im Vortragsband [20] nicht enthalten, erschien einzeln 1879) ergibt, daß nichts verloren ist. Mit geringfügigen Formulierungsvariationen sind in der "Gartenlaube" vier, im Sammelband alle populären Sibirien-Vorträge überliefert. Für ihre Übernahme interessierten sich überraschend schnell auch ausländische Verleger. Schon im Frühjahr 1890 meldeten sich "eine Firma in Ungarn (die Verhandlungen dem Abschluß nahe) sowie eine spanische und eine russische Firma (Anträge gestellt)" ([38], S. 598); eine Lizenz nach Schweden war zu jener Zeit schon vergeben. 1895 zählt dann die alte Bibliographie [2] auf: "Das Werk wurde bisher übersetzt ins Englische, Französische, Russische, Italienische, Schwedische, Norwegische, Dänische, Finnische, Polnische, Ungarische und Holländische".
Sibirien in "Brehms Thierleben"
"Die Bergstadt Schlangenberg in dem kaiserlichen Krongute Altai hat, wie Renovantz mittheilt, ihren Namen von den erstaunend vielen Schlangen erhalten, welche sich anfänglich auf dem erzführenden Berge befanden und in solcher Menge vorhanden waren, daß man sie in Haufen zusammenbringen und verbrennen mußte, um sie auszurotten. Als wir, Finsch, Graf Waldburg=Zeil und ich, im Sommer des Jahres 1876 den freundlichen Ort besuchten, beschlossen wir, zu erfahren, ob heutigentags noch das Städtchen seinen Namen mit Fug und Recht trage oder nicht, und ersuchten deshalb unseren Gastfreund und zuvorkommenden Wirt, den Berggeschworenen, Herrn Iwanoff, einige gerade unbeschäftigte Bergarbeiter auf den Schlangenfang auszusenden. Trotz des gewitterreichen und sehr regnerischen Tages brachte man uns in kürzester Frist mehr als wir brauchen konnten, und zwar ausschließlich Giftschlangen ..."
So und an vielen Stellen ähnlich liest man in Band 7 (1878), S. 514 des Werkes, das dem Schriftsteller Alfred Brehm seine literarische Breitenwirkung langfristig sicherte, nachdem eine 1. Auflage 1864-1869 schon erfolgreich gewesen war:
[31] Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs. Große Ausgabe. Zweite umgearbeitete und vermehrte Auflage. - 10 Bände, Leipzig, Bibliographisches Institut 1876-1879.
Gerade wegen des Mangels an Sibirien-Schriften, die Brehm selbst herausgab, wäre es eine reizvolle Aufgabe, die dem Werk zugute gekommenen Reisefrüchte herauszustellen. Diese Arbeit würde aber umfangreich ausfallen und daher ein Thema für sich bilden. Der persönliche Erzählstil liefert auch Daten, Ortsangaben und Begebenheiten, mit denen sich die anderen Reisequellen ergänzen ließen.
Ein Charakteristikum von Brehms Darstellung ist, daß er so oft als möglich Menschen sprechen läßt, denen er etwas verdankt. Es sind Einheimische vom Rande seines Reiseweges, Briefpartner, Reisebegleiter, Forscher und Schriftenautoren sowohl westeuropäischer als auch russischer Herkunft. Die in unseren Zusammenhang gehörigen Personen findet man auch dann nur schwer, wenn man ihre Namen schon kennt, denn "Brehms Thierleben" enthält keine Personenregister. Diese gibt es erst ab der 3. Auflage 1890, dort sind aber gerade Zitate aus Fremdquellen schon weggekürzt, so daß Gewährsleute fehlen, die Brehm herangezogen hatte. Es half nur, das Originalwerk im Hinblick auf Beteiligte durchzulesen, was für eine Untersuchung anläßlich der Feier "125 Jahre Brehms Tierleben" 1989 geschah [42]. Die dabei aufgebaute Datei gibt Auskunft, auf welche Personen sich Brehm für das nördliche Asien stützte:
Bogdanow, Brandt, Erman, Eversmann, Finsch, Gmelin, Güldenstädt, Humboldt (A. von), Karelin, Kittlitz, Marco Polo, Mejakow, Middendorf, Nordenskiöld, Pallas, Poltoratzky, Prshewalskij, Renovantz, Rusinow, Schrenck, Schtschukin, Sewerzow, Stader, Steller, Taczanowski, Waldburg-Zeil, Wrangel.
Fast die Hälfte der Genannten läßt Brehm mit ihren eigenen Texten auftreten, darunter mit ungedruckten aus Briefzuschriften.
