Die Sibirienreise im Auftrag des Vereins für die deutsche Nordpolarfahrt in Bremen fand in der zeitgenössischen Berichterstattung 1876 recht großen Widerhall, verlor aber in den folgenden Jahrzehnten an Beachtung. Ihre Einordnung in die Erforschung und Erschließung Sibiriens wurde zuletzt von Genschorek1 versucht. Der Beitrag Dahlmanns2 im vorliegenden Heft stellt die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe und Zusammenhänge gründlich und ausführlich dar.
Die Rolle der Sibirienreise für die Biographie Alfred Edmund Brehms ist bisher von den Biographen und Brehm-Forschern erstaunlich wenig gewürdigt worden. Das mag daran liegen, daß das von Brehm selbst veröffentlichte Material im Vergleich zum Umfang seiner sonstigen Arbeiten gering ist. Brehms Ausbeute der Sibirienreise verbirgt sich vor allem in seinen Vorträgen3 und zum Teil in der 2. Auflage von "Brehms Thierleben".4 Beides wurde bisher im wissenschaftsgeschichtlichen und biographischen Zusammenhang nur unzureichend durchleuchtet. Viele Quellen zu dieser Reise, wie die von Thomas5 in diesem Heft genutzten Dokumente aus russischen Archiven, waren bisher völlig unbekannt. Die wissenschaftliche Bedeutung der Sibirienreise ist, da die Zahl entsprechender Publikationen zur Expedition nicht sehr groß ist, ebenfalls kaum untersucht. Auch wenn insgesamt also noch viele Fragen offen sind, kann im Folgenden nur auf zwei von ihnen eingegangen werden: Wie stellte sich die Reise aus der Sicht A. E. Brehms und O. Finschs dar? Welche wissenschaftlichen Ergebnisse wies die Reise auf?
Beide Fragen lassen sich mit dem vorliegenden Quellenmaterial recht gut beantworten. An erster Stelle ist dabei der Briefwechsel zwischen Alfred Brehm und Otto Finsch zu nennen, der bisher nur sehr begrenzt ausgewertet wurde. An zweiter Stelle stehen die Tagebücher Brehms und vor allem seine Postkarten und Briefe an seine Frau, die in der Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf aufbewahrt werden und teilweise schon veröffentlicht sind.6, 7 Weiteres Quellenmaterial bilden die Veröffentlichungen über die Sibirienreise von Finsch8, Brehm3, 9, 10 und vom Grafen von Waldburg-Zeil-Trauchburg11 sowie die Arbeiten Brehms und anderer, die das gesammelte Material ausgewertet haben.4, 12
Der Briefwechsel zwischen Alfred Edmund Brehm und Otto Finsch
und die Vorbereitung der Reise
Der Briefwechsel zwischen Alfred Edmund Brehm und Otto Finsch umfaßt den Zeitraum von 1861 bis 1883. Er bietet eine Fülle biographischer Einzelheiten aus dem Leben der beiden Naturforscher, die in anderen Quellen nicht enthalten sind. Leider sind fast ausschließlich die Briefe Brehms an Finsch erhalten, und auch diese nicht vollständig. Von den von Finsch an Brehm gerichteten Schreiben sind nur wenige bekannt. Die Mehrzahl der Briefe befindet sich im Naumann-Museum in Köthen, einige in der Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf, einzelne im Staatsarchiv Bremen.
Der Briefwechsel begann im Januar 1861, als Otto Finsch an Alfred Brehm und an dessen Vater Christian Ludwig Brehm mit der Bitte um Unterstützung für die Anstellung an einem Museum schrieb. Dieser erste Brief ist nicht erhalten, wohl aber die Antwort Alfred Brehms und ein Schreiben, das die Bemühungen Christian Ludwig Brehms zeigt, dem jungen Präparator eine Stelle zu verschaffen.13, 14 Aus diesen ersten Kontakten entwickelte sich eine lang andauernde Freundschaft und Zusammenarbeit, deren Höhepunkt die gemeinsame Arbeit am "Thierleben" (1. Aufl. 1864-1869, 2. Aufl. 1876-1879) und an Brehms Werk "Gefangene Vögel" (1872-1876) bildete.
Forschungsreisen waren für Alfred Brehm eine unschätzbare Wissensquelle. Neben seinen eigenen Fahrten interessierten ihn daher auch die Reisen Anderer, an denen er teilweise engagiert Anteil nahm.15, 16 Bisher kaum beachtet und weitgehend unbekannt sind seine in Zusammenhang mit der Sibirien-Expedition stehenden Aktivitäten. Brehm förderte schon frühzeitig die deutsche Polarforschung. In der "Gartenlaube" erschien 1870 sein Artikel "Weihnachten auf dem Eis", in dem er ein Gespräch mit den Teilnehmern der deutschen Polarfahrt Kapitän Koldewey und Hegemann wiedergab.17
Im Briefwechsel mit Otto Finsch berichtete er seinem Freund erstmals am 4. Januar 1870 von seiner Unterstützung der Polarfahrt: "Wir haben durch unsere Vorträge für die Polfahrer doch schon 800 Thr. Reinertrag, hoffen aber bis 1000 zu kommen. Da hat jeder der Vortragenden mehr gegeben als so'n Herr Meier oder Schultz. Elendes Lumpengesindel."18 Wer sich außer Brehm hinter dem "wir" verbirgt und in welchem Rahmen die Vorträge gehalten wurden, ist bisher ebenso unbekannt wie die Themen. Da Brehm zu dieser Zeit das Berliner Aquarium leitete, müssen sich seine diesbezüglichen Aktivitäten in Berlin abgespielt haben.
Fast zwei Jahre später, Ende Oktober 1871, schrieb er, Gustav Hartlaub habe ihn gebeten, einen "Prospect für das Nordpolwerk" zu schreiben und bat um Material von Lindemann.19 Dieser "Prospect", also ein Werbeblatt, ist bisher nicht gefunden. Gustav Hartlaub war Arzt und einer der führenden Ornithologen Deutschlands. Durch seinen Einfluß war Otto Finsch nach Bremen gekommen. Aus weiteren Briefen geht hervor, daß Brehm die Herausgabe des Werkes über die 2. Deutsche Nordpolarfahrt auch redaktionell unterstützte, indem er die Bildvorlagen in Berlin durch ihm bekannte Zeichner umsetzen ließ.
So weit zur Vorgeschichte. Alfred Brehm war in Bremen gut bekannt und hatte dort möglicherweise bereits 1867 Vorträge gehalten. Er war mit Otto Finsch eng befreundet und kannte persönlich die wichtigen Mitglieder des Vereins für die deutsche Nordpolarfahrt in Bremen. Er hatte sein Engagement für dessen Ziele nachgewiesen und Geld zusammengetragen.
