Das Interesse eines breiten Publikums an der westsibirischen Expedition von 1876 hängt gewiss mit der Popularität eines ihrer Teilnehmer zusammen - des Autors des "Illustrierten Tierleben", das zum Zeitpunkt der Expedition bereits in der ersten Auflage erschienen war, Alfred Edmund Brehm. Doch wer von den Lesern seines Werkes weiß heute Näheres über die Expedition? Auch unter den Brehmforschern existieren oft nur vage Vorstellungen darüber. Können wir deshalb sagen, daß wir unbekannte Seiten der Brehmbiographie zum ersten Mal entdecken? Wohl nicht ganz.
Die Popularität dieser Reise war seinerzeit unter dem deutschsprachigen Lesepublikum sehr groß. Mit einigen Abstrichen galt das auch für die russischen Leser. Dies war in erster Linie ein Verdienst von Alfred Brehm, der bereits während der Reise gleich in mehreren Tages- und Wochenblättern über seine Erlebnisse in Sibirien zu berichten begonnen hatte. Doch schon acht Jahre später war die Nachricht von Brehms Tod nur in Sibirien selbst ein Anlaß, seinen Aufenthalt im Ural und im Altai in Erinnerung zu rufen. Wir haben es hier offensichtlich mit dem Problem des historischen Gedächtnisses zu tun, mit der Tatsache, daß Vergeßlichkeit nicht nur für einzelne Menschen, sondern auch für ganze Generationen ihre Gesetzmäßigkeit hat: In der Regel können wir das einmal Bekannte zwei Generationen später nicht mehr als bekannt voraussetzen. Das gilt besonders dann, wenn es Informationen betrifft, die die Menschen nicht ständig in ihrem Alltag begleiten. Nur manchmal, oft aus einem aktuellem Anlaß, entsteht das Bedürfnis, einem ungelöst gebliebenen Problem in seinem Ursprung nachzugehen.
Am 23. Januar 2001 sendete das Zweite Deutsche Fernsehen eine Dokumentation von Dirk Sager mit dem Titel "Todeszug in die Tundra". Darin ging es um den Bau einer Eisenbahn jenseits des Polarkreises zu Beginn der 40er Jahre, die von GULAG-Insassen zwischen Workuta und Norilsk errichtet werden sollte. Das Projekt erwies sich wegen der Bodenbeschaffenheit in der Obmündung als nicht durchführbar, obwohl man nicht nur im übertragenen Sinne auf den Knochen der zahlreichen Opfer der extremen Lebens- und Arbeitsverhältnisse in der Subarktis gebaut hatte. Wußte man nicht vorher, wie die Bodenverhältnisse auf dieser Strecke aussahen? Offensichtlich nicht, obwohl man es aus den Berichten mehrerer Expeditionen hätte erfahren können. Unter diesen ist auch die deutsche Expedition von 1876 unter der Leitung von Otto Finsch zu nennen, an welcher außer ihm Alfred Brehm und Graf Karl Waldburg-Zeil-Trauchburg teilgenommen hatten. Gewiß kommt die Annahme, daß die sowjetische Führung zu Beginn des Krieges dem Urteil deutscher Gutachten vertrauen würde, reichlich konstruiert vor, dennoch war das Scheitern des Projekts eine tragische Bestätigung des Urteils, das die Fachwelt auf der Grund-lage der Expeditionsergebnisse 60 Jahre zuvor gefällt hatte.
Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, in welchen Bereichen der wissenschaftlichen Erschließung Sibiriens die Tätigkeit der Expedition bemerkenswerte Spuren hinterlassen hat. Der Verlauf der Reise soll stärker, als es bisher getan wurde, vom Standpunkt der russischen Interessen und der Reaktionen der drei Gelehrten auf das russische Umfeld geschildert werden.
Das Vorspiel
Zuerst muß einiges über das Szenarium und die Hauptakteure des Schauspiels, über die Umstände seines Zustandekommens gesagt werden. Beginnen wir mit der Motivation auf der deutschen Seite, und zwar im Bremen, wo der bereits seit Jahren wirkende Verein für die Deutsche Nordpolarfahrt, unterstützt von staatlichen und privaten Stellen Nordpolarforschungen organisierte und Expeditionen mit internationalen Beteiligung ausstattete.1 Diese Gesellschaft, zahlenmäßig unbedeutend, sah sich vor die Notwendigkeit einer Umorientierung gestellt, nachdem von höchster und zentraler Stelle die Strategie der deutschen Polarforschung neu bestimmt wurde. Die fachliche Kompetenz der staatlichen Kommission, die ein negatives Urteil über die Unterstützung der nächsten von Bremen geplanten Polarexpedition gefällt hatte, wurde vom Verein angezweifelt, zumal kein Bremer Vertreter dabei war. Sicherlich spielte die neue innenpolitische Gewichtsverteilung nach der Reichseinigung bei dieser Entscheidung eine Rolle: Die Kommission tagte in der neuen Reichshauptstadt, wurde vom Reichskanzler einberufen und vereinte mehrere Vertreter regionaler geographischer Gesellschaften und Universitäten. Der neue Kurs stellte die deutsche Polarforschung in den Kontext breit gefasster geographischer und ethnographischer Untersuchungen der gesamten subarktischen Zone. Zugleich wurde auf die Beachtung des wirtschaftlichen Nutzens dieser Forschung Wert gelegt.