Meldungen, Quellen-Nachdrucke, biographische und Forschungsschriften
In Periodika weit verstreut finden sich mehrere Übernahmen aus den Bremer Berichtsheften [11], ferner der Reise vorauslaufende oder sie begleitende Nachrichten, Partner- und Nachfolgearbeiten, geo- und biographische Materialien. Ihre Häufigkeit und Verbreitung sowie mehrfaches Abdrucken originaler Reisetexte in neueren Büchern bezeugen die weite Ausstrahlung des Geschehens. Namentlich Hans Tewes hat sich um gezieltes Sammeln dieses Schrifttums verdient gemacht. Seinen Titeln sind nachstehend weitere Arbeiten hinzugefügt, deren Bezug zum Thema, wo nötig, in [ ] angezeigt wird.
[32] Anonym [Redakteur R. KIEPERT] (1876): Nordenskjöldīs Expedition nach Sibirien 1875. - Globus 29, S. 121-123 [endet S. 123 mit Ankündigung der Bremer Expedition].
[33] Anonym [Redakteur H. J. KLEIN] (1876): Eine Forschungsreise nach Westsibirien. - Gaea 12, S. 251-252 (Quelle: [11]).
[34] Anonym [Redakteure J. CABANIS & A. REICHENOW] (1876): Nachrichten und Neuigkeiten. - Ornithologisches Centralblatt 1, S. 14 (Quelle: [11], Folgen III und IV).
[35] Anonym [Redakteur H. J. KLEIN] (1880): Die Westsibirische Expedition des Vereins für die deutsche Nordpolfahrt. - Gaea 16, S. 28-35, 70-79 (Referat nach [9]).
[36] BREHM, H. (1887/1996): Vorwort [zum unveröffentlichten Buchmanuskript Sibirienreise]. - In [43], S. 222-224.
[37] BRUSTGI, F. G. (1987): Forschungsreisen des Grafen Karl von Waldburg-Zeil nach Spitzbergen und Sibirien 1870, 1876, 1881. - Konstanz (Neubearbeitung nach [7], Reise 1876 S. 77-235, Liste belieferter Museen S. 236, weitere Literatur S. 267).
[38] BUCHDA, G. (1976): Testament und Nachlaß des Naturforschers Alfred Edmund Brehm (Brehm-Studien IX). - Rechtsgeschichte als Kulturgeschichte (Erler-Festschrift), S.591-610, Aalen [Nachlaßregulierung für die Manuskripte der Sibirien-Vorträge S. 597-598, Juristisches zum "Thierleben" S. 599-601, Testamentstext S. 607-608] .
[39] DAMM, F. W. (1959): Zwischen Äquator und Nordkap. Brehms Reisen. - Leipzig ["Forschungsreise nach Westsibirien (1876)" S. 213-320; Fundstellen von Brehms Originaltexten fehlen].
[40] HAEMMERLEIN, H.-D. (1985): Der Sohn des Vogelpastors. Szenen, Bilder, Dokumente aus dem Leben von Alfred Edmund Brehm. - Berlin [Sibirienreise mit Textauszügen S. 201-205, 211, Vortragstätigkeit S. 221-227].
[41] HAEMMERLEIN, H.-D. (1986): Über Quellen zur Biographie Alfred Brehms. - Thüringer Ornitholog. Mitt. 35, S. 1-17 [Tagebücher, Manuskripte, Briefe, Bestand und Auswertungsstand].
[42] HAEMMERLEIN, H.-D. (1989): Brehms Tierleben - ein vielschichtiges Erbe. - Brehm-Blätter 3, S. 13-29, Renthendorf [Rolle von Vorgänger-Literatur und Partner-Zuarbeit für das Werk].
[43] HAEMMERLEIN, H.-D. (1996): Thüringer Brehm Lesebuch. - Jena [Horst Brehms Arbeit am Sibirien-Manuskript S. 222-224].
[44] HITZING, J. (1995): Alfred Edmund Brehm (1829-1884). - In: Brehm- Gedenkstätte Renthendorf [Museums-Begleitheft], S. 14-25, Renthendorf [Faksimile Sibirien-Postkarte Nr. 34 aus Tjumen und Textzitat].
[45] HITZING, J. (1996): 50 Jahre Brehm-Gedenkstätte, 131 Jahre Brehm-Haus in Renthendorf/Thüringen. - Brehm-Blätter 4, S. 8-31, Renthendorf [Brief von Brehms um die Reise besorgter Mutter S. 16, Erweiterung des aktuellen Sammlungsbestandes S. 28].
[46] IL'ICEV, V.D., FLINT, V.E. u.a. (1985): Handbuch der Vögel der Sowjetunion, Band 1. - Wittenberg [Erforschungsgeschichte S. 15-174; historische Literatur dazu S. 190-205; Brehm und Finsch S. 81, 85, 93].
[47] JOHANSEN, H. (1943-1961): Die Vogelfauna Westsibiriens. - Journal für Ornithologie 91 bis 102 (Einzelnachweise in [46], S. 201).