Bereits zu Beginn des Jahres 1875 hatte Finsch bei Brehm in einem nicht mehr erhaltenen Brief offensichtlich angefragt, ob er Interesse an einer Expedition in den Kaukasus hätte, denn am 5. Februar 1875 antwortete Brehm ihm: "Nach dem Kaukasus hätte ich sehr, sehr große Lust - famoses Material zum Pauken."20
Ein Ziel des Vereins für die deutsche Nordpolarfahrt war die Publikation der Ergebnisse der 2. Polarexpedition von 1870. Finsch schreibt dazu: "Als diese Aufgabe in befriedigender Weise gelöst war ... bemühte sich der Verein das in Ost-Grönland so versprechend begonnene Forschungswerk weiter fortzusetzen und wandte sich deshalb mit einer Eingabe an das Reich. Auf Grund des Gutachtens einer vom Bundesrath berufenen Gelehrten-Commission wurde indess der Plan nicht angenommen, vielmehr andere Vorschläge empfohlen und damit dem Verein zugleich die Möglichkeit entzogen jener grossen Aufgabe näher zu treten. Er bemühte sich also in anderer Richtung den vorgesteckten Zielen gerecht zu werden... ."8 Ein Ergebnis dieser Bewertung war wohl die Idee, eine Expedition zur Erforschung des Kaukasus nach Rußland zu senden. Im Laufe des Jahres wurde diese erste Idee verändert, und so entwarf Moritz Lindemann, Schriftführer des Vereins für die deutsche Nordpolarfahrt, im Dezember 1875 den Plan für die Sibirien-Expedition, die dann 1876 stattfand. In einer im Januar 1876 veröffentlichten Denkschrift nennt der Verein bereits die Ziele der Reise:
"3. (sollte) von einer grösseren Entdeckungsreise zu Schiff vorerst abgesehen, und das Augenmerk auf Gegenden gerichtet werden, in denen zwar keine geographische Entdeckungen mehr zu machen, die aber, verhältnismäßig wenig bekannt, eine reiche Ausbeute an naturwissenschaftlichen Objecten versprechen...
4. Sollte, sofern es mit der in erster Linie stehenden Förderung wissenschaftlicher Zwecke vereinbar, die Wahl auf solche Gegenden gelenkt werden, deren Erzeugnisse und Hülfsquellen bei der steten Ausdehnung und Erleichterung des Verkehrs früher oder später auf den deutschen Handel von Einfluss werden könnten."21
Nachdem der Vorstand des Vereins die Expedition beschlossen und die Denkschrift herausgegeben hatte, schrieb Finsch am 16. Januar an Brehm: "Ein Hurrah für Dich u. den Obi! Das wäre riesig, wenn wir die Sache zusammen machen könnten, wofür ich die besten Hoffnungen habe. Also der Nordpolverein hat die zoolog. Forschungsreise nach dem Obi beschlossen. Den Jenissei gaben wir selbst auf nachdem wir Nordenskjölds Bericht d. h. Brief hatten. Der Obi ist gelegener, nicht so weit östlich u. bietet entschieden mehr, besonders wenn wir, wie Nordenskjöld räth, bei Semipalatinsk anfangen...
Nach Deinen Zeilen glaube ich, daß sich die Sache arrangiren wird, indem der Verein das Geld schaffen muß. Ich u. Lindemann hatten gleich auf einen zweiten Naturforscher Bedacht genommen, wenn es eben die Mittel erlauben, aber Hartl. wollte uns einfach einen gelehrten Kräutersammler aufbrummen u. zugleich auch beschaffen. Ich habe aber nicht Lust mich mit irgend Jemand herumzuplagen, den ich nicht kenne u. gehe lieber allein. Wenn aber so ein trefflicher, kundiger, lieber Kerl als Brehm sagt, nehmt mich mit, so werde ich Alles thun, um die Sache durchzusetzen, selbst Hartl. gegenüber, der ja am Ende nicht darüber zu beschließen. Ich glaube also die Reisekosten für Dich bestimmt durchzusetzen u. Ausrüstung würdest Du wol selbst beschaffen. Da wir jedenfalls die besten Empfehlungen von oben herab erhalten, was für Rußland unbedingt nöthig ist, so werden wir jedenfalls viel Unterstützung u. gute Aufnah-me finden. Was Dich anlangt, so würdest Du in unsern Verein aufgenommen werden u. Dich, wie ich, gewissen Bedingungen unterwerfen müssen. Es würde sich darum handeln in Betreff der Sammlungen eine Vereinbarung zu treffen u. der liter. Ausbeute. Einige Artikel für Gartenlaube etc. u. Vorträge würden Dir selbstredend frei stehen, aber Du müßtest an dem Buch mitarbeiten, selbstredend aber auch Antheil dabei haben. Daß es heißen würde: 'naturw. Reise nach so u. so. Im Auftrage des Vereins für die Deutsche Nordpolarf. zu Bremen von' würde Dich wol nicht irritiren. Übrigens sind G. Mosle u. Albrecht die an der Spitze stehen, durchaus faire Leute u. ich bin gewiß, daß sie gern meinem Wunsche nachkommen u. lieber einen tüchtigen Zoologen, als so einen Grashüpfer wählen werden. Daß wir beide zusammen, in richtiger Vertheilung der Arbeit, soviel leisten als Drei, davon bin ich überzeugt. Ebenso, daß wir ein nettes Buch liefern werden, was gut gehen würde, gerade jetzt, wo die Aufmerksamkeit sich vorzugsweis jenen Gebieten zuneigt. Wir müßten jedenfalls Ende März abreisen, um noch per Schlitten über den Ural zu kommen u. müßten uns doch einige Zeit in Petersburg u. Moskau aufhalten, wo wir ja erst uns besser orientiren können. Wenn möglich, würde ich sehen, vom Obi nach der Petschora vorzudringen, doch wird sich das alles erst später entscheiden. Daß unsere Instructionen uns möglichst Freiheit lassen versteht sich von selbst. - ich glaube, daß diese Reise bei Deiner jetzigen Erwerbsthätigkeit von ungeheurer Wichtigkeit sein würde, denn Du kannst dann mit ganz Neuem aufwarten. Da die sibirische Bahn jetzt sicher gebaut wird, interessirt man sich sehr für diesen Theil u. ein lesbares deutsches Reisebuch über jene Gegenden giebt es noch nicht. Dies sind ja die Gesichtspunkte, welche ich eben in der Kürze anführen kann. Es handelt sich nun darum über Deine Theilnahme bestimmte Antwort zu haben, damit ich mit Mosle sprechen kann, womöglich noch ehe er nach Berlin zum Reichstage geht...