Während die Kommission noch dabei war, die Ablehnung des Bremer Projekts zu formulieren, zog der dortige Polarverein bereits Konsequenzen aus der neuen Lage. Unter anderem war man dabei, kleinere Expeditionen zu organisieren, in deren Programmen die Verbindung konkreter Forschungsaufgaben mit langfristigen Vorteilen für die nach Absatzmärkten suchende deutsche Wirtschaft nachweisbar wäre. In großer Eile war eine neue Expedition organisiert und ihre Teilnehmer packten bereits die Koffer, als die Ablehnung des alten Planes in Bremen eintraf. Dem internationalen Ruf des Bremer Polarvereins und der Aktivitäten seiner Mitglieder, darunter ihres eigentlichen Leiters Moritz Lindemann, war es zu verdanken, daß die Finanzierung der Expedition und damit die Verwirklichung neuer Ziele des Vereins abgesichert wurde.2 Konkret war dies nur möglich dank der Unterstützung von russischer Seite in Gestalt des Goldbergbauunternehmers Alexander Michailowitsch Sibirjakow.
Wie kam der sibirische Unternehmer dazu, die deutsche Expedition zu fördern? Mit dieser Frage sind wir bereits bei den Motiven und Interessen der russischen Wirtschaftswelt: Der Grund für Sibirjakows großzügige - 20 300 Reichsmark - Förderung der Reise ist nur im Gesamtrahmen der Aktivitäten sibirischer Unternehmer wie Wissenschaftler zu verstehen. Eine Liberalisierung der Gesellschaft, die mit den Reformen der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts vom Zentrum in die Peripherie Rußlands ausstrahlte, wurde bereits damals als Chance für die Durchsetzung der Interessen der regionalen Oberschicht gesehen. Im Bestreben, in einen unmittelbaren Kontakt mit europäischen Handelspartnern - ohne die Vermittlung und Kontrolle der russisch-europäischen Zentrale - zu treten, suchten die sibirischen Unternehmer nach Wegen direkter Kommunikation. Das war zu diesem Zeitpunkt nur über die Schaffung neuer Verkehrsverbindungen möglich. Für russische und ausländische Kaufleute, die ihre Geschäfte im asiatischen Norden tätigten, war der Weg über subpolare Gewässer seit langem eine Vision. Die Konkurrenz der Eisenbahn bestand zunächst nur theoretisch, da Pläne einer transsibirischen Eisenbahnverbindung über Jahrzehnte in den Schreibtischen der Minister ruhten. Zu damaligen Zeiten war ein solches Projekt in Rußland eine staatliche Angelegenheit, und der Staat war bei der Festlegung der Prioritäten nicht zuerst um Interessen sibirischer Unternehmer besorgt. Die neue Technik der Wasserfahrzeuge, die Dampfschiffahrt, versprach schon eher eine Lösung, zumindest bei der Flußschiffahrt, jedoch blieb das Problem des ewigen Eises immer noch unüberwindbar. Sibirjakow war von der Idee besessen, durch einen Kanal an der sogenannten Wurzel der Jermal-Halbinsel eine Abkürzung für die gefährliche, selten eisfreie Route im offenen Polarmeer zu schaffen. Natürlich war auch ein derartiges Projekt an die Genehmigung auf der Regierungsebene geknüpft. Auf diese wiederum hatten solch geachtete wissenschaftliche Institutionen wie die Russische Geographische Gesellschaft Einfluß, und diese legte Wert auf eine vorherige sorgfältige und vielseitige Erkundung der Region - geographische, topo-, ethno-, demographische u.a. Untersuchungen.3 Vom Einsatz einer ausländischen, zumal einer deutschen Expedition, die parallel zu den russischen, aber unabhängig von ihnen Forschungen durchführen sollte, erwartete man eine sachkundige und neutrale Beurteilung der Aussichten.
Wie man sieht, war die Zielsetzung von russischer Seite zumindest teilweise konform mit den Interessen des Vereins in Bremen. Kommerzielle Interessen auf deutscher Seite sind z. B. durch einen Fragebogen dokumentiert (s.
Abb. 4), den Waldburg-Zeil an verschiedenen Orten in Sibirien vorlegte, um Bedarf und Interesse an Waren, Arbeitskräften und Dienstleistungen, die aus Deutschland kommen könnten, zu erkunden. Die Kopie des Fragebogens fand ich 1999 im Omsker Staatsarchiv, wo ich - wie anschließend auch in Barnaul - im Rahmen des seit 1993 laufenden Forschungs- und Expeditionsvorhabens der DAMU "Auf den Spuren Alexander von Humboldts in Rußland" gearbeitet habe.4
Die Teilnehmer der Bremer Expedition und ihre Ankunft
in der russischen Hauptstadt
Nicht optimal, so könnte man aus heutiger Sicht feststellen, war im Verhältnis zu den offiziell deklarierten Zielen die Zusammensetzung der Expedition (s.
Abb. 2). Es überwog das botanisch-zoologische Interesse. Der Ornithologe Otto Finsch war bereits früher im Gespräch bei der Zusammensetzung der nicht zustande gekommenen großen Polarexpedition. Der vorwiegend botanisch interessierte Waldburg-Zeil versuchte 1870 mit Erfolg, eine kartographische Erschließung von Ost-Spitzbergen zu unternehmen. Man konnte ihn daher als flexibel einsetzbar einschätzen. Alfred Brehm dagegen kam mehr oder weniger zufällig in die Dreier-Mannschaft. Sein Interesse galt natürlich der Zoologie, daneben aber auch den Sitten und der Lebensweise der Völker Sibiriens. Er beabsichtigte, Berichte über seine Beobachtungen, zum Teil bereits von unterwegs über die Vermittlung seiner Frau, an Redaktionen verschiedener Zeitungen zu schicken. Das korrespondierte, wenn auch bedingt, mit den ethnographischen Beobachtungen, die man von der Expedition erwartete. Damit ist zu erklären, daß die Briefe Brehms an seine Frau zum Teil detaillierte Beschreibungen des Weges und der Orte, über die man fuhr, aber auch der Existenzbedingungen der Menschen, denen man begegnete, enthalten.5 Tagebücher sind uns auch von Waldburg-Zeil überliefert. Sie wurden bereits in den 90-er Jahren des 19. Jahrhunderts veröffentlicht. Die erneute Ausgabe besorgte 1987 Franz Georg Brüstgi.6 Die umfassendste Information über diese Expedition erhalten wir aus dem von Finsch zusammengefaßten Reisebericht, der 1879, d. h. drei Jahre nach der Reise veröffentlicht wurde.7 Zu diesen Hauptinformationsquellen kommen Briefe, Fach- und allgemeine Publikationen hinzu. Wichtig sind außerdem Bestände russischer Archive, in welchen sowohl Anweisungen aus dem Zentrum an die Gouverneure der sibirischen Städte als auch Berichte über den Ablauf der Reise aufbewahrt werden. Vor allem die letzteren enthalten einige unbekannte Details oder auch von den deutschen Berichten abweichende Darstellungen.