[48] KADEN, W. (1988): Alfred Brehm und die Stenographie. - Der Stenopraktiker 37, S. 312 [Faksimile aus Sibirien-Notizheft 18.09.1876 und Kommentar nur in Stenoschrift].
[49] LATKIN, N. (1876): Der Obi und sein Flußgebiet. - Globus 29, S. 254-255 (Übernahme des Vortrages vom 14.03.1876 aus [11]).
[50] K. M. [= MÜLLER, K.] (1876): Bremische Expedition nach Sibirien. - Die Natur NF 2, S. 60, Halle [Ankündigung, erschienen 12.02.1876].
[51] K. M. [= MÜLLER, K.] (1877): Literatur-Bericht. Deutsche zum Theil neue Zeitschriften. - Die Natur NF 2, S. 289-290 [unter Pos. 1 Rezension "Deutsche Geographische Blätter" mit Vorgeschichte des Bremer Vereins und seiner Schriften].
[52] K. M. [= MÜLLER, K.] (1877): Eine Ausstellung ethnographischer und naturwissenschaftlicher Sammlungen in Bremen. - Die Natur NF 3, S. 348.
[53] NORDENSKJÖLD, A.E. (1882): Die Umsegelung Asiens und Europas auf der Vega. Mit einem historischen Rückblick auf frühere Reisen längs der Nordküste der Alten Welt. - 2 Bände, Leipzig (Brockhaus) [Bd. 1, S. 188-287 Forschungsgeschichte 1556-1877; S. 179 Waldburg-Zeil und Finsch; S. 256 Portrait Sidoroff; weitere Personen vgl. Register Bd. 2, S. 429-451].
[54] [PETERMANN, A.] (1876): Abschluß der Bremer Forschungsreise (Finsch, Brehm, Zeil) in West-Sibirien. Von Obdorsk am unteren Ob und bis zum Karischen Meerbusen, Juli und August 1876. - Petermanns Geogr. Mitth. 22, S. 448-456, Gotha [mit Texten von Finsch; vgl. auch ältere Berichte in dieser Reihe].
[55] SCURLA, H. (Hrsg., 3. Aufl. 1973): Jenseits des Steinernen Tores. Reisen deutscher Forscher des 18. und 19. Jahrhunderts durch Sibirien. - Berlin [S. 539-579 Auszug aus [9], weiterhin Texte von Erman, Gmelin, Pallas, Radloff, Rose, Steller].
[56] SIDOROFF, M. (1876): Ueber das Thierleben des untern Obi und einige meteorologische Erscheinungen im Karischen Meere. - Globus 29, S. 299-302 [Vortrag vom 14.03.1876, Übernahme aus [11] mit redaktionellem Vorwort über Petersburger Sitzung "zu Ehren der Bremer Forschungsreisenden"].
[57] STRESEMANN, E. (1951, Reprint 1996): Die Entwicklung der Ornithologie von Aristoteles bis zur Gegenwart. - Berlin/Wiesbaden [Kapitel "XII. Otto Finsch (1839-1917)" S. 217-233].
[58] Verein für die Deutsche Nordpolfahrt in Bremen. Forschungsreise nach Westsibirien 1876. - Die Natur NF 2 (1876), Extra-Beilage No. 2-4, 7-10, 12-17 [Ungekürzte Übernahme aus [11], Folgen III bis V].
[59] ULE, O. (1876): Die Bremische Expedition zur Erforschung Westsibiriens. - Die Natur NF 2, S. 125-127 [Gruppenbild der drei Reisenden S. 127; vgl.
Abb. 2].
[60] WEINMEISTER, R. (1935): Die Beziehungen Alfred Brehms zur Kurzschrift. - Deutsche Kurzschrift 14, S. 37-43, auch Separatdruck 8 S., Leipzig [Faksimile Sibirien-Stenoheftseite, Wiederabdruck in [48]].
Die Renthendorfer Museumssammlung
Durch die glückliche Fügung, daß sich Alfred Brehm für seine letzten Lebensmonate aus Berlin nach Renthendorf zurückzog und zwei seiner Töchter später dort wohnen blieben, sind viele Originalia an Ort und Stelle auf die Nachwelt überkommen [43, 44]. Andere kehrten erst nach jahrzehntelangen Auslagerungen zurück. So war im Testament [38] der einzige lebende Sohn, Dr. med. Horst Brehm, zum Erben des wissenschaftlichen Nachlasses bestimmt. Horst aber wohnte in Berlin, beschäftigte sich mit väterlichen Manuskripten [20, 36] und gab sukzessive ab Weihnachten 1897 autographes Schriftgut an den Theologen und zoologischen Systematiker Otto Kleinschmidt (1870-1954), der sich um die Sicherung der Vogelsammlung Christian Ludwig Brehms verdient gemacht hatte. Kleinschmidts Nachlaß wiederum verblieb in dem von ihm 1927 gegründeten "Kirchlichen Forschungsheim Wittenberg", wo ich ab 1969 einiges Unbekannte bearbeitete und herausgab (u.a. [40, 41]). 1982 brachte dann Hans-Peter Gensichen, dritter Leiter des Forschungsheims nach Kleinschmidts Sohn Hans, einen Teildruck der Sibirien-Tagebücher heraus [21].