Ich denke es wird am besten sein, wenn wir einen tüchtigen Forstmenschen mitnehmen, der abbalgen kann u. an Strapazen gewohnt ist. Er braucht nicht zu schießen, das wollen wir schon selbst besorgen, muß aber tüchtig präpariren können. Einen Dolmetscher nehmen wir erst in Rußland!"22
Zwei Tage später bat Otto Finsch Brehms Frau Mathilde um Einwilligung, die sie ihm telegrafisch erteilte. Und bereits am nächsten Tag, dem 19. Januar 1876 berichtete er in einem weiteren Brief über die neuesten Entwicklungen: "'Stuttgart. Definitiv gehe ich mit. Näheres Freitag brieflich. Erhalte Generalbefehl Petersburg. Kaiser vorstellen. Graf Waldburg'
Dies Telegram traf soeben ein u. ich beeile mich es Dir mit ein paar Worten sofort mitzuteilen. Der betreffende ist Graf Waldburg-Zeil-Trauchburg, einer der Großen Würtembergs u. unser Vereinsmitglied, Dir wahrscheinlich durch seine Reise nach Spitzbergen mit Heuglin bekannt. Wir stehen schon lange in Verbindung mit ihm, da er sich unser Nordpol Exped. anschließen wollte, u. lernten ihn nach seinen Briefen als einen ungemein energischen tüchtigen Menschen kennen, der gern lernen u. etwas leisten will. Als Lindeman im December den Sibir. Plan zur Welt brachte dachten wir zuerst an Zeil u. theilten ihm unser Projekt mit. Wir kamen leider 6 Tage zu spät, da er sich mit Heuglin für den abessinischen Feldzug engagirt hatte. Die Sache war aber noch nicht gewiß... Ich denke Du wirst Dich mit uns freuen, denn seine Teilnahme wird uns gewiß viel nutzen, wie schon das Telegramm lehrt. Er ist mit der Königin sehr gut bekannt, also die nächsten Beziehungen zum russischen Hofe, u. wenn wir dort dem Kaiser vorgestellt werden u. einen Generalbefehl erhalten, dann reisen wir in Rußland wie Fürsten, das sieht der Lahme!
Schreibe mir bald ein paar Zeilen über Deinen weiteren Aufenthalt. Zeil wird herkommen u. vielleicht läßt es sich einrichten, daß auch Du kommen kannst.
Unter uns vorläufig! Hartl. der eigentlich gar nichts mitzureden hat, da er ja doch keinen Cent hergiebt, u. ohnehin blos Verwirrniß mit seinem Botaniker anrichtete, hat Mosle in den Kopf gesetzt, daß alle Sammlungen der Verein behalten müsse. Ich habe aber bereits Mosle gesagt, daß ich gar nicht daran denke u. daß auch Du nicht so ohne Weiteres einwilligen würdest.
Ich meine, daß es bei den an u. für sich doch nicht bedeutenden Mitteln, es doch unbillig wäre, wenn der Verein auf unsere Mühe hin, vielleicht 1/3 des Anlage-Capitals herausschlägt u. ich will daher vorher diesen Punkt geregelt wissen, was Mosle u. Albrecht gegenüber ja keine Schwierigkeiten haben wird. Was meinst Du dazu, wenn wir, d. h. Du u. ich die Hälfte aller Samml. oder 2/3 (jeder ein Drittel beanspruchen)? Wir könnten ja, Allah ist groß, auch ein ganzes Mammuth finden. Schreibe mir ein paar Zeilen, die ich, wenn nöthig, vorweisen kann. Alles was wir geschenkt erhalten gehört uns u. was wir an Etnographie kaufen, kann der Verein zurückkaufen. Aber das sind ja Alles Dinge, die weiter keine Bedenken machen; sie müssen aber vorher geregelt sein, da wirst Du einverstanden sein. Ich u. Du werden uns ja schon einigen!"23
Am 24. Januar antwortete Brehm ihm: "Erst heute komme ich dazu, Deinen Brief vom 19. zu beantworten: möge der heutige Tag, an welchem vor 89 Jahren mein Vater geboren wurde, ein günstiges Omen sein!
Mit Freude erfahre ich den Zuwachs unserer Reisegesellschaft c. sp. durch Graf Waldburg, den ich in Stuttgart selbst aufzusuchen gedenke... ."24
Zu den von Otto Finsch angesprochenen Bedingungen erklärte er: "Ich erachte es als selbstverständlich, dass Euer Nordpolverein uns gewisse Bedingungen vorschreibt..., glaube aber, dass es nicht rathlich sein, uns vielmehr die Arbeitslust und Schaffensfreude nehmen würde, wollte man verlangen, dass alles und jedes, was die Reise uns bringen wird, ausschließlich zur Verfügung des Vereins gestellt werden müsste. Denn nicht als Handwerker und als Handlanger, sondern als freie Forscher wollen wir hinausziehen und, wie die geistigen oder idealen, so auch die materiellen Errungenschaften der Reise ehrlich teilen... Wie Du weisst, will ich vor allen Dingen Stoff zu neuen öffentlichen Vorträgen gewinnen; ziehe ich aber, glücklich heimgekehrt, wiederum als Wanderprediger aus, so nütze ich den Bestrebungen des Vereins, unter Hervorhebung seiner Zwecke, sicherlich wirksamer als durch irgend ein anderes Mittel."24
Der letzte bekannte Brief Otto Finschs vor Antritt der Reise stammt vom 26. Januar und war wieder an Mathilde Brehm gerichtet:
"Wenn ich die Reise nicht selbst in Bezug auf Clima, Fortkommen, Menschen etc für ganz ungefährlich hielte, würde ich nicht hingehen, und Brehm wird ebensowenig tollkühn sein als ich, um sich in unnötige Gefahren zu stürzen. Ich erhielt heut einen Brief von H. Seabohm in Sheffield, der voriges Jahr 6 1/2 Monaten im Petschora sammelte u. voll Lobes über Land u. Leute ist, obwohl er nur mit einem polnischen Dolmetscher u. einem vom russischen Gesandten visirten engl. Arzt reiste. Wie Sie vielleicht wissen wird sich uns Graf Waldburg-Zeil anschließen, der hohe u. höchste Connexionen besitzt (Kaiser Alexander, Gortschakoff) u. wir erhalten wahrscheinlich Kaiserl. Päße, so daß wir wie Couriere reisen u. überall gute Aufnahme von Beamten etc zu erwarten haben. Ich denke also, daß Alles geschehen wird, was geschehen kann. Um gute Resultate zu erzielen würde es freilich darauf ankommen möglichst zeitig aufzubrechen, um noch bei Schlittenbahn Tobolsk zu erreichen. Also sicher Mitte März, od. noch eher, denn wir verlieren 10-14 Tage in Petersburg u. Moskau. Brehm wird Graf Zeil in Stuttgart besuchen u. letzterer am 6. hier eintreffen. Dann gehen wir Beiden (da Brehm dann wol noch nicht zurück sein wird) um uns beim russischen Gesandten vorzustellen u. dort die nöthigen Empfehlungen zu erlangen."25