Bereits in Petersburg wurde die Unterstützung von höchster Stelle erwirkt - die drei Deutschen wurden vom Zaren Alexander II. sowie vom Bruder des Zaren, dem Vorsitzenden der Russischen Geographischen Gesellschaft, Groß-fürst Konstantin Nikolajewitsch, empfangen. Wichtig war vor allem der Besuch beim General-Gouverneur Westsibi-riens, Nikolaj Gennadjewitsch Kas-nakow, dem mächtigsten Mann auf dem riesigen Territorium hinter dem Ural. Leider ist über diese Begegnung nicht viel bekannt. Kasnakow war eine eindeutige Ausnahme nicht nur unter den sibirischen, sondern auch unter den im übrigen Rußland tätigen Administratoren. Seiner Initiative waren viele wichtige Veränderungen in Westsibirien zu verdanken. Unter anderem bemühte er sich um neue Verkehrsverbindungen über nördliche Wasserwege. Im Jahre 1878 unternahm er selbst eine Reise zur Ob-Mündung, um sich aus eigener Anschauung und aus Gesprächen mit Einheimischen ein Urteil in der so schwerwiegenden Entscheidung über den Kanalbau zu bilden.
In Depeschen an die Gouverneure der sibirischen Städte betonte Kasnakow, daß es sich bei der Bremer um die nach der Humboldtreise im Jahre 1829 wichtigste deutsche Expedition handle.8 Ob dies tatsächlich den Eindruck widerspiegelte, welchen die deutschen Wissenschaftler bei ihm hinterließen oder ob es nur ein Mittel war, den würdigen Empfang der Gäste zu sichern, bleibt unklar. Auf jeden Fall zeugte dieser Bezug davon, daß die Erinnerung an die Humboldtreise in den Kreisen der höheren Beamten noch lebendig war; dies ist um so erstaunlicher, da sie bekanntlich kaum etwas dazu beigetragen haben, prak-tische Empfehlungen des großen Gelehrten in bezug auf die Reformierung der sibirischen Wirtschaft in die Tat umzusetzen.
Einiges jedoch hatte sich inzwischen verändert. Im Verlauf der langen Reise muß den deutschen Forschern auf verschiedene Weise - durch Berichte Anderer und auch durch eigene Erfahrungen - klar geworden sein, wie wichtig man in Sibirien das Problem der Verkehrsverbindungen empfinden mußte, aber auch wie gut man den sibirischen Alltag kennen mußte, um als Berater und Experte in dieser Frage aufzutreten.
Der Weg nach dem Norden über den Süden
Die Reiseroute der Bremer Expedition (s.
Abb. 3) muß den Historikern späterer Zeiten Anlaß zum Rätseln geben. Denn auch vor fast 150 Jahren waren gewichtige Argumente notwendig, um eine Reise zur Ob-Mündung mit einem Abstecher zur russisch-chinesischen Grenze zu verbinden. Offensichtlich fanden die drei Gelehrten solche Argumente, um den großen Umweg zu rechtfertigen. Doch sowohl sie als auch ihre russischen Begleiter hatten die Konsequenzen für den Zeitplan vernachlässigt. Auf dem ersten Reiseabschnitt ging es wie gewohnt zu: Um von Moskau nach Sibirien zu gelangen, gab es nicht viele Möglichkeiten. Mit der Eisenbahn bis Nischnij Nowgo-rod, weiter mit Pferdeschlitten - ein Erlebnis, das sich in Brehms Brief5 an seine Frau so anhört: "Die Wege sind furchtbar und die Reise ist kein Vergnügen. Mir ist zumute, als ob ich einen ganzen geschlagenen Tag auf dem Kamel geritten habe." In Kasan fand eine Begegnung mit dem großen Kenner sibirischer Sprachen und der Ethnographie Wilhelm Radloff statt. Radloff verdiente dort sein Brot als Inspektor für mohammedanische Schulen. Er gab den Reisenden einige Ratschläge zur Route und führte sie in das Haus eines prominenten Mulla ein, wobei Brehm Gelegenheit hatte, seine glänzenden Arabisch-Kenntnisse unter Beweis zu stellen. Die Weiterfahrt erschwerte sich wegen ungünstiger Witterungsverhältnisse und immer wieder notwendiger Wagenreparaturen. Zuerst war es Tauwetter, das das Fortkommen erschwerte. Später, unterwegs von Jekaterinburg nach Tjumen, kam der nächste Wetterumschwung. Brehm dazu: "Tjumen, 10. April 76. Gestern war ich nicht imstande, Dir zu schreiben. Wir hatten einen plötzlichen Umschwung des Wetters, und anstatt 6-8 Grad über Null 11 Grad unter Null, dabei kräftiges Schneetreiben, so daß uns Gesicht und Hände brannten als ob die Kälte Feuer wäre ... Auch heute herrscht die Kälte noch vor. Wir sind aber herrlich aufgehoben und fühlen sie nicht mehr. Schon an der Grenze Westsibiriens kam uns ein mit drei Orden geschmückter Polizeimeister der Stadt Tjumen entgegen, um uns zu bewillkommnen und uns in das Haus eines Herrn Ignatjeff einzuladen, welcher für die Zeit unseres Aufenthalts hier unser Wirt sein wollte. Der Mann, der Polizeimeister, hatte 53 Werst, fast 8 deutsche Meilen in der Kälte durchfahren, um uns einzuholen und fuhr vergnügt wieder mit uns zurück ... Die Leute sind hier überall besser eingerichtet, als im Durchschnitt bei uns zu Lande".9 Durch die Gastfreundschaft aufgewärmt, übersah Brehm bereitwillig, daß sein Hausherr einer der wohlhabendsten Männer in der Stadt war, ein bekannter Schiffsunternehmer. Es war also voreilig, das mußte Brehm bewußt sein, von der Hauseinrichtung Ignatjews auf "die Leute" zu schließen. Wie Sibirjakow suchte Ignatjew unermüdlich nach optimalen Wegen für den Transport sibirischer Ware.