Sämtliche überlieferte Reisetagebücher Alfred Brehms, 14 Bände oder Hefte aus den Jahren 1847 bis 1876 [41], waren den Weg über Berlin nach Wittenberg mitgegangen. Anläßlich einer konzeptionellen Umprofilierung des Kirchlichen Forschungsheims - weg vom Historischen - kamen sie 1989 nach Renthendorf. Die Postkarten Alfred Brehms an seine Frau waren hier geblieben, wohl weil die Angehörigen sie als Familienerbe ansahen, nicht als wissenschaftlichen Nachlaß. Der Verbund - nun auch räumlich - von Tagebüchern und Korrespondenzen ergibt einen reichen Quellenfundus zu Sibirien, an dem noch lange gearbeitet werden kann.
Trotz dieser bedeutenden Rückführung fehlt in der wissenschaftlichen Sammlung der Brehm-Gedenkstätte noch viel. Ein durch Brehms Tochter Frieda Poeschmann (1870-1950) in Privathand gegebener Autographenbestand ist zwar dem Museum bekanntgegeben worden und hier registriert, aber die Originale sind seit kurzem verschollen. In öffentlichen Sammlungen befindliche Schriftstücke werden immer dort bleiben, wo sie archiviert und zugänglich sind; Kopien, Abschriften und der Computer beziehen solche Fremdbestände in die Renthendorfer Dokumentation ein. Damit erhalten wir bzw. erstreben eine Gesamtschau über alles Vorhandene unabhängig vom Standort der Originale. In der folgenden Aufstellung sind Eigentümer nur genannt, soweit sich die Unikate nicht im Brehmhaus befinden. Die Anordnung erfolgt nach dem Entstehen der Dokumente chronologisch.
[61] Alfred Brehm, Briefe an Otto Finsch, 17.01.1861 bis 06.01.1879, Naumann-Museum Köthen. - Dazu L. Baege brieflich an Autor 29.05.1983: "A. E. Brehm-Briefe an Finsch: 74 (nicht 76) Stücke, 1861-1879, als Beilagen jeweils: ein Brief von C. L. Brehm an Finsch, [28.05.] 1861, und ein Brief von Hoffmann an A. E. Brehm, 1872 (daher meine Angabe 76 Briefe)".
[62] Otto Finsch, Brief an Christian Ludwig Brehm (ein noch früherer ist nicht erhalten), 01.05.1861 (Stellensuche).
[63] Otto Finsch, Briefe an Alfred Brehm (3) und dessen Frau (2), 15.01. bis 26.01.1876 (Reisevorbereitung).
[64] Reichskanzlei Berlin, Reisepaß für Alfred Brehm, 22.02.1876, 1 Blatt 465x348 mm, Satzspiegel 424x322 mm; vgl.
Abb. 8 und
Abb. 9.
[65] Alfred Brehm, Reihe stenographierter Notizbücher, alle kl. 8° zu je 48 Blatt, alle in braunes Leinen gebunden mit Schlaufen für Bleistift. - Zur Sibirienreise gehören davon 6 Bändchen: Nr. 1 beginnt in St. Petersburg mit einer Liste "Mitgenommen: ...", enthält Skizzen und Sprachstudien, schließt mit Semipalatinsk; Nr. 6 enthält nur 18 S. Steno, woran sich eine avifaunistische Liste "Spreewald" (77 Arten) in Langschrift anschließt. - Zu Nr. 3 (1. bis 28. Juli) liegt eine handschriftliche Übertragung in 3 Heften vor, nicht von Mathilde Brehm. - Diese Stenohefte sind nicht identisch mit den von unterwegs heimgesandten Stenogrammen (hier irrten [48] und [60]), siehe unten.
[66] Alfred Brehm, Steno-Postkarten von unterwegs an Gattin Mathilde, 19.03. bis 16.11.1876. Durch ihn fortlaufend numeriert bis Nr. 95, erhalten sind jedoch nur 72 Stücke. Näheres siehe letzter Abschnitt.
[67] Alfred Brehm, Postkarte an Dr. Feldmann, Redakteur der St. Petersburger Zeitung, 03.04.1876 aus Perm (Poststempel julianisch: 23. März), Bayerische Staatsbibliothek München. - Der Empfängerversorgt die Expedition mit Zeitungen und erhält Nachricht, wann sie wo ist; später publizierte Brehm dort [13].
[68] Alfred Brehm, Vogelpräparat aus dem Ural, 25.07.1876: "Archibuteo lagopus" = Buteo lagopus, Rauhfußbussard (Männchen); vgl.