Der Expeditionsverlauf aus der Sicht Brehms
Am 5. März 1876 begann die Expedition mit der Fahrt von Berlin nach St. Petersburg. Der Verlauf der Reise wird in den Tagebüchern der drei Teilnehmer sehr ausführlich festgehalten und kommentiert. Dabei arbeiteten zumindest Brehm und Finsch Tagebücher aus, die ihren Namen eigentlich kaum mehr verdienen. Vor allem bei Brehm handelte es sich um "ein in hohem Maß literarisches Buch".26 Die Tagebuchaufzeichnungen erwecken den Anschein, für ein später erscheinendes Buch Vorlagen zu bilden. Entsprechendes wies Strehlow bereits für Brehms Afrika-Tagebücher nach, wobei dort Tagebuchcharakter und literarische Ausarbeitung nebeneinander stehen.27 In den Postkarten an seine Frau erwähnt Brehm auch immer wieder, daß seine Hauptarbeit das Schreiben des Tagebuchs sei. Bei seinem Tagebuch handelt es sich somit eher um Textvorlagen für spätere Veröffentlichungen als um die Aufzeichnung von Eindrücken und Erlebnissen. Dasselbe gilt auch für das von Otto Finsch geschriebene Reisebuch. Dagegen gestatten die privaten, nicht zur Veröffentlichung bestimmten Postkarten und Briefe Brehms an seine Frau eher einen Einblick in die Verhältnisse der Reise, wie sie von Brehm empfunden wurden.
Bereits auf einer Postkarte vom 7. Mai schrieb Brehm: "Überhaupt gestaltet sich die Reise immer mehr zu einer Hetzjagd, weil wir für die ungeheure Entfernung viel zu wenig Zeit haben. Ich suche bei der Eile zu erraffen, was ich nur kann, habe auch für das Tagebuch viel gesammelt, bedaure aber sehr und bin deshalb oft mißgestimmt, diese interessanten Gegenden so rasch durcheilen zu müssen. ... Für Horst sammle ich eifrig Käfer und Schädel, habe jedoch noch wenig Arten zusammenbekommen können. Mit den übrigen Sammlungen befasse ich mich wenig. Das Tagebuch geht mir über alles." (Alle Postkarten- und Briefausschnitte 7)
Am 16. Mai teilte er mit: "Unsere Reise aber ist ja keine Reise, sondern eine Hetzjagd... Ich kann außer Dir niemand schreiben; denn ich habe so viel mit meinem Tagebuch zu tun, daß ich auch da in Rückstau gekommen bin. Sei so gut, dies der Mutter und den Freunden zu sagen, und teile ersterer von Zeit zu Zeit etwas mit."
Am 18. Juni hieß es schließlich auf der Postkarte: "Die Berichte nach Bremen faßt ausschließlich Dr. Finsch ab, ebenso wie er ausschließlich Briefe von dort erhält, welche er als Privatbriefe behandelt. Will Lindemann einen Einblick ins Tagebuch haben, so kannst Du dies ja vermitteln...".
In einer Postkarte an seine Frau vom 28. Juni wies Brehm auf seine Popularität hin: "Wir sind auch hier sehr gut aufgenommen worden; namentlich ich bin sehr geehrt worden...".
In Bremen schien der Verein mit den Erträgen der Expedition nicht zufrieden. In einem Schreiben vom 1. September 1876 aus Obdorsk an Moritz Lindemann schrieb Alfred Brehm: "Herr Doctor Finsch hat mir aus ihren letzten Briefen mitgetheilt, dass man in Bremen sehr ungehalten sei, weil ich erst jetzt begonnen, Artikel einzusenden... Hierbei ist mir Eines nicht recht klar. Um möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu Papier bringen zu können, habe ich alles stenographisch niedergeschrieben und meine Frau gebeten, die Stenogramme zu übertragen. Alle Notizen sind ebenso nach Möglichkeit objectiv gehalten, überhaupt in erster Reihe für den Verein niedergeschrieben worden. Warum hat der Verein nun nicht durch Vermittlung meiner Frau rückhaltlos über das Tagebuch verfügt?
Mein einziges Ziel und Streben ist gewesen, Unterlagen für ein gutes Buch sammeln zu helfen." Zugleich sendet er vier Feuilletons über die Reise durch den chinesischen Altai und verweist auf weitere vier, die er über seine Frau an den Verein geschickt hat. Der Verein scheint aber von diesen Feuilletons keinen Gebrauch gemacht zu haben, denn die drei in der Presse veröffentlichten Texte Brehms8 scheinen durch seine eigenen Beziehungen erschienen zu sein. Ob die nach Bremen gesandten Texte noch in einem Archiv lagern, ist bisher unbekannt.
Nach seiner Rückkehr nach Berlin im November 1876 war von diesen Unstimmigkeiten nicht mehr viel zu spüren. Brehm bedankte sich in einem Brief vom 24. November für die Freundschaft, die Moritz Lindemann seiner Frau bewiesen hatte, entschuldigte sich dafür, daß er keine weiteren Feuilletons geschrieben habe und berichtete von zwei Vorträgen in St. Petersburg und einem dreieinhalbstündigen vor der Großfürstin Katharina. Er sprach seine Verwunderung darüber aus, daß er im Januar Vorträge in Bremen über die Reise halten solle, wo das doch Sache Otto Finschs sei, erklärte sich aber zu drei Vorträgen bereit.28 In einem weiteren Brief vom 3. Dezember wies er darauf hin, daß er in Berlin vor der Geographischen Gesellschaft vortragen solle und auch die Singakademie einen Vortrag fordere. Er bestätigte zugleich, daß er am 3., 6. und 10. Januar in Bremen sprechen wolle. "Da Sie eine große Wandkarte haben anfertigen lassen, wird es doch nöthig sein, den Reisevortrag zu halten."29 Zum Schluß schrieb er über den Reisebericht, nachdem er die editorischen und schriftstellerischen Schwierigkeiten eines solchen Berichtes aufgeführt hatte: "Diese Bedingungen zu erfüllen, ist für einen schwer, für Zwei noch weit schwieriger, und eben deshalb würde ich gern geneigt sein, auf eigene Theilnahme bei der Abfassung des Textes zu verzichten, um diesen in eine einzige Hand zu legen. Doch werde ich auch in dieser Beziehung dem Vereine so weit entgegenkommen, als eine zu ertragende Selbstverleumdung es gestattet."29 Ob und in welchem Maß Brehm dann am Reisebericht mitgearbeitet hat oder ob sein Beitrag in der Bereitstellung seines Tagebuchs und seiner Zeitschriftenartikel bestand, konnte noch nicht geklärt werden. Finsch zitierte an verschiedenen Stellen aus Brehm-Texten.