Der Empfang in Tjumen, der von diesem in der Stadt überaus einflußreichen Mann inszeniert werden konnte, ist aufschlußreich hinsichtlich der Rolle, die man der Bremer Expedition vor Ort beimaß. Da wir von Ignatjew keine Zeugnisse über den Aufenthalt besitzen, sind Berichte der örtlichen Verwaltung unsere Quelle, unter anderem ein Bericht des erwähnten Polizeimeisters, der wiederum ausführlich in einem Bericht des Tobolsker Gouverneur zitiert wird: Er habe es für seine Pflicht erachtet, mit der Korrektur der "Unwahrheiten", die über Sibirien verbreitet werden, zu beginnen. So bot er den neugierigen Gästen die Besichtigung des großen Gefängnisses an, insbesondere der Schule und der Werkstätten (Tjumen war ein wichtiger "Etappenpunkt" im sibirischen Verbannungssystem10), um das russische Verbannungssystem "im besten Lichte" erscheinen zu lassen. Als Beweis für den Erfolg seines Vorgehens zitierte er die Meinung Brehms: "Schade, daß wir ein solches Sibirien nicht haben."11 Der anschließende Besuch im Waisenhaus, das von der in der Stadt bekannten Wohltäterin Serebrjakowa geführt wurde, veranlaßte Brehm zu einer ausführlicheren Äußerung. Er brachte die Hoffnung zum Ausdruck, daß es in einer so kalten Gegend, wie Sibirien, viele warmherzige Menschen leben, die zu solchen Wohltaten bereit sind.12 Während des anschließenden Empfang im Hause Ignatjew habe Brehm erzählt, daß man ihn in seiner Heimat oft für geistesgestört hielt, weil er und seine Kollegen die Absicht hatten, in eine Region zu reisen, wo es nichts außer Kälte, Bären und Verbrecher anzutreffen gäbe. Diese Vorurteile zu zerschlagen, erachte er nunmehr für seine Pflicht. Dem fleißigen Berichterstatter blieb nicht unbekannt, daß Brehm vier Briefe "mit stenographischen Berichten" aus Tjumen abgeschickt hatte.
Bei einem Abendessen zwei Tage später (31. März) kam es zur Diskussion der Möglichkeiten für Deutsche, sich in Sibirien zu engagieren. Waldburg-Zeil habe einem Kaufmann ein paar Seiten Notizen gezeigt, die sofort das Interesse des Polizeimeisters erweckt haben. Es war der bereits erwähnte Fragebogen (s.
Abb. 4), der sofort abgeschrieben wurde, die Beantwortung wurde für die Begegnung auf der Rückreise in Aussicht gestellt. In den 55 Stichpunkten waren verschiedene Bereiche der wirtschaftlichen und sozialen Interessen Deutschlands an Sibirien angesprochen. Es begann mit den Absatzmöglichkeiten für europäische, koloniale und deutsche Produkte, wobei Luxusartikel so wenig vergessen wurden wie Massenbedarfsartikel. Der nächste Fragenbereich betraf die Ausfuhr aus Sibirien und die Aussichten für die Region, mit der Verbesserung der Land- und Seeverbindungen die Konkurrenz auf innerrussischen Märkten zu bestehen. Langfristige Projekte betrafen zum Beispiel die Verbesserung der Vieh-, insbesondere der Pferdezucht. Der Bedarf an Arbeitskräften unterschiedlicher Berufe, vor allem im Dienstleistungs- und Ausbildungsbereich war der letzte Schwerpunkt des Fragebogens. Die sonderbar klingende Frage, ob Gouvernanten Chancen hätten, in Sibirien zu heiraten, zielt auf das Problem der Eingliederung in die sibirische Gesellschaft. Leider war es mir bisher nicht möglich, Hinweise auf den Ausgang dieser aufschlußreichen "Fragebogenaktion" zu finden. In den Berichten der Gouverneure anderer Städte, welche die Expedition besuchte, fehlen jegliche Hinweise auf ähnliche Initiativen. Dies kann bedeuten, daß Waldburg-Zeil aus dieser Episode gelernt hat, mehr Umsicht bei seinen Nachforschungen walten zu lassen.