Abb. 10.
[69] Alfred Brehm, Brief an den "Thierleben"-Verlag, das Bibliographische Institut Leipzig, 30. 11. 1876 aus Berlin. - Original verloren, vierseitiges vollständiges Faksimile in HOHLFELD, J. (1926): Das Bibliographische Institut. Festschrift zu seiner Jahrhundertfeier, Leipzig.
[70] Alfred Brehm, selbstgezeichnete Landkarte Sibiriens mit rot und braun eingetragener Reiseroute, undatiertes Anschauungsmittel für seine Vorträge nach der Reise. Papier auf Gazeleinen, farbig getuscht, Breite 190, Höhe 370 cm, mithin für große Säle gedacht.
[71] Otto Finsch, Postkarte an Alfred Brehm, 03.01.1883 (Neujahrswünsche).
[72] Familie Brehm, Verarbeitung der Steno-Zusendungen aus Sibirien zu einem Buchmanuskript, Vorwort [36] datiert "im October 1887". Näheres siehe nächster Abschnitt.
Das Buchmanuskript
Aus den vorgenannten Autographen behandle ich abschließend zwei Komplexe gesondert, weil sie von bedeutendem Umfang sind, über weite Strecken Unbekanntes bieten sowie einzelne Falschmeldungen der Literatur korrigieren.
Das Buchmanuskript [72] trägt den Titel (vgl. [43], S. 222): "Eine Reise nach West-Sibirien. (1876.) Hinterlassene Tagebücher Dr. Alfred Edmund Brehmīs, Verfassers des 'Illustrierten Tierlebens' etc. etc. / Herausgegeben von seinem Sohne Dr. med. Horst Brehm." Diese Formulierung steht gleichlautend in "Band 1." und "Band II.", nur ist im zweiten die Jahreszahl weggelassen und im ersten durch unbekannte Hand und aus unerfindlichen Gründen der Herausgebername durchgestrichen.
Das Werk hat beachtlichen Umfang: Der erste Band ist bis Seite 407 durchpaginiert und enthält zusätzlich auf Seiten I bis VI das Vorwort [36]. Der zweite Band endet mit dem unten folgenden Text auf Seite 465. Mithin liegen uns inklusive Titeln 880 Seiten Handschrift vor, durch zwei Bearbeiter - Mathilde und Horst Brehm - sauber eingetragen. Das Werk ist - entsprechend damaligen Gepflogenheiten - fix und fertig zur Ablieferung, und es fehlt nur noch der Weg in die Druckerei.
Deshalb bereitete ein moderne Teilausgabe [21] wenig Schwierigkeiten; das Verdienst liegt mehr in der "Pioniertat" des Verlages [41]. Freilich blieb die Aufmachung bescheiden und die Auflage desgleichen - allein die Brehm-Gedenkstätte verkaufte bisher 1300 Exemplare und hätte gern weitere. Da, wie nachstehend gezeigt wird, die urschriftlichen Steno-"Bogen" verloren sind, stellen heute die Reclam-Edition und das Gesamtmanuskript die einzigen Tagebuchquellen über weite Reisestrecken dar.
Der Schluß des Buchmanuskriptes (Band 2, S. 463-465) lautet:
"... erkannten auch einzelne der Dörfer wieder, oder glaubten dies doch, in denen wir auf der Hinreise, stöhnend und schneckenhaft langsam im Schlitten fortstolpernd, gerastet oder den Vorspann gewechselt hatten. Landschaftliche Reize aber bot diese herzlich eintönige Fahrt [auf der Wolga stromauf] uns nicht, (auch von Tieren sahen wir nur dann und wann einen Kolkraben oder einen der gewöhnlichen Raubvögel,) immerhin aber dünkte sie uns angenehmer, als einst die Landreise, näherten wir uns doch auch mehr und mehr der freilich noch weit genug entfernten Heimat.
Die Sehnsucht nach dieser beschleunigte unsere Weiterreise, als wir früh bei Tagesgrauen am 28. Oktober in Nischny [-Nowgorod] angelangt waren, und ließ uns ein uns angebotenes Festmahl der Zeitersparnis wegen leichten Herzens verschmähen. Schon am Abend desselben Tages waren wir unterwegs nach Moskau und saßen mollig in unsere Pelze gehüllt im Bahnwagen ! Eisenbahn, - Schlitten, Tarantasse, Kirgisenpferd, Lotka, Rentierschlitten, Fußmarsch, ja selbst Dampfschiff, - o wer die Wonne beschreiben könnte, Eisenbahn, die du in uns heute wecktest! Mir fehlen dazu die Worte, ob wir gleich nach deutschen Begriffen in dem schauderhaftesten Bummelzuge saßen! - -
Ich bin am Ende meiner Reiseaufzeichnungen angelangt. In Moskau verweilte ich nur kurze Zeit, ebenso in Petersburg nur wenige Tage, da ich vielfacher Aufforderung folgend dort einige Vorträge zu halten versprochen hatte und dieser Pflicht nachkam, überall mit der gewohnten ausgezeichneten Gastlichkeit der Russen aufgenommen.