Brehm ging in einem Brief vom 6. Januar 1879 an Otto Finsch ein letztes Mal auf die Expedition ein und äußerte dabei auch eine Kritik an Otto Finsch: "Wenn ich nicht so empört wäre, über Deine Schilderung des Verhaltens der Gesellschaft, würde ich Dir antworten: Dir geschieht nicht mehr als Recht! Hättest Du, wie ich, alle Kaufleute als Diebe angesehen (siehe Mythologie: Merkur, Hermes): so würdest Du nicht so bodenlos 'reingefallen sein. Wer - klug ist, muss geprügelt werden; nun, dass Du die schönsten Keile bekommst, ist ja sonnenklar.
Mit einer 'wissenschaftlichen Expedition' ein 'Geschäft' machen, ist so hundserbärmlich, dass mir die Worte fehlen, das zu kennzeichnen. Den ganzen elenden Überschuss hätten sie Dir geben müssen: das hätte mindestens den Anschein von Anständigkeit gehabt!!
Wie Du meinen kannst, ich sei des Glaubens, Du verdientest etwas bei dem Geschäfte, verstehe ich nicht. So, wie Du es anfängst, verdienst Du nicht das Salz zum Brode. Hättest Du Dir Deine Tagebuchauszüge bezahlen und sie in fünf bis zehn Zeitschriften drucken lassen, dann, da Du nun einmal die "Lectores" hasst, eine Reihe von anderen Artikeln geschrieben, natürlich auch gegen Honorar, und dann das ganze noch zusammengestellt zum Buche, so wäre für letzteres 1500 M. immer noch zu wenig. Indessen, Du warst vor lauter Noblesse blind, deshalb während der Reise äußerst ungemüthlich, spieltest den Handlanger pp: und erhältst jetzt Deinen Dank, so wie Du ihn verdient. Lerne diese Schacherseelen erst kennen, damit Du weißt, dass nur derjenige in ihren Augen etwas gilt, welcher sich bezahlen lässt, wie sie bezahlt sein wollen. Ins Gesicht sagen sie Dir schöne Dinge, hinter dem Rücken lachen Sie über Deine Schwachheit - sie nennens Dummheit."30
Brehm bezog sich hier auf den Verkauf der Sammlungen und vermutlich auf das zu geringe - oder gar nicht gezahlte - Honorar Finschs für sein Buch.
Finsch stellte im Vorbericht seines Buches die Situation so dar: "Um über den Verbleib der Sammlungen selbst noch ein Wort zu sagen, so liess sich die ursprüngliche Absicht, dieselben in ihrer Gesammtheit dem städtischen Museum in Bremen einverleibt zu sehen, leider nicht verwirklichen, da der Verein im Hinblick auf seine Finanzen dieselben zu verwerthen gezwungen war. So ging ein grosser Theil der zoologischen Ausbeute in das Königl. Museum zu Berlin, ein anderer in's British-Museum zu London über, und nur die Ethnographie verblieb in der Vaterstadt."8
Die wissenschaftlichen Ergebnisse der Sibirien-Expedition
In der Denkschrift zur Sibirienreise des Vereins für die deutsche Nordpolarfahrt waren die naturwissenschaftlichen Sammelergebnisse als entscheidender Faktor für den Erfolg der Reise angegeben, wirtschaftliche Erkundungen sollten dem untergeordnet sein. Vor allem die geographischen und klimatischen Untersuchungen spielten aber letztendlich eine entscheidende Rolle beim Erfolg dieser Reise.2,5 Demgegenüber waren die naturwissenschaftlichen Ergebnisse eher als beschränkt anzusehen. Das lag an der Durchführung der Reise und an den ausgewählten Reisezielen.
Die Ausbeute war für die lange Zeit von März bis November gering. Finsch zählt selbst auf, daß 150 Säugetiere, 550 Vögel, 150 Reptilien, 1000 Insekten und zahlreiche Handstücke von Felsen sowie Proben land- und forstwirtschaftlicher Produkte die Ausbeute waren. Allerdings, wie er einschränkt, standen den Expeditionsteilnehmern wegen der gewaltigen Strecken, die sie zurücklegen mußten, "außer der 7-wöchigen Lotka-Reise nur 16 Sammeltage zur Verfügung."8 Dazu kommt noch das vom Grafen Waldburg-Zeil zusammengetragene Herbar, das in einer Dissertation durch Kurtz ausgewertet wurde.31
In den Sitzungsberichten des Vereins für die deutsche Nordpolarfahrt 1876 finden sich auf den Seiten 553-555 und 572-574 Verzeichnisse der gesammelten und nach Bremen geschickten Objekte. Überwiegen im ersten Bericht noch die naturwissenschaftlichen Objekte, so nimmt einen großen Teil des 2. Berichtes die ethnologische Sammlung ein. Neben 15 Schädeln (Finsch betont: "sämmtlich aus heidnischen Gräbern"32) wird eine große Zahl von kultischen und Gebrauchsgegenständen der Ostjaken und Samojeden aufgeführt. Damit wird die Bedeutung der ethnologischen Studien auf dieser Reise deutlich, die vor allem Brehm vorgenommen hat. Ihm verdanken wir Beschreibungen der Ostjaken, Kalmüken und vor allem der Kirgisen. Aber auch mit den Lebensumständen der russischen Bevölkerung setzte sich Brehm ausführlich auseinander. Das alles verbreitete er vor allem durch seine Vorträge. Eine Veröffentlichung seiner Arbeit in einer ethnologischen Zeitschrift ist bisher nicht bekannt.
Neue Großtierarten wurden bei der Expedition nicht entdeckt. Das war eigentlich auch nicht zu erwarten, da das Gebiet schon vorher von russischen und anderen europäischen Forschern untersucht war. Ein Star, dessen Beschreibung Finsch 1878 veröffentlichte, war bereits vorher beschrieben. Immerhin sind aber vier neue Spinnenarten und einige andere Wirbellose entdeckt worden.