Die Expedition reiste von Tjumen nach Omsk, dann den Irtysch entlang bis Semipalatinsk, wo sie am 1. Mai ankam. Die Gastfreundschaft des hiesigen Militärgouverneurs und seiner Frau genoß sie fast anderthalb Monate. Vom Standpunkt ihrer eigentlichen Forschungsinteressen war dieser Streckenabschnitt für die deutschen Wissenschaftler der ergiebigste. Auch die stark ethnographisch gefärbten Reisebeobachtungen über die Kirgisen, erst vor knapp 20 Jahren von Hans-Peter Gensichen unter dem Titel "Reise zu den Kirgisen. Aus dem Sibirientagebuch 1876" veröffentlicht13, sind dort entstanden. Eigentlich geht es darin nicht ausschließlich um Kirgisien. Neben Beschreibungen der russischen Kosakensiedlungen an der chinesischen Grenze findet man ebenso Schilderungen des Lebens und Treibens in kasachischen Aulen. Der kurze Besuch auf der chinesischen Seite gab Anlaß zu lebendiger Darstellung der russisch-chinesischen Alltagsbeziehungen. Die Verbindung zwischen den zoologischen und ethnographischen Interessen Brehms läßt sich durch eine häufig zitierte Stelle aus seinem Tagebuch belegen: "Ungleich wertvoller als Jurte, Teppiche, Kleider und das von den Reichen außerdem aufgespeicherte unnütze Silber ist der eigentliche Besitz des Kirgisen: seine Herden ... Das Pferd gibt immer den Maßstab für den Besitz, sein Wert ist es, nach welchem gerechnet wird; der Reichtum wird daher geradezu in Pferden ausgedrückt, in Pferden zählt man Brautschatz, Pferdeswert wird ... bei Wetten, bei Geschenken zugrunde gelegt, der Preis eines Kamels nach Pferden bestimmt. Ohne Pferd ist der Kirgise dasselbe, was bei uns ein heimatloser Mann, ohne Pferd hält er sich selber für den Ärmsten unter der Sonne: Das Pferd ist unbedingt das wichtigste, nicht allein das edelste seiner Haustiere."14 Brehm vergleicht das Verhalten des Kirgisen zu seinem Pferd mit dem der Araber, Engländer oder Deutschen. Von den Eigenarten des menschlichen Verhaltens geht er zu Eigenarten der Pferde selbst über. Wenn er bei Thema "Pferd" schließlich in der Volkspoesie und bei Liedern landet, scheint es, als wäre für ihn das Verhältnis des Menschen zum Tier ein Kultur- und Zivilisationsmerkmal. Man bedenke, zu welcher Zeit diese Methode, die wir auch in seinem Hauptwerk finden, entstanden war. Auseinandersetzungen um Grundaussagen von Charles Darwin wurden als Bestandteil des großen Streits um die religiöse und die philosophische Weltsicht geführt. Brehm gehörte zu den Männern, die die Tierwelt auf neue Weise in die menschliche Umwelt aufgenommen haben.
Die Dichte der Funde und Erlebnisse der Reisenden setzt sich, wenn auch mit anderen Schwerpunkten, im Altai fort. Zwar wird die Zeit knapp, denn es ist Mitte Juni, man ist immer noch im Süden Sibiriens, während das eigentliche Ziel der Expedition Tausende Kilometer nördlicher liegt, und für Anfang Juli ist das Treffen mit der parallel organisierten russischen topographischen Expedition in Obdorsk geplant. Was aber in den zehn Tagen im Altai gesehen, erlebt, besprochen, entdeckt und festgehalten wurde, zeugt von einer immensen Arbeitsintensität, wobei eindeutig Alfred Brehm in den Mittelpunkt rückt. Es ist reizvoll, hier Erinnerungen des Bürgermeisters von Barnaul, Alexander Tscherkassow, über Erlebnisse mit Brehm auf der Jagd wiederzugeben. Man erfährt aus den vor kurzem in der Zeitschrift "Altai" neu publizierten Aufzeichnungen, wie Brehm auf seine sibirische Umgebung wirkte, wie er seine Begleiter über ihm bis dahin unbekannten Arten ausfragte, welche Witze er zwischendurch erzählte, wie man sich mit ihm ohne einen Dolmetscher verständigte.15 Für meine Absicht, die Reise stärker an den gesteckten Zielen zu messen, sind diese Ausführungen entbehrlich. Nicht zu übergehen sind in diesem Zusammenhang die Beobachtungen, die zu den Folgen der Isolierung einer reichen Region von den in Europa bereits üblichen Kommunikationsmöglichkeiten zu machen waren. Das Kapitel über den Altai beginnt bei Finsch in dem oben erwähnten Buch7 mit einer Bildvision, wie die touristische Reklame für einen Ort im Altaigebirge, angelegt als militärischer Kosakenstützpunkt erst fünf Jahre zuvor, aussehen könnte. Alle Herrlichkeiten, die ein europäischer Tourist erwartet, hätte der Ort reichlich zu bieten. Doch wie kommt man hin? Auf 17 bis 23 Tage ununterbrochener Fahrzeit per Eisenbahn, Dampfer und Pferdekutsche ist Finsch gekommen und schlußfolgerte daraus, daß der Altai von den Touristenherden noch für lange Zeit verschont bleiben würde. Auch in den Bereichen, in welchen die an Reformen Interessierten Einfluß in der Regierung besäßen, wären Veränderungen nicht in Sicht. Die wertvollen Vasen für die Eremitage, die in der Steinschleiferei von Kolywan hergestellt wurden, kosteten den Staat enorme Summen wegen des auf vielfache Weise irrationalen Bearbeitungs- und Transportsystems. Goldkarawanen, mit welchen das Edelmetall nach St. Petersburg gebracht wurde, sind zwar eine touristische Attraktion und zugleich eine Art Kulturphänomen. Jedoch sind sie eindeutig von der Zeit überholt, und es ist bemerkenswert, daß in Brehms Schilderungen der Goldkarawane der Gedanke nicht fehlt, welche Bedeutung dieses aufwendige Transportmittel im Alltagsleben von Barnaul spielt. Der Anlaß zu näherer Bekanntschaft mit dieser Einrichtung war übrigens nicht nur die allgemeine Wißbegierde, sondern das Angebot der gastfreundlichen Stadtherren, die bereits auf 13 große Holzkisten angewachsenen Sammlungen der Expedition mit der im August erwarteten Karawane nach Petersburg zu schicken. Insgesamt merkt man, daß die Altaischilderungen der drei Gelehrten die gewisse Naivität der ersten Begegnungen mit der sibirischen Wirklichkeit allmählich verlieren. Die Beobachtungen der Sitten und Gebräuche werden genauer, Urteile zutreffender. Im unterschiedlichen Maße, am meisten wohl bei Brehm, geht die Distanz verloren und man wagt sogar Empfehlungen zu geben, wie man dieser Region zum größeren Gewicht verhelfen könnte.