Am 9. November war ich wieder daheim bei meinen Lieben, bei Weib und Kindern!"
Diese Niederschrift gibt Rätsel auf: Wessen Handschrift ist es? Sie kommt mir sehr geläufig vor, nachdem ich reichlich Brief- und Tagebuchtexte Alfred Brehms übertragen habe [40]. Wenn eine graphologische Klärung ihn als Schreiber ergeben sollte, wird ein anderes Detail um so unverständlicher, nämlich die Datierung der Heimkehr. Den 9. November hat GENSICHEN [21] von hier übernommen, danach taucht dieser Termin weiterhin auf [44], leider auch bei mir [40]. Die Postkarten erweisen aber, daß Brehm noch am 15. November, wahrscheinlich auch am 17. November in St. Petersburg eine Veranstaltung hatte und am 16. von dort an seine Frau schrieb. Laut Bremer Berichtsheft IX. [11] traf Finsch, der früher als Brehm heimgereist war (Postkarte Nr. 89), am 24.11. zuhause ein. Da im Buchmanuskript um die Ziffer 9 reichlich Leerraum auffällt, nehme ich an, daß das Datum zunächst ausgelassen und später - wann? durch wen? - falsch eingesetzt worden ist. Wenn es, als spätester Zeitpunkt, richtig "29." heißen müßte, dann harmoniert damit das Datum des ersten uns bekannten Briefes wieder aus Deutschland, nämlich Brehms Schreiben an seinen Verleger [69] vom 30.11. "jetzt, eben nach Rückkehr von der Reise".
Die Steno-Postkarten
Wie später von der Vortragsreise in die USA [40] hat Brehm die Postkarten an seine Familie fortlaufend numeriert. Hieraus kann man die Verluste rekonstruieren, was nur aus Daten nicht möglich wäre. Verloren sind Nr. 1-15, 35, 53, 59-63, 81, also 23 von 95 Stücken. Die uns vorliegenden verteilen sich auf folgende Zeiträume und Orte:
Nr. 16 19.03. Nischnij Nowgorod bis Nr. 34 10.04. Tjumen
Nr. 36 13.04 Tjumen bis Nr. 52 03.05. Semipalatinsk
Nr. 54 05.05. "Mitten in der Steppe" bis Nr. 58 19.05. Urtschar
Nr. 64 27.05. Kasan bis Nr. 80 24.10. Kasan
Nr. 82 31.10. Moskau bis Nr. 95 16.11. St. Petersburg
Eine Lücke fällt auf: Bei sonst fast täglicher Folge gibt es ab Nr. 64 nur 17 Sendungen in fünf Monaten. Hier ist jedoch nichts verloren gegangen, vielmehr eine lange Pause durch den Absender angekündigt und erklärt. Die Unterbrechung beginnt mit Nr. 75, geschrieben am 13.07. in Obdorsk. Hier meldet sich Brehm ab: "[...] ich hatte daher weder Zeit noch Gelegenheit, Dir außer den wenigen Zeilen aus Samarow noch zu schreiben. Noch viel weniger wird dies von jetzt an der Fall sein; denn wir gehen von hier flußabwärts bis zur Mündung der Tschutscha und an den Karischen (nicht Kurischen [21]) Meerbusen, Nowaja Semlja gegenüber, weil diesen Weg noch niemand gemacht hat [...] mache Dich also nur auf längeres Ausbleiben von Briefen gefaßt". Am 7. Oktober in Tobolsk erfolgt mit Nr. 76 der Neuanschluß an die Zivilisation: "Von übermorgen an erhältst Du nun wieder täglich Deine Karte".
Die Texte klären einige Vorgänge, die teils unbekannt, teils im Schrifttum ungenau behandelt sind.
Nicht sinnfälliger als durch die Postkarten läßt sich zeigen, daß die Reisenden nach dem gregorianischen Kalender weiterdatiert haben, der in Rußland noch nicht galt. Brehms handschriftliche Daten sind - was Kinder im Museum staunen und rätseln läßt - den Poststempeln immer um zwölf Tage voraus. Ganz leicht fiel Brehm das Umrechnen nicht, denn am 23.04. (Nr. 45) bat er seine Frau aus Omsk: "Sei doch so gut, mir in einen Deiner Briefe einen Terminkalender einzulegen, damit ich immer die Tage weiß".