Die Anzahl neu beschriebener Arten ist jedoch nur ein Kriterium für die Bedeutung einer Reise. Tiergeographische Angaben bildeten schon im 19. Jahrhundert eine weitere Aufgabe dieser Reisen. Was die Wissenschaft damals kaum würdigen konnte, war die Beobachtung der lebenden Tiere in ihrem Lebensraum, auf die Brehm besonderen Wert legte. Tiere zu beobachten benötigt viel Zeit, die den Reisenden nicht zur Verfügung stand. So beschränkte sich Brehm nicht nur auf die wenigen Beobachtungen, die er auf Jagdausflügen oder bei anderen Gelegenheiten selbst vornehmen konnte, sondern befragte die Einheimischen, Jäger und Händler nach ihren Erfahrungen und Kenntnissen der jeweiligen Tierart. So war er imstande, für einige Arten erstmals eine nach damaligem Stand ausführliche Lebens-geschich-te darzustellen. Finsch, der gelegent-lich in seinem Reisebericht den Grafen Waldburg-Zeil und Brehm zitierte, beschreibt das am Beispiel der auch Archare genannten Wildschafe: "Wie aus der vorhergehenden Jagd-schilderung hervorgeht war uns eben kaum mehr beschieden als Archare in der Wildnis zu sehen, man wird daher keine bemerkenswerthen Beobachtungen von uns erwarten dürfen. Doch bemühte sich Dr. Brehm die Kirgisen ausfragen zu lassen und so verdanken wir dem emsigen Compilator wie von unzähligen anderen Thieren, auch vom Archar das vollständigste Lebensbild."8
Nach der Jagd auf die Argalis - eine Wildschafart - , während der Brehm als einziger ein Tier schießen konnte, heißt es: "Auch diese Häupter der Steppe waren voll von den Ereignissen der Jagd, liessen es aber nicht an ihren eigenen Worten genügen, sondern entboten einen berühmten Barden ihres Volkes, der die Taten besingen musste... Freilich verstanden wir nichts von denselben, aber die gegebene Übersetzung zeigte, dass der gewandte Improvisator nicht allein den Gouverneur und seine Gemalin nebst der holden Tochter, sondern auch die fremden Gäste und vor allem den Löwen des Tages, den glücklichen Schützen, Freund Brehm, zu verherrlichen bestrebt war, was den Zuhörern der Vorträge des Letzteren zur Genüge von der ´rothen Zunge` bekannt sein wird."8
Die "rothe Zunge" ist ein Zitat aus der "Gartenlaube"33, das in Brehms Tagebuch noch nicht enthalten ist. Dagegen findet sich das dort niedergeschriebene Preislied auf die Jagd weder in den Veröffentlichungen Brehms noch in der Zusammenfassung der Vorträge "Vom Nordpol zum Äquator".3 Diese Schilderung Finschs (und auch die entsprechenden Stellen bei Brehm) ist ein hervorragendes Beispiel, wie in einer gesamtheitlichen Sicht das Tier in seinem Lebensraum und das kulturelle Umfeld der Einheimischen zusammengefügt werden.
Zu den Wildschafen der asiatischen Gebirge bestanden im 19. Jahrhundert sehr unterschiedliche Vorstellungen. Die in den isolierten Gebirgsstöcken vorkommenden Populationen hatten ein voneinander abweichendes Erscheinungsbild, so daß bis zu 18 verschiedene Arten aufgeführt wurden. Brehm und Finsch vertraten nach ihren begrenzten Beobachtungen aber die Ansicht, daß die Zahl der Arten wesentlich geringer sein müsse und es sich dabei nur um isolierte Populationen einer Art handelt. Heute werden die Wildschafe ebenfalls alle als Unterarten der Art Ovis ammon angesehen.
Ein anderes Tier, von dem Finsch und Brehm berichten, ist das Wildkamel. Beide führen die Geschichte von dem reichen Mann an, aus dessen Beständen die Kulane und Wildkamele als Wildtiere entstanden seien. Vermutlich liegt in dieser Geschichte auch der Ursprung der lange anhaltenden Beurteilung der Wildkamele als verwilderte Tiere. In "Brehms Thierleben, Säugethiere Bd. 3" liest sich die Sage dann anders als im Tagebuch. Statt von Kamelen ist hier von Saigaantilopen die Rede, die aus den Schafen entstanden seien. Doch wissen wir heute, daß es noch echte Wildkamele gibt, also die Stammform der Trampeltiere, die nur noch in geringer Anzahl vorhanden sind. Die Expedition führte die Teilnehmer durch das frühere Verbreitungsgebiet der Wildkamele, zur Zeit der Expedition war die Verbreitung aber bereits einge-schränkt und das nächste Vorkommen 200 bis 250 km vom Expeditionsweg entfernt.
Ein weiteres Großtier, mit dem sich Brehm in seinen Tagebuch, seinen Vorträgen und dem "Thierleben" ausführlich beschäftigte, ist der "Kulan". Es gelang der Gruppe nicht nur, Kulane zu beobachten, sondern auch, ein Kulanfohlen zu fangen. Der Kulan war für die Wissenschaft interessant, herrschte doch noch völlige Unklarheit über den Ursprung der Hauspferde. Das Przewalski-Pferd, das heute als Urform der Hauspferde anerkannt ist, wurde von Przewalski erst 1881 beschrieben. Es kam auch im 19. Jahrhundert nicht in den von Brehm bereisten Gebieten vor. Statt dessen gab es dort frei lebende Pferde, die als Wildpferde oder Tarpane bezeichnet wurden. Nach Literaturberichten und eigenen Überlegungen kam Brehm zu dem Schluß, daß es sich bei den diesen kirgisischen Tarpanen um verwilderte Hauspferde handeln müsse, eine Auffassung, die auch heute noch geteilt wird.34 Brehm glaubte, im Kulan die Stammform der Hauspferde gefunden zu haben. Kulane sind zwar Einhufer, gehören jedoch zu den Asiatischen Wildeseln oder Halbeseln, die in ihrem Erscheinungsbild auch an Pferde erinnern. Im von Brehm bereisten Gebiet sind zwei Unterarten denkbar, der Dschiggetai und der Kulan. Welche der beiden Unterarten er beobachtet hat, ist nicht ganz klar. Brehm benutzt die Namen Kiang, Dschiggetai und Kulan synonym als Bezeichnungen verschiedener Völker und Regionen für dieselbe Tierart. Die Suche nach der Stammform der Hauspferde hatte auch eine wichtige Funktion. Die Evolutionstheorie, wie sie Darwin entwickelt hatte, war in wissenschaftlichen Kreisen umstritten und wurde von den religiösen Gemeinschaften abgelehnt. Die Suche nach einem gemeinsamen Vorfahren der Pferde war auch der Versuch, die Richtigkeit der Evolution zu bestätigen. In seinem Vortrag "Die asiatische Steppe und ihr Tierleben" formuliert Brehm das so: "Wenn Darwins Lehrsätze als richtig sich erweisen sollten, dürfen wir in dem Kulan vielleicht den Stammvater unseres, durch jahrtausende lange Zucht und -Veredelung allmählich umgestalteten Pferdes sehen...".3 Es ist daher kein Wunder, daß Brehm sich so ausführlich mit dieser Frage beschäftigt, bekannte er sich doch zum Darwinismus und wurde unter anderem deshalb von den Kirchen scharf angegriffen. Daß Brehm die Frage nicht lösen konnte, liegt auf der Hand, da das eigentliche noch lebende Wildpferd erst 1881 beschrieben wurde.