Von Barnaul nach Tomsk reiste man in großer Eile. Dort begab man sich zuerst zur Post, dann zu der Schiffahrtsagentur Ignatow&Koltschin, um sich nach der Abfahrt des Dampfers zu erkundigen. Am 2. Juli gegen Mitternacht erfolgte die Einschiffung der kleinen Expedition mit 54 Stück Gepäck auf dem Dampfer "Beletschenko", der nach dem Chef des Deportationswesens in Sibirien benannt war. Die Reisenden genossen das Leben an Bord, erkundigten sich bei dem Kapitän nach der Geschichte der Dampfschiffahrt auf den sibirischen Flüssen, unterhielten sich meist mit den Passagieren, die mit ihnen zusammen in der 1. Klasse reisten. (Ein Passagier in Uniform war seit zwei Monaten mit seinem siebenjährigen Sohn von Wladiwostok nach St. Petersburg unterwegs, um das Kind auf die Schule zu bringen. 14 Tage wollte der Vater in St. Petersburg verbringen und dann die 10.000 Werst lange Rückreise antreten. "Das ist Sibirien!" kommentiert Finsch mit Begeisterung.16) Passagiere der dritten Klasse, Deportierte und ihre Bewachung waren weitere Themen, die recht ausführliche Beschreibung fanden. Bis Samarowo, etwas oberhalb der Stelle, wo der Irtysch in den Ob mündet, ging es gemütlich und genüßlich zu, dann war die Dampferfahrt zu Ende. Weiter ging es bis Obdorsk auf zwei überdachten Ruderbooten. Diese Bootsfahrt erscheint in der späteren Schilderung mal als romantische Begegnung mit der Natur in der unmittelbaren Nähe des Polarkreises (Weiße Nacht am 7. Juli), mal als ein gefährliches Abenteuer, als die Boote am 9. Juli plötzlich den Hauptstrom verließen und in Berjosow, einem der ältesten Verbannungsorte Rußlands hinter dem Ural, landeten. Die Fortsetzung der Fahrt ohne einen einheimischen Begleiter wurde gefährlich. Glücklicherweise fand sich ein russischsprechender Ostjake, mit dem Finsch eine Vereinbarung über Begleit- und Dolmetscherdienste abschloß. Bei einem Zwischenhalt begegneten sie, wohl zum ersten Mal, einem russischen Privatforscher, Poljakow, der die Deutschen als eine Konkurrenz auffaßte und später entsprechend unfreundlich über sie berichtete.
Beginnend mit der Station Berjosow behandelten die Reiseaufzeichnungen zwei Themen - die Reiseroute und die Befahrbarkeit der Strecke bzw. die Bodenbeschaffenheit einerseits und ethnographische Beobachtungen der Ostjaken andererseits. Das Schwergewicht verlagerte sich endgültig auf letzteres, nachdem klar wurde, daß die Befunde in bezug auf die Hauptaufgabe der Expedition negativ sein würden.
Ungewißheit spricht aus Brehms Brief an seine Frau am Tage der Ankunft in Obdorsk: "Ob und wann diese Karte in Deine Hände gelangen wird, wissen die Götter; denn hier befinden wir uns wirklich am Ende der Welt ... Von hier gehen wir ... flußabwärts bis zur Mündung der Tschutschja und an den Barischen Meerbusen, Novaja Zemlja gegenüber, weil diesen Weg noch niemand gemacht hat ... Gleichzeitig mit uns geht eine heute von hier abgegangene russische Expedition dahin ab, so daß wir wenigstens nicht ganz allein sind ... Ob sich schließlich etwas herausstellen wird, weiß freilich niemand zu sagen; indessen die Reise wird gemacht. Dann geht's heimwärts."17 Den nächsten Brief konnte Brehm tatsächlich erst am 7. Oktober aus Tobolsk schreiben. Dazwischen lagen zum Teil gefährliche, unerwartete Situationen. Die Bootsfahrt fand am 27. Juli vorerst ein Ende. Ein Fußmarsch durch die Tundra wurde geplant, nachdem sich herausstellte, daß der Fluß Tschutschja, auf den die Hoffnungen auf die Kanalerrichtung gebaut waren, nicht schiffbar war. Die Route zum Karischen Meerbusen sah auf einer Zeichnung recht harmlos und kurz aus. Nachdem Tragesäcke genäht waren und eine "eiserne Reserve" an Proviant zusammengestellt - man hoffte im übrigen auf Rentierfleisch und Vogelwild - begaben sich elf Mann am 29. Juli ins Unbekannte. Am ersten Tag wurde 17 km zurückgelegt. Kein Haus, kein Tschum (ostjakische Jurte) in Sicht. Bei Regen mußte man einen notdürftigen Unterstand errichten. Am nächsten Tag fand man überraschend Rentierspuren, die zu zwei Tschums führten. Man hoffte, Rentiere erhalten zu können. Doch bereits auf dem Wege konnte man etwa 80 Rentierkadaver zählen - die Milzbrandseuche wütete in der gesamten Umgebung, eine sich blitzartig verbreitende Infektionskrankheit. Das Fleisch der verseuchten Tiere zu essen, war lebensgefährlich auch für Menschen. Brehm berichtete: "Mühselig, keuchend unter der unserem Rücken aufgebürdeten Last, ununterbrochen Tag und Nacht gequält von den Mücken, schritten wir durch die Tundra, nach stündiger, halbstündiger Wanderung, zuletzt nach je tausend Schritten Ruhe heischend und wegen der Mücken kaum sie findend. Zahllose Hügel überstiegen, ebenso viele Täler überschritten, kaum weniger Sümpfe, Moräste und Brüche durchwateten wir."18 Es klingt nach Überforderung und Resignation. Der Kontakt zu der russischen Gruppe war selten und zufällig. Hilfe hatten die beiden Gruppen voneinander kaum. Am 1. August erreichte man das erste größere Etappenziel in der Tundra, den Fluß Podarat. Brehms Urteil: "schön, weil frisch, lebendig, klar und rein, ist die Podarata: schiffbar aber ist sie nicht."19
Von dort ging es eine Weile mit Rentierschlitten gen Norden. Als der Karische Meerbusen zu sehen war, beschloß man, die Tundrawanderung nach Norden abzubrechen. Zurück ging es mal mit Rentierschlitten, mal zu Fuß. Wieder an der Tschutschja angelangt - dem Fluß, den man für die Schiffahrt bereits abgeschrieben hatte - war man überrascht, ein breites und sehr munteres Gebirgswasser vorzufinden. Zwar kamen hier nun die Ornithologen auf ihre Kosten, die Begründung für die Ablehnung des Kanalprojekts mußte jedoch neu geprüft werden. Jedoch fiel auch die wiederholte Prüfung wegen der starken Schwankungen des Wasserstands am Ende negativ aus. Die Idee des Kanalbaus war, wie sich später herausstellte, auch von der russischen Expedition abgelehnt worden. Man konzentrierte sich statt dessen auf die Frage der Eignung des Ob und des Meerbusens als mögliche Angelpunkte für die Wasserverbindung nach Europa, die auch von späteren Expeditionen weiter untersucht wurde. Die Finsch-Gruppe trug mit der Beschreibung des Ob und seines Wassersystems auf der gesamten Strecke zu entsprechender Klärung bei.
