Ausgabe 2/2001
Vorwort
Im Jahre 1876 unternahmen Otto Finsch, Karl Graf von Waldburg-Zeil-Trauchburg und Alfred Edmund Brehm (
Abb. 1) auf Veranlassung des Vereins für die Deutsche Nordpolarfahrt in Bremen eine Expedition nach Westsibirien. Die Reise kam dank der großzügigen Spende eines jungen sibirischen Unternehmers, des Goldgrubenbesitzer (
Abb. 7) Alexander Sibirjakow, zustande. Die große Popularität des "Tiervaters Brehm" - im selben Jahr begann bereits die zweite Auflage von "Brehms Thierleben" zu erscheinen und Brehm hielt unermüdlich öffentliche Vorträge - führte dazu, daß die Bremer Expedition schon bald als die Brehmsche Westsibirienreise erinnert wurde. Bei näherer Betrachtung jedoch ist das Bild der Reise vielfältig, nicht der Tierkunde allein galt das Augenmerk der Reisenden. Sibirische wie europäische Kaufleute suchten nach neuen Schiffahrts- und Handelswegen, um von den europäischen Häfen zu den Mündungen der großen sibirischen Flüsse Ob und Jenissej und weiter ins Landesinnere zu gelangen. Der Weg dorthin führte nach der Umschiffung von Norwegen entlang der Nord-Ost-Passage durch die Barentssee zur Karasee. Die Bremer Expedition von 1876 sollte nach Sibirjakows Wünschen die Schiffbarkeit des Ob und seiner Nebenflüsse untersuchen. Die Wissenschaftler verbanden diesen Auftrag mit landes- und völkerkundlichen Beobachtungen in der Kirgisensteppe, im Altai und in der Tundra und untersuchten entlang ihres Weges die Pflanzen- und Tierwelt. So gestaltete sich die Reise zu einer fruchtbringenden Verknüpfung von wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Interessen.
Während der IV. DAMU-Expedition "Auf den Spuren Alexander von Humboldts in Russland" verfolgten wir in Westsibirien auch Brehms Spuren aufmerksam. In Archiven, Museen und Bibliotheken, in denen wir nach Dokumenten zu Humboldts Reise von 1829 suchten, stießen wir auf aufschlußreiche Belege zur Bremer Expedition von 1876. Im Frühjahr dieses Jahres veranstaltete die DAMU ein Seminar zur "Sibirien-Reise Alfred Brehms", auf dem Historiker, Zoologen und andere engagierte Brehm-Forscher zu Wort kamen. Aus den Vorträgen und Diskussionsbeiträgen entstand das vorliegende Heft.
125 Jahre sind seit der Reise von Finsch, Graf von Waldburg-Zeil und Brehm vergangen. Der aufmerksame Leser wird bemerken, daß das Quellenmaterial reichhaltig und teilweise unerschlossen, daß das letzte Wort zur Bremer Westsibirienexpedition von 1876 noch nicht gesprochen ist.
Die DAMU bedankt sich bei allen, die zum Gelingen des Seminars am 24. März und zum Erscheinen dieses Heftes beigetragen haben: den Referenten und Autoren, dem Antiquariat Ziegan, der Brehm-Gedenkstätte Renthendorf, der Drei Linden Film, dem Förderkreis Brehm, dem Zoologischen Garten Berlin.
Andreas Förster und Christine Titel
Berlin, im November 2001