Nicht nur mit Großtieren befaßte sich die Expedition, sondern vor allem mit der Vogelwelt, aber auch mit Reptilien und Amphibien. Auch diese Beobachtungen fanden ihren Niederschlag in den Reiseberichten und in Brehms "Thierleben", wie das Beispiel über Schlangen im Beitrag von Haemmerlein35 zeigt.
Die Expedition fand ihren Niederschlag in Reiseberichten Finschs, Brehms und Graf Waldburg-Zeil-Trauchburgs. Von Brehm sind darüber hinaus noch die Vorträge überliefert ("Vom Nordpol zum Äquator" und in der "Gartenlaube"), in denen er viele Details seines Tagebuchs wiedergibt. Ein wissenschaftliches Werk erschien nicht, obwohl Finsch es angekündigt hatte. Der Grund wird darin liegen, daß Finsch noch 1879 seine Südsee-Expedition begann. Brehm hatte sicher kein Interesse, unter den Bedingungen, wie die Geographische Gesellschaft (wie sich der Verein für die Deutsche Nordpolarfahrt inzwischen nannte) sie bot, eine solche Arbeit auf sich zu nehmen. So erschienen fünf wissenschaftliche Aufsätze Finschs, drei botanische Aufsätze, darunter eine Dissertation, eine Arbeit von Virchow über die mitgebrachten Schädel und vier weitere Arbeiten über verschiedene Tiergruppen. Eine Ausstellung, die 1877 in Bremen gezeigt wurde und dann durch andere Städte zog, präsentierte der Öffentlichkeit die Ergebnisse der Expedition und warb zugleich für die sibirischen Gebiete. Vor allem aber waren es Brehms Vorträge und seine in die 2. Auflage des "Thierleben" aufgenommenen Beschreibungen der Tierwelt Sibiriens, die einen Einblick in ein damals noch - und heute für viele schon wieder - beinahe unbekanntes Land gaben.
Abschließend sei noch kurz angeführt, wie die Ergebnisse der Reise in der Sowjetunion beurteilt wurden - eine Einschätzung, die vermutlich auch für das heutige Rußland Gültigkeit hat, da ein neues "Handbuch" noch nicht erschienen ist: Im "Handbuch der Vögel der Sowjetunion" wird die Expedition im Abschnitt zur Geschichte der Avifaunistik der Sowjetunion dreimal erwähnt. Zu Jamal und der Halbinsel Gyda heißt es: "Die Erforschung der Vögel von Jamal begann O. Finsch, Teilnehmer der A.-Brehm-Expedition, in der Niederung des Ob. Er unternahm 1876 eine Reise an die Flüsse Schtschutja und Baiderata. Die Angaben zu den erlegten bzw. angetroffenen Arten sind in seiner allgemeinen Arbeit über die Reise nach Westsibirien enthalten."36Zu Westsibirien liest man: "Wertvollere Angaben enthält die Monographie von O. Finsch (1879), der 1876 zusammen mit A. Brehm Sibirien von Süd nach Nord durchquerte und bis an die Oberläufe der Flüsse Schtschuja und Padarat vorgedrungen war. Hier sind auch die Sammlungen von I. Ja. Slowzow aus der Umgebung von Omsk genutzt. Insgesamt sind 283 bis 295 Formen mit Nachweisen ihrer nördlichen Verbreitungsgrenzen aufgeführt."36
Und zum Altai heißt es zuletzt: "1876 besuchte eine deutsche Expedition unter Leitung von O. Finsch, an der A. Brehm teilnahm, den Altai (Finsch & Brehm, 1882).37 Die Route dieser Expedition berührten den Altai und seine westlichen Ausläufer, wo die Forscher 87 Vogelarten registrierten. Die ornithologischen Ergebnisse dieser Expedition und auch die Daten, die die Musterung der Sammlung des Museums in Bernaul ergeben hatte, wurden von Finsch (1877, 1879)38, 8 veröffentlicht."36
Wenn die Bremische Expedition auch für die Geschichte der ornithologischen Erforschung Rußlands nicht die Bedeutung hatte, wie etwa die Spanien-Reise Reinhold und Alfred Brehms für die dortige Ornithologie39, so hat die Bremische Sibirien-Expedition doch einen wichtigen Beitrag zur Vogelkunde Rußlands hinterlassen.
Die Sibirien-Expedition spielte in der Biographie Otto Finschs und Alfred Edmund Brehms eine wichtige Rolle, die bisher nur unzureichend gewürdigt wurde. Die vor Beginn der Reise von Finsch geäußerten großen Erwartungen konnten durch die enormen Strecken, die zurückgelegt wurden, und durch die Form der Reise zum großen Teil als Gäste der russischen Regierung und ihrer Vertreter nicht erfüllt werden. Für Brehm brachte sie eine Fülle neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, die er in der Folgezeit in Vorträgen und in geringem Maße in Schriften verbreitete. Von Bedeutung sind aus wissenschaftshistorischer Sicht seine Lebensbeschreibungen verschiedener Tierarten und unter ethnologischem Aspekt seine Beschreibungen der Lebensweise verschiedener Völker und Gruppe des damaligen Rußland. Auch die tiergeographischen Angaben sind noch heute eine wichtige Quelle für die frühere Verbreitung bestimmter Arten. Auf die Bedeutung des Herbars des Grafen Waldburg-Zeil-Trauchburg kann hier nicht eingegangen werden. Die Ergebnisse der Sibirienreise zeigen deutlich, daß Brehm ein ernsthafter Wissenschaftler war, was unter dem Eindruck seiner popularisierenden schriftstellerischen und Vortragstätigkeit oft vergessen wird.
1) W. Genschorek. Fremde Länder - Wilde Tiere. Leipzig, VEB F. A. Brockhaus, 1984.