Auch in der ethnographischen Beobachtung des Lebens der Ostjaken und Wogulen (oder Chanten und Mansen, wie es später üblich wurde, diese Völker zu benennen) waren Finsch und seine Begleiter nicht professionell. Das war jedoch bei Reisenden in diese Gegend eher die Regel, denn selbst die orthodoxen Missionare, bei denen man einige Vorkenntnisse über die Völker, die es zu christianisieren galt, erwarten durfte, sind selten weiter als bis Obdorsk vorgedrungen. Es kam hinzu, daß, wie bereits aus den geschilderten Umständen klar wird, die Gruppe sehr auf die einheimischen Ostjaken angewiesen war. Als Ruderer - sehr oft weibliche -, als Gepäckträger und Pfadfinder waren Ostjaken angestellt. Sie boten auch Unterkunft und Rentiere. Einmal, schon kurz vor dem Meerbusen, begegneten sie dem Besitzer einer Herde, der bereit war, ihnen Rentiere für eine Wegstrecke zu Verfügung zu stellen, doch nur solange, wie sein Weg in gleicher Richtung lag wie ihr Ziel. Die ganze Herde von 200 Rentieren machte diesen Streckenabschnitt als Geleit für das Häufchen Reisender mit. Finsch faßte den Eindruck über den Umgang mit den Einheimischen so zusammen: "Unter denselben stehen unbedingte Ehrlichkeit, Friedfertigkeit und Gastfreundschaft obenan. Als sie unsere Versicherung, daß wir keine Kaufleute, Missionare oder Beamte seien, von denen sie nicht ohne Grund voraussahen, betrogen, getauft oder höher besteuert zu werden, bestätigt fanden, als sie sahen, daß wir keine Geschenke erwarteten und alles bezahlten, da schwand ihre Zurückhaltung und wir hatten eigentlich nie Grund zu klagen."20
Der aus der Sicht der damaligen europäischen Forschung wichtigste Fund gelang Finsch, als er zufällig auf heidnische Grabstätten stieß. Er beschrieb und zeichnete diese Grabstätten und brachte einige Schädel von Ostjaken mit, die er der großen Berliner Kapazität Dr. Rudolf Virchow zu Untersuchung überließ.21 Bezeichnend der Kommentar von Finsch zu eventuellen späteren Auslegungen von Virchows Urteilen: "Virchows Bemerkung über einen Schädel: ‚Die Kieferbildung erinnert an den Schimpansen' - wird hoffentlich spätere Schriftsteller nicht veranlassen, die ohnehin so oft falsch beurteilten Ostjaken und Samojeden, auch in geistiger Beziehung auf die Entwicklungsstufe menschgewordener Affen herabzuwürdigen. Derartige aus dem Zusammenhang herausgerissene Auslassungen erster Autoritäten werden nur zu gern von gewissen popularisierenden Schriftstellern benutzt, um subjektiven Ansichten als Relief zu dienen ... Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß diese Eingeborenen bisher keine Versuche machten, ihre Lage zu verbessern, ... so wird man dies bei richtiger Würdigung der Verhältnisse nicht anders erwarten können."22
Die Rückreise nach Moskau und St. Petersburg war lediglich durch die Zeitnot erschwert, denn vor dem Ende der Navigationszeit mußte man Perm und Kasan erreichen, um dann zu Anbindungen an die Eisenbahn zu gelangen. Am 28. Oktober war man wieder in Nischnij Nowgorod und am gleichen Abend ging's nach Moskau. "Wir waren nun wieder glücklich auf der Eisenbahn, deren Segnungen man nach einer solchen Reise erst recht würdigen lernt."23 Brehm blieb noch einige Tage in St. Petersburg, um Vorträge über die Reise zu halten. Waldburg-Zeil reiste gleich im Anschluß an die Expedition nach Omsk und war mehrere Tage Gast bei General-Gouverneur Kasnakow. Es ist anzunehmen, daß die Auswertung der Expedition einen wichtigen Gegenstand ihrer Gespräche bildete, denn Kasnakow unternahm 1878, wie bereits erwähnt, eine Schiffsreise zur Ob-Mündung, um sich aus eigener Anschauung eine Meinung zum Problem zu bilden. Sibirjakow war natürlich nicht geneigt, sein Projekt so schnell aufzugeben. Parallel hatte er übrigens eine Expedition zum Ob-Nebenfluß Ket ausgerichtet, um Möglichkeiten einer Kanalverbindung zwischen Ob und Jenissej weiter südlich zu erkunden. Wasserwege in Sibirien standen noch jahrzehntelang im Zentrum seiner weitgehenden Überlegungen über die Zukunft der Region. 1907 erschien sein Buch, das diesem Thema gewidmet war.24
Wie ist die Westsibirische Expedition einzuschätzen?