Völlig eindeutig - aber nur hier zu erfahren - ist, daß Brehm die uns erhalten gebliebenen Stenohefte [65] nur unterwegs benutzt und statt ihrer nochmalige Umarbeitungen nach Hause geschickt hat. Auf den Postkarten ist nie von den Notizheften, dafür aber siebenmal von "Bögen" die Rede, die zum Versand an Mathilde kamen. "Da ich nun alles zweimal zu schreiben habe" heißt es in Nr. 71, und in Nr. 56: "[...] weil ich keine Zeit hatte, die ersten Notizen umzuschreiben".
WEINMEISTER [60] und ihn sekundierend KADEN [48] kamen auf eine falsche Fährte, als sie zum Textvergleich mit den Übertragungen Mathilde Brehms [72] Alfreds braune Heftchen [65] heranzogen. Dabei stießen sie - jetzt wissen wir: natürlich - auf Abweichungen, "die nicht auf Brehm zurückzugehen scheinen". Später [21] wurde die Theorie noch weiter ausgebaut: "Der Vergleich zwischen ihnen [den Heftchen!] und der Umschrift von Frau Brehm zeigt, daß letztere nicht nur übersetzt, sondern auch stilistisch und inhaltlich geändert hat". Hätten Alfred Brehms "Bögen" noch vorgelegen, so wäre zu sehen gewesen, wer bei welcher Umschrift geändert hat. Aber diese authentischen, nachgebesserten Stenogramme müssen schon vor 1935 abhanden gekommen sein.
Die Karten Nr. 29, 70 und 76 erweisen auch, daß die Zählung der Tagebücher von 1 bis 19 auf Alfred Brehm zurückgeht. Sie ist identisch mit seinen "Bogen"-Sendungen, während die braunen Hefte ganz andere Zäsuren haben.
Über die Heimkehr-Datierung, vorstehend schon behandelt, ist aus den Karten noch mehr zu erheben: Finsch war vom 1. bis 8. November in St. Petersburg, Brehm vom 4. bis 19. oder 20. ("nächsten Sonntag, spätestens Montag von hier abreisen", letzte Karte Nr. 95). Waldburg-Zeil hatte sich von Tjumen aus nochmals ostwärts gewandt und war "wieder nach Omsk gereist, geht vielleicht sogar nach Semipalatinsk und dann wohl auf Freiers Füßen, da ihm die älteste Tochter des Gouverneurs sehr gefallen zu haben scheint" (Nr. 78). Das endete anders, wie die Biographen wissen [7, 37]. Umgekehrt war an eine Ostwärts-Reise von Brehms Frau nach St. Petersburg gedacht, schon im Mai (Nr. 64) wurde der Plan erörtert. Das endete auch negativ, aber die Existenz des Vorhabens ist eine weitere Neuheit aus den Karten. Ferner ist aufschlußreich, mit welcher Intensität und Ausdauer Brehm, der überwiegend als Feldforscher bekannt wurde, im Petersburger Museum an Bälgen gearbeitet hat. Die Textbelege dafür sind in den Auszügen mit enthalten, die unsere Übersicht abschließen sollen.
Texte aus den Steno-Postkarten Alfred Brehms an seine Frau 1876
Übertragen von EDGAR WOLF, Renthendorf
Nr. 16, Nischni Nowgorod, Sonntags [= 19.03.1876]
Da ich noch einige Minuten Zeit habe, will ich Dir nur noch mittheilen, daß meine Reise ein wahrer Triumphzug ist. Die beiden Ausgaben der russischen Übersetzungen des Thierleben sind so verbreitet, daß jedermann wenigstens meinen Namen kennt. Wenn unser angenommener Dolmetscher sagt, Dr. Brehm ist mit im Zuge oder hier, finden sich stets Leute, die mir höchst freundlich entgegen kommen. Hier in Nischni hatte man beabsichtigt, uns ein großes Essen zu geben und die Kinder aufzubieten, damit sie den Mann kennen lernen sollten, dessen Buch sie am liebsten lesen [...]
Nr. 34, Tjumen, am 10. April 76
[...] Die Leute sind hier überall besser eingerichtet als im Durchschnitt bei uns zu Lande; ihre Möbeln sind zum Theil sehr schön; reizende Teppiche, hier in der Umgegend gewebt, viel schöner als die gewöhnlichen französischen, schmücken ihre Zimmer; das ganze Haus ist gleichmäßig warm, das Essen gut, ein mir sehr mundendes Bier vorhanden: Kurz es fehlt an gar nichts, und alles ist jedenfalls anders, als wir uns es gedacht. Dabei sind die Menschen überaus liebenswürdig, gastfrei wie die Araber, behilflich, kurz ganz ausgezeichnete Gastfreunde. [...]
Nr. 64, Kasan, am 27. Mai 76 Nachmittags
[...] Du schriebst mir nicht, ob Du mich in Petersburg abholen oder begrüßen willst. Was meinst Du dazu? Ich hielte es für sehr angebracht, gerade jetzt in Rußland Vorträge zu halten. Vielleicht bringen sie mir so viel ein, daß ich dann den ganzen Winter zu Hause bleiben kann.