2) D. Dahlmann. Handelsschiffahrt auf der Polarroute. In: Die Sibirienreise Alfred Brehms. A. Förster, Ch. Titel (Hrsg.). Berlin, DAMU, 2001, S. 43.
3) H. Brehm (Hrsg.). Vom Nordpol zum Äquator. Populäre Vorträge aus dem Nachlaß von Alfred Edmund Brehm. Stuttgart, Deutsche Union Verlagsgesellschaft, 1890.
4) A. E. Brehm. Brehms Thierleben. Leipzig, Verlag des Bibliographischen Instituts, 1876-1879.
5) L. Thomas. Die Bremer Expedition nach Westsibirien im Jahre 1876. In: Die Sibirienreise Alfred Brehms. A. Förster, Ch. Titel (Hrsg.). Berlin, DAMU, 2001, S. 10.
6) Anonymus. Sitzungsprotokolle, Verein für die deutsche Nordpolarfahrt. 1876, S. 464-469.
7) H.-P. Gensichen (Hrsg.). Alfred Edmund Brehm. Reise zu den Kirgisen. Leipzig, Philipp Reclam jun., 1982.
8) O. Finsch. Reise nach West-Sibirien im Jahre 1876. Berlin, Erich Wallroth, 1879. Im Folgenden: Finsch 1879.
9) A. E. Brehm. Am Alakul in Turkestan. Ornithologisches Centralblatt 7, 1882, S. 97-100.
10) Finsch 1879, S. 661-662.
11) F. G. Brüstgi. Forschungsreisen des Grafen v. Waldburg-Zeil nach Spitzbergen und Sibirien 1870, 1876, 1881. Konstanz, 1987.
12) Finsch 1879, S. 661-663.
13) L. Baege. Ergänzendes über CHRISTIAN LUDWIG BREHMs Förderungsbemühungen für den jungen OTTO FINSCH und Bemerkungen über BREHMs Verhältnis zum herzoglichen zoologischen Museum in Gotha. Abh. Ber. Mus. Nat. Gotha 12, 1984, S. 35-39.
14) H.-D. Haemmerlein. (1984) Ein Beleg für die Anteilnahme CHRISTIAN LUDWIG BREHMs an der Entwicklung der naturwissenschaftlichen Sammlungen in Gotha. Abh. Ber. Mus. Nat. Gotha 12, 1984, S. 31-34.
15) A. E. Brehm. Die deutsche Expedition nach Mittelafrika und ihre Gegner. Gartenlaube 10, 1862, S. 72-74.
16) A. E. Brehm. Vorwort. In: M. T. Heuglin. Reise nach Abessinien, den Gala-Ländern, Ost-Sudan und Chartum in den Jahren 1861 und 1862. Jena, Costenoble, 1868.
17) A. E. Brehm. Weihnacht in und auf dem Eise. Gartenlaube 18, 1870, S. 876-878.
18) A. E. Brehm. Brief an Otto Finsch, 4. Januar 1870. Naumann-Museum, Köthen.
19) A. E. Brehm. Brief an Otto Finsch, Ende Oktober 1871. Naumann-Museum, Köthen.
20) A. E. Brehm. Brief an Otto Finsch, 5. Februar 1875. Naumann-Museum, Köthen.
21) A. G. Mosle, G. Albrecht, M. Lindemann. Denkschrift des Vereins für die Deutsche Nordpolarfahrt betreffend die von ihm im Jahre 1876 zu veranstaltende wissenschaftliche Forschungsreise nach West-Sibirien. Bremen, Selbstverlag, 1876.
22) O. Finsch. Brief an Alfred Edmund Brehm, 15. Januar 1876. Brehm-Gedenkstätte Renthendorf, Inv.-Nr. 4196.
23) O. Finsch. Brief an Alfred Edmund Brehm, 19. Januar 1876. Brehm-Gedenkstätte Renthendorf, Inv.-Nr. 4197.
24) A. E. Brehm. Brief an Otto Finsch, 19. Januar 1976. Staatsarchiv Bremen, 7, 1023-24/8 und 25/8.
25) O. Finsch. Brief an Mathilde Brehm, 26. Januar 1876. Brehm-Gedenkstätte Renthendorf, Inv.-Nr. 4199.
26) A. Schulze. Alfred Brehm als Literat. Magisterarbeit. Ludwig-Maximilians-Universität München, 1993.
27) H. Strehlow. Ein frühes Afrika-Manuskript Alfred Edmund Brehms. Bl. Naumann-Mus. 17, 1998, S. 112-140.
28) A. E. Brehm. Brief an Moritz Lindemann vom 24. November 1876. Staatsarchiv Bremen, 7, 1023-24/8 und 25/8.
29) A. E. Brehm. Brief an Moritz Lehmann, 1876. Staatsarchiv Bremen, 7, 1023-24/7 und 25/8.
30) A. E. Brehm. Brief an Otto Finsch, 6. Januar 1879. Naumann-Museum, Köthen.
31) F. Kurtz. Aufzählung der von K. Graf Waldburg-Zeil im Jahre 1876 in West-Sibirien gesammelten Pflanzen. Verhandlungen d. botan. Ver. d. Prov. Brandenburg 21, 1879, S. 11-77.
32) O. Finsch. Zweiter Bericht über die wissenschaftlichen Sammlungen, Verein für die deutsche Nordpolarfahrt. Berichte über die Sitzungen, 1876, S. 572-574.
33) A. E. Brehm. Jagden in der Steppe. Gartenlaube 25, 1877, S. 684-688.
34) E. Mohr. Das Urwildpferd. Wittenberg Lutherstadt, A.Ziemsen Verlag, 1959.
35) H.-D. Haemmerlein. Dokumentarisches zur Sibirienreise Alfred Brehms. In: Die Sibirienreise Alfred Brehms. A. Förster, Ch. Titel (Hrsg.). Berlin, DAMU, S. 67.
36) V. D. Ilicev, V. E. Flint (Hrsg.). Handbuch der Vögel der Sowjetunion, Bd. 1. Wiesbaden, Aula, 1985.
37) O. Finsch, A. E. Brehm (1882). Unbekannt, zitiert in: Ilicev, Flint ohne Quellenangabe.
38) O. Finsch (1877). Unbekannt, zitiert in: Ilicev, Flint 1985 ohne Quellenangabe.
39) A. Reig, X. A. Fraga. La contribución de Alfredo y Reinaldo Brehm a al ornithología Ibérica en su viaje científico a Españja de 1856 de a 1857. In: E. Ausejo, M. C. Beltrán (Hrsg.). La enseânza de las Ciencias: una perspectiva historica. Zaragoza, Universidas de Zaragoza, 2000, S. 823-848.