Unbestritten nimmt die Bremer Westsibirien-Expedition einen wichtigen Platz unter den europäischen Initiativen zu Erforschung der nordasiatischen Regionen ein. So differenziert, wie die Erwartungen an diese kleine Expedition waren, muß wohl auch die Bewertung der Einzelergebnisse sein. Aus der Sicht der Historikerin, die sich mit der Geschichte Sibiriens befaßt, bieten die Materialien der Expedition eine Quelle, die vor allem die Bemühungen um die Industrialisierung Sibiriens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dokumentiert. Der Beitrag zur Geschichte und Ethnographie der Völker Sibiriens ist ebenso wichtig. In beiden Fällen wird der Historiker nicht allein das in sein Bild aufnehmen wollen, was zum erstenmal beschrieben worden war, sondern auch die Veränderungen im Vergleich zu früheren und späteren Zeugnissen registrieren. Und nicht zu vergessen ist schließlich der Inhalt der erwähnten Holzkisten, die nach Deutschland abgeschickt wurden. Mehrere Museen und naturwissenschaftliche Einrichtungen in Deutschland und Österreich profitierten davon.
Für den Bremer Verein für die deutsche Nordpolarfahrt war die Auswertung des breiten Spektrums gewonnener Erkenntnisse eine Begründung für die Änderung des Namens und des Status - ab 1877 trug er den begehrten Namen Geographische Gesellschaft in Bremen. Am 29. August 1877 erhielt der General-Gouverneur Kasnakow ein Schreiben vom Innenminister, in dem ihm mitgeteilt wurde, daß der Präsident der neuen Gesellschaft ein Dankesschreiben für die vorzügliche Betreuung der Bremer West-Sibirischen Expedition an das russische Außenministerium gerichtet habe.25
1) Vgl.: H. Abel, H. Jessen. Kein Weg durch das Packeis. Anfänge der deutschen Polarforschung (1868-1889). Schriften der Wittheit zu Bremen, Reihe D, Bd. 21, H. 1., Bremen, 1954, S. 27-60.
2) Ebenda. S. 62.
3) Sibirjakow, der nicht müde wurde, seine Projekte auf den Tagungen der Gesellschaft diskutieren zu lassen, mußte erst die Skepsis der Gelehrten überwinden. Erst 1877 hat der Rat der Gesellschaft beschlossen, ihn als Anwärter auf die Mitgliedschaft - tschlen-sorewnowatel - anzuerkennen, vgl. Iswestija imperatorskago russkago geografitscheskago obschtschest-wa. Tom 13, 1877, wyp. I, str. 13, 62 ,85, 108, 194; Tom 13, 1877, wyp. 4, str. 83-94; Tom 16, 1880, wyp. 2, str. 81; Tom 17, 1881, wyp. 1, str. 72; Tom 19, 1883, wyp. 1, str. 1.
4) Gosudarstwennyj archiw Omskoj oblasti, fond 3, opis 9, delo 14044, str. 46-49. Im Folgenden: Archiv Omsk.
5) Brehm-Gedenkstätte und Archiv Renthendorf. A. Brehm. Briefe an Frau Mathilde Brehm. Im Folgenden Archiv Renthendorf.
6) F. G. Brustgi (Hrsg.). Forschungsreisen des Grafen v. Waldburg-Zeil nach Spitzbergen und Sibirien 1870, 1876, 1881. Konstanz 1987.
7) O. Finsch. Reise nach West-Sibirien im Jahre 1876. Auf Veranstaltung des Vereins für die Deutsche Nordpolarfahrt in Bremen unternommen mit Dr. A. E. Brehm und Karl Graf v. Waldburg-Zeil-Trauchburg von Dr. O. Finsch. Berlin, 1879. Im Folgenden: Finsch.
8) Archiv Omsk. fond 3, delo 14044.
9) Archiv Renthendorf. Inv.-Nr. 1421.
10) Vgl.: Ssylka i katorga v Sibiri (XVIII-natsch. XX w.). Nowosibirsk, 1975; Ludmila Thomas. Geschichte Sibiriens von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin, 1982, S. 74-84.
11) Archiv Omsk. Ebenda, Bl. 43 ob.
12) Ebenda, str. 44.
13) H.-P. Gensichen (Hrsg.). Alfred Edmund Brehm. Reise zu den Kirgisen. Aus dem Sibirientagebuch 1876. Leipzig, 1982.
14) Ebenda. S. 161 f.
15) A. Tscherkasow. Sapiski barnaulskogo gorodskogo golowy. In: Altai. Barnaul, 1993, H. 6, S. 115-123.
16) Finsch. S. 346.
17) Archiv Renthendorf. Nr. 75.
18) zitiert nach: W. Genschorek. Fremde Länder - Wilde Tiere. Das Leben des "Tiervaters Brehm". Leipzig, 1984, S. 190.
19) Ebenda. S. 192.
20) Finsch. S. 512 ff.
21) Vgl.: Bericht von Dr. Virchow in der Zeitschrift für Ethnologie. Berlin, Bd. 9, 1877, S. 330-347.
22) Finsch. S. 517 f.
23) Finsch. S.657.
24) A. M. Sibirjakow. O putjach soobschtschenija Sibiri i morskich snoschenijach eja s drugimi stranami. St. Petersburg, 1907.
25) Archiv Omsk. Ebenda. str. 79.