Von meinen Vorträgen sende mir ja einige; ich brauche sie wirklich nöthig, um manchen Leuten ihre Freundlichkeit zu erwidern, so gut ich kann. Die Russen sind nach wie vor dieselben: Sie tun uns zu Gefallen, was sie uns nur an den Augen absehen können; wir vermögen nicht, ihnen genügend zu danken. [...]
Nr. 84, Petersburg, am 4. November 76
[...] glaube aber doch nicht, daß ich schon mit Finsch von hier abreisen werde. Einmal in dieser guten, viel bietenden Stadt, will ich wenigstens das Wichtigste sehen, und dies allein wird mehrere Tage in Anspruch nehmen. Finsch will aber schon morgen, spätestens übermorgen von hier abreisen, und er wird auf ewige Wünsche von mir sicherlich ebensowenig Rücksicht nehmen, als er es auf der Kasanreise getan hat. Seine Art zu reisen ist eben eine ganz andere als meine. Somit glaube ich, daß ich, auch wenn ich jetzt keine Vorträge hier halten sollte, vor 8 Tagen doch nicht abreisen werde. Ist es aber möglich, Vorträge zu halten, so tue ich dies jetzt, da niemand weiß, was die Zeit nach Neujahr bringen kann [...]
Nr. 85 [St. Petersburg] Am 5. November 76
[...] In Moskau hatte ich, trotzdem der Vortrag hier nicht angezeigt werden konnte, weil die hier zu Lande zu einem solchen nöthige polizeiliche Erlaubnis erst spät eintraf, doch ein recht hübsches Publikum und außer einer bezahlten Rechnung noch 294 Rubel oder etwa 700 Mark Überschuß: Solche Einnahmen kann man in Deutschland eben nicht machen. Man war in Moskau sichtlich befriedigt und hätte gern mehr gehabt [...]
Nr. 86, Petersburg, am 6. November 76
[...] Finsch will nun mal nicht zu den Ministern gehen, denen wir doch so viel danken, sondern von Bremen aus an die Herren schreiben. Das halte ich nicht für richtig und werde daher erforderlichenfalls allein, für meine eigene Person meine Visiten machen. Du weißt, daß ich nicht gerade besuchslustig bin; hier aber, wo man so viel darauf gibt, ist das unbedingt nöthig. [...] Kommen die Vorträge noch zustande, so kannst Du ja, falls Du die Reise und das Winterwetter nicht scheust, mir bis hierher entgegen kommen: Ich telegraphiere Dir dann. [...]
Nr. 87, Petersburg, am 7. November 76
[...] Ich werde mir von jetzt an meine Zeit ordentlich eintheilen und alles zu sehen trachten, was zu sehen ist, namentlich aber das Museum fleißig besuchen, um so viel ich kann zu studieren und zu lernen. Wenn Du dann kommst, weiß ich Bescheid und kann mich Dir gänzlich widmen. [...]
Nr. 89, Petersburg, 9. November 76
[...] Von Büchern und Schriften bringe mir mit: Das Tagebuch der sibirischen Reise, die Reiseskizzen [Nordostafrika, 1855], das Leben der Vögel [1861 und 1867], die ersten Bögen der zweiten Auflage des Thierleben [1876], außerdem zwei Paare bunte und vier Paare weiße Handschuhe [...] heute will ich wieder aufs Museum gehen, um dort zu arbeiten [...]
Nr. 91, Petersburg, 11. November 76
Noch immer schwebe ich zwischen hierbleiben und abreisen; denn bis jetzt habe ich noch keine Erlaubnis zu Vorträgen erhalten. Hätte ich nun im Museum nicht so interessante Thiere gefunden, welche ich gern ordentlich durchnehmen möchte, so würde ich unbedingt für die Abreise mich entschieden haben [...] Ich habe die drei letzten Tage auf dem Museum zugebracht und werde dahin auch heute und alle übrigen Tage meines Hierseins, welche nicht besonderen Zwecken gewidmet sind, gehen, um recht viel mitzunehmen.
Hast Du das Probeheft vom Thierleben mit Darwins Beurtheilung gesehen? Viele tausend Grüße und Küsse; ich freue mich über jeden Tag, welcher verstreicht, um wieder einen Dir näher zu sein.
Dein getreuer Alter.
Nr. 92, Petersburg, 13. November 76
[...] Die Erlaubnis zu den Vorträgen ist nun da, zunächst aber nur für zwei über Sibirien. Der erste wird übermorgen gehalten, der zweite am Freitag [...]
Für Durchsicht des Manuskriptes danke ich den Herren Jörg Hitzing in Renthendorf und Dr. Harro Strehlow in Berlin, für Schreibarbeit meiner Tochter Bettina.
Anhang